Diego Hangartner zeigt, wie geistige Ausgeglichenheit geht

Der Stress in der Arbeitswelt, Umwelt und oft auch im Privaten ist heutzutage für viele gross. Auch Diego Hangartner kannte den Mangel an geistiger Ausgeglichenheit, doch er suchte und fand Lösungen dagegen. Im Zentrum für buddhistische Philosophie und Praxis in Niederwangen gibt er bald ein Seminar für mentales und emotionales Wohlbefinden, doch vorher beantwortete er noch einige Fragen ausführlich.

Diego Hangartner, Sie sind Gründer des Institute of Secular Ehtics and Metal Balance in Zürich und lernen MENTALE Ausgeglichheit. Sie kennen sicher das Sprichwort, Morgenstund hat Gold im Mund, was für mich auch immer so was heisst, wie die Gedanken am Morgen bestimmen den Tag. Wie gestaltet ein Wissenschafter sein Morgenritual, damit er gut durch den Tag kommt?

Mein Morgenritual ist dass ich mir die ersten Stunden des Tages nehme um meine mentale Klarheit und Stabilität zu pflegen – genauso wie andere sich mit einem Körperritual (Dusche, Sport, Bewegung, oder Frühstück) um deren körperliche Gesundheit sorgen. Bei mir steht im Vordergrund was ich tun kann um meine mentale Hygiene zu pflegen, die innere Gelassenheit zu halten um den täglichen Herausforderungen mit innerer Ruhe und eigener Freude zu begegnen, sowie andere zu Freude zu verhelfen – denn ein Tag ist lang und hat Tausende von Ablenkungen. Wenn ich mich so auf den Tag vorbereite erlebe ich ihn voller, reicher, konzentrierter, mit mehr innerer Freude und mit viel weniger negativen Emotionen.

Vom 14.- 16.Oktober findet in Niederwangen im Zentrum für buddhistische Philosophie und Praxis Ihr Seminar “mentale und emotionales Wohlbefinden kultivieren” statt. Was kann der Besucher da erwarten?

Teilnehmer werden erleben und selber erforschen können, wie ihr Geist funktioniert. Falls es in unserem Bewusstsein Aspekte gibt die eher leidensvermehrend sind, dann werden die Teilnehmer lernen wie damit umzugehen. Falls es aber Anteile gibt, die echtes Wohlbefinden fördern, dann können diese kultiviert werden. Leider pflegen und fördern wir aber vorwiegend mentale Prozesse, die zu mehr Frustration führen. Frustration selber ist ja eine mentale Erfahrung, und die entsteht im Geist und nirgends anderswo.

Mentales Training hat vor allem damit zu tun: es ist ein Vertrautmachen mit den mentalen Prozessen, hilft zu erkennen was zu Frustration führt, und besteht auch aus dem Kultivieren von positiven Eigenschaften wie Konzentration, mentaler Stabilität, Freude, Gelassenheit, Wohlwollen, etc.
Die Wissenschaft beginnt sich dafür zu interessieren, und ich bin seit vielen Jahren in der neuro-wissenschaftlichen Erforschung positiver mentaler Eigenschaften involviert. Entsprechend werden neueste Forschungsergebnisse präsentiert und in Beziehung gesetzt wie das die kontemplativen Traditionen, vor allem der Buddhismus, angehen. Der Nutzen wird direkt erfahrbar sein, was wiederum für die eigene Lebensführung von grosser Bedeutung sein kann.

Sie sind Pharmazeut und arbeiteten im Suchtbereich. Waren Sie im Hamsterrad Arbeit gefangen, bevor Sie das Institut gründeten und wie kommt man aus dem immer gleichen Trott raus?

Auch ich war im Hamsterrad gefangen – aber nicht wirklich in jenem der Arbeit, sondern in jenem meiner Gedanken und Emotionen. Das ist letztendlich der entscheidende Punkt wo ich etwas ändern kann. Für viele ist Arbeit, und das damit verbundene Geldverdienen, nur soweit von Bedeutung als dass Arbeit vor allem die Komponente der relativen Sicherheit anspricht. Was aber wenn wir Geld haben, unsere biologischen Grundbedürfnisse abgedeckt haben, aber dennoch weiterhin innere Leere, Frustration, Trauer, Ziellosigkeit und mentale Erschöpfung erleben?

Für mich ist Arbeit vor allem mit Sinn und Zweck verbunden: wenn ich erkenne welche Arbeit mir Sinn gibt, und ich sie mit meinen innersten Beweggründen verbinden kann, dann ist sie kein Hamsterrad. Aber genau diese Fragen muss man sich stellen um aus dem Hamsterrad heraus zu kommen. Und dazu braucht es eine mentale Klarheit, die erkennt was mich wirklich im Innersten bewegt. Immer mehr Personen wagen sich diese Fragen zu stellen, und ich begrüsse dies sehr.
Diese inneren Werte sind unserer Kultur abhanden gekommen, vor allem weil wir uns auf die äusseren Werte (Geld, Arbeit, Haus, neuestes iPhone) konzentrieren. Das geht leider auf Kosten des inneren Sinns und der mentalen Ausgeglichenheit. Unser Geist antwortet mit Rastlosigkeit, Ängsten und Depressionen. Doch was sind die positiven Qualitäten des Geists? Was verstehen wir darunter? Wie können wir das bewirken?

Wir sind zwar eines der reichsten Länder der Welt, aber der Preis mit Arbeitstress, verdichtetes Wohnen und zuviel Menschen in einem zu kleinen Land ist gross und macht vielen Kopfweh, weil sie sich nicht mehr spüren. Einige gehen ins Yoga, andere greifen zum Medikament, andere gegen zum Seelendoktor. Hat Indien und seine Wissen über die Seele den Geist, der uns fehlt?

Mich hat vor allem die Tatsache beunruhigt, dass wir im Westen nur sehr wenig verstehen was ein gesundes, funktionierendes, zufriedenes, ausgewogenes und glückliches Bewusstsein ist. Wir fokussieren uns viel zu viel auf Dysfunktionen wie Pathologieformen der Psyche: psychosen, Sucht, Angst, Depressionen, Stress, Rastlosigkeit. Wahrscheinlich auch weil wir viel davon haben. Doch was genau die Ursachen dieser Epidemie der psychischen Krankheiten sind ist, selbst nach all den vielen Forschungsarbeiten, nach wie vor unklar. Es gibt kein neuro-biologisches Modell für die Ursache, und wird es meiner Meinung nach nicht geben. Sucht, z.Bsp., ist nicht durch ein Ungleichgewicht der Neurotransmitter verursacht, sondern sie sind eine Folgereaktion davon. Bei allen Menschen steht der Wunsch nach ‘Frustrationsfreiheit’ und Leidensfreiheit im Vordergrund – leider über die Sackgassen der Sucht, des obsessiven und im kompulsiven Verhaltens.
Nur eine direkte Auseinandersetzung mit dem Bewusstsein kann diese Fragen klären. Kein fMRI oder EEG kann das erklären – denn dazu braucht es ein stabiles und klares Bewusstsein. Das lehre ich in meinen Kursen.

Auf den Fotos wirken Sie stets lächelnd und ausgeglichen, was bringt sie in Rage und ist es nur tief Durchatmen, das Sie wieder ins Gleichgewicht bringt?

Ich habe mich schon lange nicht mehr in Rage erlebt – das heisst aber nicht, dass ich keine Wut erlebe. Ich habe jedoch gelernt zu erkennen wenn mich die Wut packt und mir vorgaukelt ich solle nun aus diesem Zustand heraus reagieren. Das Erkennen der Prozesse, und das Wissen dass die Wut ein mentales Gift ist, hilft mir sehr dabei nicht sofort auf diesen Zustand einzugehen. Wut verursacht nur noch mehr Schaden – sowohl in mir selber (physiologisch, mental) wie auch in den Beziehungen mit anderen. Das soll aber nicht heissen, dass ich nicht einen festen Standpunkt einnehme wenn etwas ungerecht ist, wenn etwas falsch ist, oder unangebracht ist. Aber eben nicht aus einer Haltung der Wut, sondern aus einem Zustand der inneren Stärke und Klarheit.

Sie haben mit Dalai Lama und Nobelpreisträger zusammengearbeitet, Bücher veröffentlicht, ein reiches Leben geführt. Was möchten Sie persönlich oder das Insitut in den kommenden Jahren noch in Angriff nehmen?

Eines der Herausforderungen ist die praktische Anwendung und Übersetzung der Übungen und der Forschungsergebnisse. Während es mittlerweile eindeutig ist dass gewisse kontemplative Methoden einen Nutzen haben, steht die Frage im Vordergrund wie das ganze Wissen praktisch zu lernen ist. Ein Ziel des Instituts und meiner Arbeit ist es, das Wissen und diese Weisheit der allgemeinen Bevölkerung zugänglich zu machen. Darum lehre ich in Schulen, in Unternehmen, in Spitälern, und überall dort wo sich Menschen für Werkzeuge interessieren wie mentale Balance und die positiven Eigenschaften des Bewusstseins kultiviert und gepflegt werden kann – jenseits von Religion.

Eine wichtige Dimension dazu ist die Frage nach der Ethik – denn ohne Ethik kann keine mentale Balance gelebt werden. Und ohne mentale Balance ist es nur schwer möglich eine Ethik zu leben die zu mehr Wohlbefinden für alle führt. Neueste sozial neuro-wissenschaftliche, ökonomische, klinische und anthropologische Studien deuten ganz klar darauf, dass Menschen ein höchst soziales, in Gruppen funktionierendes Wesen ist – und wenn diese Strukturen auseinander brechen, dann geht das auf die Kosten des Wohls aller. Und wenn ich die Technologieglaubwürdigkeit und vor allem die Technologieabhängigkeit betrachte, dann sind wir auf dem besten Weg dazu noch unglücklicher, isolierter und unzufrieden zu sein.
Schon Albert Einstein sagte: „Ich fürchte den Tag, an dem die Technologie die menschliche Interaktion übertrifft.

Die Welt wird eine Generation von Idioten haben.“

Für mehr Informationen zur Person  Diego Hangartner
Für einen Einführungskurs vom 14.-16. Oktober, Landguet Ried Niederwangen

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