37. Solothurner Literaturtage – ein Reise zu den Worten

An der Windschutzscheibe des BLS Wagons kleben noch die Regentropfen als gutgekleidete Menschen statt Baseballkäppi das Abteil betreten und sich der Ton vom täglichen Multikultislang zum Gespräch über Bücher breitmacht. Brillenträger, graue Haare und strenge Gesichtszüge, einmal im Jahr fahren die Menschen, die mehr lesen als 20 Minuten an die Solothurner Literaturtage. Die Boulevardzeitung publizierte ohne Absicht zur heutigen Eröffnung der Literaturtage einen Artikel mit dem Titel „Wie uns das Hirn zum Narren hält“ und irgendwie gehen wir Besucher, die nun vom Solothurner Bahnhof über die Aare zum Landhaus gehen, alle zu einem Anlass, der professionelles Lügen für drei Tage auf die Höhe hebt.

Malerisch, aber nass, ein Hochzeitspaar posiert vor der gotischen Kirche für ein Foto und eine Strasse weiter werden gleich Schreiber wie Ruth Schwiekert, Pedro Lenz, Martin R. Dean, Lukas Hartmann versuchen mit ausgesuchten Worten, die Gunst der Zuschauer im wortgewaltigen digitalen Zeitalter für das gedruckte Buch zurückzugewinnen.

Wie schwierig das ist, merkt die in Zürich lebende Aargauerin Ruth Schweikert. Vor zwanzig Jahren wurde sie als eigenständige Stimme mit „Nüsse totschlagen“ gefeiert, Zehn Jahre sind seit ihrem letzten Werk vergangen und dann verwechselt der Moderator zu Beginn auch noch den Titel des nächste Woche erscheinen Romans „“Wie wir älter werden“.  Ruth Schweikert, mittlerweile fünffache Mutter von Jungen reklamiert und beginnt zu lesen in einem Raum mit dreihundert Zuhörerinnen. Die Männer sind in der Minderzahl, Schreiberinnen profitieren von der Gunst ihrer heimlichen Freundinnen, den Leserinnen.

Die leben zwar nach Aussen ein konservatives Leben, aber das Buch gibt ihnen die Fantasie zurück, die ihnen die Konvention stiehlt.

Ruth Schweikert werden Fragen gestellt, sie gestikuliert wild, irgendwie hat sie sich noch nicht vom Inhalt des Buches, der sie über Monate in Bann zog beim Schreiben, verabschiedet, sie kann nicht gut frei sprechen, also liest sie weiter. Doch die Familiengeschichte über drei Generationen kommt mässig an. Die Zuschauerinnen schauen aufs Handy, in die Tragtasche, verlassen den Raum, kurzer Applaus.

Kurzes Durchatmen, Mails checken in den Gängen, Nun treffen immer mehr Namen der Schweizer Literatur ein, deren Zeit an- oder abgelaufen ist oder vom Lokalbonus profitieren wie Peter Bichsel, der vor seiner Lieblingsbeiz eine Zigarrette raucht und nasal leise spricht. Andere stöbern im improvisierten Bücherladen in der Jugendherberge nebenan.

Es geht gegen Abend, die Warteschlangen werden länger, Ich verschaffe mir mit einem Trick einen schnellen Zutritt zur Lesung vom Basler Martin R. Dean, der mal mein Lehrer war und noch heute unterrichtet.

Ich erschrecke über sein verändertes Aussehen, 25 Jahre nicht gesehen und doch habe ich seinen Schreibstilton noch im Ohr als er beginnt zu lesen, erinnere ich mich und auch das altersmässig gemischte Publikum lauscht seinem Essayband „Verbeugung vor Spiegeln“ über Fremdheit zu. Als Sohn eines Inders kannte er das Angestarrtwerden im Dorf.

Ob ihm heute alle Zuhörer wohlgesinnter sind?

Seine Texte sind Selbstbespiegelungen und politisch zugleich. Er greift den Bundesrat an wegen der Flüchtlingspolitik und sagt zum Schluss „Ich hoffe nicht, dass wir alle zu einem Ballenbergmuseum werden“.

Einige lachen und einige denken nach.

Der Regen hat aufgehört, Frauenschuhe klappern auf dem Klopfsteinpfaster, Gerüche von Türken- und Tamillenfressbuden dringen mir in die Nase und ich frage mich auf dem Weg zum Bahnhof;

Kann Literatur heute wie Zeiten der ersten Literaturtage vor siebenunddreissig Jahren Menschen, die Deutsch sprechen und lesen, noch verändern oder ist sie nur noch Unterhaltung, die jedes Jahr neue Gesichter und Geschichten ausspuckt, um die Langweile der Schweizer zu befriedigen?

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