Luzerner Stadtoriginal Emil Manser im Historischen Museum Luzern

Ab dem 9. Dezember bekommt Luzerns Strassenkünstler Emil Manser unter dem Titel „Wer mich kennt, liebt mich“ im Historischen Museum eine Ausstellung. Der Direktor des Museums und Kurator der Ausstellung Christoph Lichtin spricht über Luzerns ungewöhnlichen Mitbürger.

Ab dem 9. Dezember zeigt das Historische Museum Luzern Emil Manser. Als Berner kenne ich den Strassenkünstler nicht, wer war er?
Der aus dem Kanton Appenzell stammende Emil Manser gehörte ab 1990 zum Stadtbild Luzerns. Er war an bevorzugten Plätzen mit selbst verfertigten, grossformatigen Plakaten anzutreffen. Diese hatten immer einen ausgeprägten Sprachwitz, waren plakativ im eigentlichen Wortsinn. Neben Tagesaktualitäten, gesellschaftskritischen Kommentaren und Sinnsprüchen zielten seine Texte auf die direkte Kommunikation mit den Mitmenschen. Dabei reflektierte Manser durchaus doppelbödig und mehrschichtig seine Rolle in der Öffentlichkeit, als Mann, potenzieller Liebhaber, Narr oder Kind Gebliebener. Emil Manser richtete sich in seinen Texten in einem mündlichen Stil an die Mitbürger, als einer, der seine Meinung kundtun will, der Toleranz einfordert, sich gegen Machtgefälle wehrt und gesellschaftliche Unterschiede kritisiert. Und schliesslich ging es ihm natürlich auch um ein bisschen Geld, das er den Passanten abluchsen wollte.
Sie zeigen ja nichts Vorweihnächtliches und trotzdem überrascht der Titel “Wer mich kennt, liebt mich” als passend in den Advent? Für welche Werte stand Emil Manser ein?
Mit dem Satz «Wer mich kennt, liebt mich» kommentierte Manser die kontroversen Reaktionen, die sein Tun auslöste. Während er einigen Mitbürgern mit seiner direkten Art auf die Nerven geht, erfährt er von anderen viel Sympathie. Macht und Freiheit waren seine Kernthemen, da war er Spezialist und hatte einschlägige Erfahrungen. Schliesslich war er seit 1982 unter Vormundschaft gestellt und wurde immer wieder in die Psychiatrie eingeliefert. Vor allem wenn er mit zu viel Alkohol am falschen Ort auftauchte. Über Kirche, Schule, Polizei, Politik machte er sich in seinen Plakattexten lustig. Kinder waren ihm ein grosses Anliegen, so warb er für seine Kinderpartei. Kinder sollten nicht indoktriniert, Menschen nicht entmündigt werden: das waren seine zentralen Anliegen.
 
2004 beging Emil Manser Selbstmord. Wie gingen Sie an einen verstorbenen Strassenkünstler ran, der ja keine Nachlassenschaftsverwaltung wie grosse Maler hat und auf welche Blickwinkel legen Sie die Ausstellung aus?
Das muss ich etwas präzisieren. Emil Manser wählte den grossen Abgang. Er sprang am 3. August 2004 in die Reuss – nicht ohne ein letztes Plakat an seine Mitmenschen zu hinterlassen: «Krebs! (wählte Abkürzung in Himmel)». Mit dem Sprung ins Wasser als letztem Akt erinnerte er natürlich an einen berühmten Vorgänger aus der Reihe der Stadtoriginale, an Dällebach Kari aus Bern. Mansers Tod hat in Luzern eine riesige Resonanz ausgelöst. An der Abschiedsfeier war die Kirche übervoll. Und es bildete sich um seine letzte Lebenspartnerin eine Gruppe von Fans, die sich um seine Hinterlassenschaft kümmerte und auch ein wunderbares Buch über ihn herausgegeben hat. Dieses wird bereits in der fünften Auflage verkauft. Emil Manser ist bis heute in der Erinnerung der Luzerner geblieben und seine abgründigen Lebensweisheiten und Sprüche faszinieren sogar Menschen, die Emil Manser gar nie erlebt haben. Im Nachgang zu den Aktivitäten nach Mansers Tod gelangten auch rund 150 seiner Plakate und Gegenstände in die Sammlung des Historischen Museums. Ein Teil davon ist nun in der Ausstellung zu sehen. Ich versuche dabei auch den Kontext von Mansers Auftritten oder Performances – oder wie immer man seine Aktivitäten auch nennen möchte – aufzuzeigen. So sind auch Fotografien von Referenzfiguren, die ebenfalls mit Plakaten in der Öffentlichkeit auftraten, wie Ben Vautier, Charles Chaplin oder des Friedensapostels Max Daetwyler zu sehen.
Gerade ist Punk 40 Jahre alt geworden und irgendwie war ja auch Emil Manser ein typisches Kind der alternativen Szene zwischen 1977-1990 und heute wohl im Kommerzzeitalter nicht mehr möglich. Was haben Sie von diesem aussergewöhnlichen Luzerner über die monatelange Beschäftigung zur Ausstellung für sich gelernt, erkannt?
Es stellte sich mir die Frage, wo denn heute die Stadtoriginale zu finden sind, die es gerade in Luzern zu Hauf gab. Es existiert hier sogar eine Zunft, die sich um die Tradition der Stadtoriginale kümmert. Heute fallen Figuren einfach viel weniger auf, sind offenbar schneller in einen institutionellen Rahmen eingebunden. Alles ist viel organisierter und aufgeräumter, aber vielleicht auch langweiliger. Auf seine Art war Emil Manser eben einmalig und mit seiner Sprachkunst berührte er auch mich, obwohl ich ihn ebenfalls nie erlebt habe. Bei meinen Recherchen wurde aber auch deutlich, dass Manser in seinem Leben viele Versuche gemacht hat, um zurechtzukommen, aber schliesslich doch spektakulär gescheitert ist. Uns hat er ein beeindruckendes, witziges und inspirierendes Vermächtnis hinterlassen, aber sein Leben war alles andere als lustig.
Mehr Infos zur Ausstellung Emil Manser ab dem 9.12. und dem Historischen Museum Luzern hier

Geiger Sebastian Bohren über sein argovia phil. Konzert und Privates

Vom 19. bis 24. Januar 2017 spielen im 3. Abo-Konzert bei argovia philharmonics der Geiger Sebastian Bohren und die Cellistin Chiara Enderle. „Vermächtnis und Erbe“ beinhaltet Schumanns Ouvertüre, Beethovens 7. Symphonie und Brahms Doppelkonzert für Violine und Violoncello. Muri, Rheinfelden, Aarau und Baden sind die Orte, wo die Jung-Stars auftreten. In einer zweiteiligen Serie stellen sie sich vor und machen gleich noch ein paar Handyfotos. Den Anfang macht Sebastian Bohren.

Im Januar bekommst Du Sebastian Bohren bei argovia philharmonic eine grosse Chance mit dem Konzert “Vermächtnis und Erbe”. Suche ich eine Arbeit, muss ich mich bewerben auf ein Inserat, wie bekommst Du als junger Musiker zu Deinem Arbeitsplatz, der Bühne? 

Das ist schwierig zu sagen, eine Musikerkarriere ist ein sehr dynamischer Prozess und viele Faktoren spielen mit. Generell kann man sagen dass das „gesprochene Wort“, die Empfehlung von Veranstaltern, Musikern oder Agenten untereinander immer noch die wichtigste Rolle spielen einen Musiker einzuladen – trotz der heutigen Trends mit social media, youtube etc.

Man baut sich über viele Jahre in kleinen Schritten eine Karriere auf. Glück spielt dabei sicher eine Rolle aber vor allem auch wie man auf die Chancen und Möglichkeiten die sich einem eröffnen reagiert und sie auch entsprechend als „Multiplikatoren“ nutzen kann. In meinem Fall ist es so dass ich Konzerte auch selber organisiere oder mitorganisiere. Dann arbeite ich mit anderen Musikern zusammen die das auch tun und so baue ich mir ein Netzwerk unter Musikern auf. Wenn man dann hervorragende Arbeit leistet hat man immer wieder neue Möglichkeiten zu wachsen und die Karriere positiv zu entwickeln.

“Vermächtnis und Erbe” enthält neben Schumanns Ouvertüren, Beethovens 7. Symphonie auch noch Brahms. Kriegst Du im ersten Moment bei so grossen Namen und ihren Werken nicht weiche Knie und welche Probleme gab es beim Einstudieren?

Eigentlich gar nicht. Meistens ist zum Zeitpunkt der Anfrage der Konzerttag noch weit weg und man ist sich sicher bis dahin alles zu meistern. Wichtig ist aber dass man lernt einzuschätzen wieviel Aufwand und Vorbereitung ein Werk braucht. Als freischaffender Musiker kann es mir passieren dass ich in kurzer Zeit sehr viel verschiedenes Repertoire im Konzert spielen muss, da muss ich mich in der Vorbereitung klug einteilen. Das lernt man mit der Zeit. Jeder Musiker weiss wie er am Besten und Schnellsten zu seiner Bestform kommt. Die Quadratur des Kreises ist dann halt der Versuch, sich perfekt zu organisieren. Oft hat man in einem Moment zuviel und im nächsten etwas zu wenig um die Spannung beim Üben wirklich hoch zu halten.

Beim Doppelkonzert von Brahms ist es tatsächlich besonders: Zuerst arbeitet man allein sehr genau am Werk, dann zu zweit, und dann erst mit dem Orchester. Im Moment wo wir zum Orchester kommen müssen wir uns über viele Aspekte unserer Interpretation schon einig sein.

 Sebastian aus Winterthur, Du bist jung und wirst als Geiger schon in der Welt gefeiert. Hast Du trotz Deines ungewöhnlichen Lebenslaufes noch Kontakt zum Fussvolk Deiner Stadt und was machst Du in Deiner Freizeit?

Ich wurde in Winterthur geboren und bin ich im Aargau aufgewachsen! Ich fühle mich als Aargauer der seit dem Besuch des Kunst- und Sportgymnasiums in Zürich lebt. Ich sehe meinen Lebenslauf nicht besonders ungewöhnlich was die Musik betrifft. Ich habe mit acht Jahre angefangen zu geigen und erst so mit elf Jahren viel intensiver geübt. Die eingehende Beschäftigung mit Musik, Sport oder einem Hobby ist absolut sinnstiftend und hat mir viel Freude gemacht. In meinem Alltag konzentriere ich mich sehr auf meine Karriere. Geige spielen ist Spitzensport. Alles ordnet sich dem Ziel unter, als Geiger wirkliche interpretatorische Tiefe und Klasse zu erreichen, immer wieder neu.

In meiner „Musik-freien Zeit“ sehe ich meine Freunde. Ich mag Restaurants, Fussball und selten Kino.

Das tägliche Ueben und fast blind eine Ouvertüre spielen können, versucht ja seelische Tiefs zu überspielen? Wie sehen Deine Stunden vor der Premiere aus und was machst Du, wenn es an einem Tag einfach nicht so geht wie Du es willst?

Vor der Premiere oder: wenn ein wichtiges Konzert ansteht ist die innere Aufregung schon sehr gross. Das Beste ist wenn man sich fast den ganzen Tag auf sich selbst konzentrieren kann und wenn man sich trotz Ängsten mit dem Gedanken konfrontiert dass man auf die Bühne gehen wird und spielt, komme was wolle. Man muss diese Spannung annehmen und auch begrüssen, sich quasi mit ihr versöhnen, damit sie Einem hilft statt einen hemmt. Das gelingt leider nicht immer. Bei 80 Auftritten im Jahr hat man manchmal sogar zu wenig Spannung und ist dann im Konzert zu wenig konzentriert.

Wenn man unzufreiden ist mit der eigenen Leistung dann kann das zum Antrieb werden, es nächstes Mal wieder besser zu machen. Ich bin selten ganz überglücklich über ein Konzert. Vielleicht 1, 2 Mal im Jahr.

In “Vermächtnis und Erbe” spielst Du das Können alter Meister nach. Juckt es nicht in den Fingern mit eigenem Material und eigener CD durch die Welt zu ziehen und hast Du schon in diese Richtung Pläne?

Ich habe bereits eine CD herausgegeben mit Beethovens Violinkonzert, die von den Kritikern sehr positiv bewertet wurde. Im März 2017 kommt die Nächste, auch mit dem Ensemble CHAARTS, mit dem ich sehr eng zusammen arbeite. Wir haben Violinwerke von Hartmann, Mendelssohn und Schubert aufgenommen. 2017 und 2018 habe ich weitere grosse Pläne. Verrate aber noch nichts.

Du hast zu diesem Interview auch noch Handyfotos beigesteuert, welche drei Musiker gehören momentan zu Deiner Top-Playliste?

Ich habe vor einigen Wochen den Geiger Aaron Rosand entdeckt, höre momentan viel seine alten Aufnahmen. Nathan Milstein höre ich auch sehr oft und sonst hör ich öfter auch Roger Schawinskis „Radio1“

Das 3. Abo-Konzert „Vermächtnis und Erbe“ findet an folgenden Daten statt:

DO 19.01.17; 20.00h; Rheinfelden (AG) Bahnhofssaal

FR 20.01.17; 19.30h; Baden Trafo

SA 21.01.17; 19.30h; Muri (AG) Kloster, Festsaal

SO 22.01.17; 17.00h; Aarau Kultur und Kongresshaus

DI 24.01.17; 19.30h; Aarau Kultur und Kongresshaus

Karten und Infos 

 

SRF – Licht aus Spot an – Besuch beim Fernsehen

Die Zeiten als das Schweizer Fernsehen Strassenfeger wie „Teleboy oder Benissimo“ produzierte sind seit dem Internet vorbei und der Druck auf das staatlich finanzierte Fernsehen war auch beim Besuch im Leutschenbach stets spürbar, doch der Blick hinter die Kulissen der Fernsehemacher ist spannend.

Holdener Edi ist Sendeleiter auch bei „Happy Day“. Vor kurzem geriet er unter Beschuss wegen einem Streich mit Röbi Koller mit einem falschen Schwarzen für die „Verstehen Sie Spass?“ Sendung des deutschen Fernsehens. Er hatte als einer der ganz wenigen vom Streich gewusst.

Nun steht er an diesem Donnerstagabend um 17 Uhr noch voller Energie im Besucherraum an der Fernsehestrasse 1. An der Aussenmauer leuchten die aktuellen Aufzeichnungen und Sendungen während unsere Gruppe von 20 Leuten den rund 90 minütigen Gang durch die unzähligen Gänge treppenrauf und treppenrunter zu den Studios geht. Diese Besichtung des Fernsehens ist nichts für gehbehinderte oder schlecht zu Fuss Leute, das wird mir auf dem Weg zu „Einer gewinnt“ bewusst.

Vorbei an der Kantine öffnet der Guide, der dauernd im Luzener Dialekt spricht, die Türe, wo eben noch um Geld gespielt wurde. Quizsendungen werden immer in Staffeln von 12 Sendungen während einem Wochenende produziert. Das spart Geld, Leute und wohl etwas Strom. Brauchen doch die Spots einer Sendung locker den Stromverbrauch eines Stadtquartiers in einer Stunde. Jetzt surrt der Vendilator und kühlt. Der läuft auch in den Räumen von Schwaninski, der Club und Arena, auch wenn niemand darin arbeitet und interessant, die Räume dieser Sendungen sind oft nur mit einem Vorhang getrennt von einander.

Der Spardruck sieht der Besucher im Börsen- und „Schweiz aktuell“ Studio, wo eine Kamera ohne Mann dahinter den Moderator einfängt. Sie wird computergesteuert. So ist die Moderatorin zusammen mit einem, der den laufenden Text unter der Kamera überwacht alleine und die Regie ist wie auch bei anderen Sendungen wie  „Glanz und Gloria“ fast einen Kilometer entfernt in einer anderen Ecke.

In den Gängen duzt der Edi dauernd die Arbeiter, die oft alleine den Sendeablauf in dunklen Räumen ohne Tageslicht überwachen oder mit Trailers die Zeit bis zur nächsten Sendung überbrücken, wenn keine Werbung läuft. 600 Franken kostet eine Sekunde Werbung und ohne würde es das Schweizer Fernsehen nicht geben. Dreiviertel Billaggebühren gehen neben den Personalkosten vorallem in die Digitalisierung

und in die enormen Stromkosten. Die Realität von draussen oder eine eigene Sendung ans Licht ins Wohnzimmer bringen, ist ein Stromfesser und ich frage mich dauernd, woher diese Strommenge kommen soll, wenn wir die AKW abschalten.

Zweimal im Jahr kommt die Stylistin vorbei und die Moderatoren, die wir auf dem Besuchergang nicht hautnah sehen, werden eingekleidet, danach sind sie für ihre Outfits selber verantwortlich.

Interessant war auch das Studio 1. Das grösste Studio des Fernsehens, wo gerade die Fragerunde an den Fernsehdirektor Ueli Haldimann vorbeireitet wird, wird nicht so oft gebraucht, den der Aufbau einer Sendung wie “ Happy Day“ dauert drei Wochen. Wir konnten in der Schreinerei dahinter die kommenden Bauten bestaunen.

Nach rund zwei Stunden, Holdener Edi hatte Freude an uns und machte etwas länger als üblich, gibt er uns zum Abschied ein Geschenk und beim Gang aus dem Fernsehestudio Richtung Tram geht auf dem Dach das Licht an, „SRF METEO“ ist auf Sendung.

SRF

 Mail besuch@srf.ch

Buchen Sie eine die kostenlose Führung frühzeitig, es gibt viele Interessenten.

Fotografieren darf man mit dem Handy ohne Blitz.

Schriftsteller Werner Ryser zeigt Basel und spricht über das „Ketzerweib“

Obwohl Werner Ryser als Junge in der Schule den Geschichtsunterricht nicht mochte, weiss er über jede Ecke in Basel alle Details über die Geschehnisse durch die Jahrhunderte und beim Kaffee verriet er, warum er in seinem neuen Buch „Ketzerweib“ das Schicksal einer Emmentalerin Täuferin beschreibt.

Wir sind vor dem bürgerlichen Waisenhaus in der ehemaligen Kartause, wo Sie hinter dem Brunnen im ersten Stock jahrelang als Fürsorger gearbeitet haben. 

Wäre ich ein gnädiger Herr und hätte ihre Romanfigur im „Ketzerweib“ Anna Jacob im Emmental des 17. Jahrhundert besucht, hätte sie wohl wenig Freude gehabt. Warum?

Gefreut hätte sie sich nicht, den einem gnädigen Herrn aus Bern misstraute sie. Sie hätte sich aber auf den ersten Blick nichts anmerken lassen, sich klein gemacht wie eine Untertanin. Doch die Geschehnisse wenden sich gegen sie und sie schloss sich aus schierem Trotz den Täufern an und wurde schliesslich wegen ihrem Glauben inhaftiert und aus dem Gebiet der damaligen Republik Bern verbannt. So ist mein Buch auch ein Buch über den Glauben. Was er vermag und nicht, was er auslöst und was er bewirkt im Guten wie im Bösen.

Wir sind immer noch in Kleinbasel beim Totentanz beim Kloster Klingenthal

Nach ihrem letzten Buch „Walliser Totentanz“ tauchen Sie in „Ketzerweib“ wieder in eine andere Zeit der Vergangenheit. Was finden Sie dort, was Ihnen das Heute nicht bietet?


An den Täufern beeindruckt mich, wie sie als Erste darauf bestanden, an was sie glauben wollten. Sie wollten sich nichts vorschreiben lassen, nahmen viel Schmerz dafür in Kauf für den Glauben, der 1. die Erwachsenentaufe erlaubte, 2. dem Eid gegenüber der Obrigkeit verweigerte, 3. gegen Gewalt und Todesstrafe war. Die Freiheit des Einzelnen war ihnen wichtig.5000 Täufer wurden in Europa hingerichtet, Unzählige gefoltert auch in Bern.


Nahe des Klingenthal Museums hats neben den historischen Bauten auch das Rotlichtmilieu Basels und wir haben darüber gelacht auf unserem Spaziergang. Sie verknüpfen historische Tatsachen mit eigener Phantasie. Warum schreiben Sie keine faktenreichen Bücher?

Es gibt schon viele Geschichtsbücher über die Täufer, Der Geschichtsunterricht in der Schule war trocken, doch ich möchte Geschichte lebendig werden lassen mit meinen Schilderungen.Anna Jacob aus dem „Ketzerweib“ war eine aufmüpfige Frau. Ich stiess auf sie als ich den Stammbaum meiner Frau genauer ansah. Sie hat also gelebt, wenn auch vor 9. Generationen.

Nach einem Gang entlang der Unteren Rheinpromenade mit Blick auf Sankt Johann Vorstadt (Foto Titel), wo ihr nächstes Buch spielen wird, haben wir das Käppelijoch vor uns. Ein Pfeiler auf der mittleren Brücke, wo Dutzende von Liebesschlösser  am Gittertor hängen. Im „Ketzerweib“ wird für Religion gelitten, der Isalm macht heute Probleme, machen es die Chinesen besser und organisieren ihr Leben religiosfrei?


Ob Religion oder Kommunismus oder Ideologien das Zusammenleben regeln, kommt unter dem Strich auf das Gleiche raus, es wird schwierig. Ich liebe an der heutigen Zeit in der Schweiz, dass jeder glauben kann, was er will. Schrecklich finde ich nach der Wahl von Donald Trump den kommenden Rechtspopulismus der nächsten Jahre.

Jetzt sind wir ein ganz schönes Stück gelaufen und haben den Münsterplatz erreicht, wo gerade der Weihnachtsmarkt aufgebaut wird. Sie wollten mir aber die Bibliotheke der Allgemeinen Lesegesellschaft hinter der Kirche zeigen. Was ist schön am Beruf des Schriftstellers und was nicht?


Ich schreibe in meiner Basler- oder der Ferienhauswohnung im Goms sehr langsam. Ich kann auch in einer Beiz oder dem Zug schreiben. Meine Figuren entwicklen sich langsam und werden dann einen Teil von mir. Anna Jacob hat mich drei Jahre beschäftigt. Ich liebe die Recherche, weniger das Vorlesen und die ganze Werbung für ein Buch.

Da konnte ich Sie am Barfüsslerplatz, wo der Weihnachtsmarkt ist, doch noch überreden vor einem Tannenbaum zu posieren, obwohl Sie dies anfangs gar nicht wollten. Anna Jacob im „Ketzerweib“ wird vom Dorfpfarrer missbraucht und flieht in den Jura. Muss man ein missglücktes Leben haben, Gewalt erfahren haben, damit man ein Buch wie „Ketzerweib“ schreiben kann?

Nein, also ich hatte ein friedliches Leben, arbeitete als Sozialarbeiter, Vormund, Heimleiter für Drogenabhängige und bin nun in der Leitung der Pro Senectute Basel. Ich bin 40 Jahre mit meiner Frau verheiratet, habe zwei Kinder und bin gesund und schreibe im nächsten Buch über meinen Grossvater. Ob mein bürgerliches Leben einen Roman gegeben hätte? Wer weiss.

Danke Werner Ryser, dass Sie als ehemaliger Winterthurer sich drei Stunden Zeit nahmen für diese Baslertour im Zürcher Dialekt und seine Geschichten hinter jeder Hausmauer.

Das Buch „Ketzerweib“ erschien im Cosmos Verlag 

Paulo Coelho – Die Spionin – auf den Spuren von Mata Hari

In seinem neusten Roman bleibt sich der in Genf lebende Schriftsteller Paulo Coelho seiner Faszination für Frauenschicksale treu und schlüpft in die Haut der exotischen Tänzerin Mata Hari, die nach ihren eigenen Vorstellungen lebte und liebte und sich bei Ausbruch des ersten Weltkrieges auf ein gefährliches Doppelspiel einliess.

Wer war Mata Hari, und warum wollten Sie über sie schreiben?

Paulo Coelho: 

Mata Hari war mit ihren extravaganten Kleidern eine der Ikonen der Hippiebewegung – das böse Mädchen, die Außenseiterin, die geheimnisvolle Fremde –, wir fanden sie jedenfalls damals alle unglaublich faszinierend. Vierzig Jahre später brachte mein Anwalt bei einem Abendessen in Genf das Gespräch auf die vielen zu Unrecht im Ersten Weltkrieg zum Tode Verurteilten, von denen wir erst heute erfahren, weil jetzt nach und nach geheime Kriegsakten der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, so auch die des Prozesses gegen Mata Hari. Mein altes Interesse wurde wieder geweckt, und ich habe dann zu Hause angefangen, im Internet über sie nachzulesen. Meine Suche nach Informationen führte mich zu den vielen dieser jetzt veröffentlichten Dokumente und zu immer noch mehr Material über Mata Hari. Am nächsten Tag kaufte ich die ersten Bücher über sie und verbrachte das ganze Wochenende mit Lesen, ohne zu wissen, dass dies bereits die ersten Recherchen für einen neuen Roman sein sollten. Dass dies der Fall war, wurde mir klar, als ich mich daranmachte – anfangs als eine reine Gedankenspielerei –, mich in ihre Haut zu versetzen.

Wie sind Sie bei den Recherchen zu ihrem Leben und ihrer Epoche vorgegangen? Was hat Sie dabei am meisten überrascht?

Paulo Coelho: 

Mich hat vor allem überrascht, dass diese Frau, die immer wieder sexuellen Missbrauch und Gewalt erlebt hatte, sich mit zwanzig aus diesem Leben befreien und zu der werden konnte, die sie am Ende war. Was die Zeit, in der sie lebte, angeht, so war die Belle Époque eine Zeit der unbegrenzten Möglichkeiten. Das fand ich spannend, und ich habe mich bemüht, dem Leser, ohne ihn mit Fakten zu überhäufen, eine Vorstellung der Zeit zu vermitteln, in der meine Hauptfigur lebte. Dabei steht sie jedoch immer im Mittelpunkt meines Buches

In Ihrer Nachbemerkung schreiben Sie, das Geschehen im Buch beruhe auf wahren Begebenheiten. Welche Freiheiten haben Sie sich genommen?

Paulo Coelho:

Einerseits hält sich das Geschehen nah an die historischen Fakten, übernimmt die Reihenfolge der Ereignisse. Andererseits habe ich mich in die Haut Mata Haris versetzt und das Buch in der Ichform als langen fiktiven Brief aus ihrer Feder geschrieben. Da sind die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Phantasie zwangsläufig fließend. Ich denke jedoch, dass ich ihrer Art zu denken sehr nah gekommen bin. Vor etwa zwei Monaten machte ein niederländisches Museum einige erst kürzlich gefundene Briefe zugänglich, die Mata Hari als junge Frau schrieb, ehe sie ihrem Mann nach Niederländisch Ostindien (dem heutigen Java) folgte, und ein niederländischer Kritiker fand, ihm käme es so vor, als sei ich ihr Medium gewesen.

Was hat Sie dazu bewogen, Die Spionin als Briefroman zu schreiben?

Paulo Coelho:

Ein Brief gibt einem die Möglichkeit, jemandem das eigene Leben von innen heraus zu beschreiben, der es nur von außen kennt.

Wie fühlte es sich für Sie an, als Mata Hari zu schreiben?

Paulo Coelho:

Sie wich mir Tag und Nacht nicht mehr von der Seite, war während meiner Lektüre über ihre Epoche bei mir. Nach und nach wurde mir klar, wie sie gestrickt war, ich konnte mich mehr und mehr in ihre Gefühle und ihr Denken versetzen und daher die Beweggründe für ihr Handeln nachvollziehen.

Mata Hari war ein Star mit dem Ruf einer femme fatale. Mit Talent und einem Hang zu mystifizierenden Lügenmärchen schaffte sie es, berühmt zu werden. Was kann man von dieser komplexen Frauenfigur lernen?

Paulo Coelho: 

1. Dass die Verwirklichung eines Traums ihren Preis fordert. 2. Dass man darauf gefasst sein muss, angegriffen zu werden, wenn man es wagt, anders zu sein. 3. Dass es auch in einer feindlichen (von Männern bestimmten) Welt Mittel und Wege gibt, sich zu behaupten. 

Copyright Fotos Christian Alminana

Das Interview wurde von Diogenes zur Verfügung gestellt.

Paulo Coelhos Die Spionin erschienen als Roman und Hörbuch

Weitere Informationen und Bestellmöglichkeiten beim Diogenes Verlag

VIER PFOTEN – damit Tiere eine Stimme haben, wenn der Mensch sie misshandelt

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Vier Pfoten deckt Missstände am Tier weltweit auf. Auch in der Schweiz gibt es viel zu tun. Was und was jeder für mehr Menschlichkeit für das Tier machen kann, verrät Lucia Oeschger, Kampagnenleiterin bei der Tierschutzorganisation.

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Mein Nachbar auf dem Land ist ein grosser Landwirtschaftsbetrieb, wo das Kalb von der Mutter getrennt wird nach einiger Zeit und ich des Mutters Schreie in der Nacht höre. Ist das nun schon Tierquälerei und wie gehen Sie als “Vier Pfoten” Mitarbeiterin mit Meldungen aus der Bevölkerung um?

Tierquälerei ist ein weitestgehend subjektiver Begriff. Für uns relevant ist, ob etwas tierschutzwidrig ist oder nicht. Das Kalb von der Mutter zu trennen ist leider nicht tierschutzwidrig, weshalb wir auch die mutter- und ammengebundene Kälberaufzucht fördern.Meldungen gegen Tierschutzverstösse dürfen wir als private Stiftung nicht nachgehen, da wir keinen staatlichen Auftrag haben. Dies dürfen nur die jeweiligen kantonalen Veterinärämter, weswegen wir Meldungen aus der Bevölkerung jeweils dorthin verweisen müssen.

Seit 1992 ist die Würde des Tieres in der Verfassung verankert. Welche Probleme in der Schweiz und speziell in den Kantonen Bern/Freiburg sind Ihnen bekannt?

Einzelne Fälle aufzuführen würde den Rahmen sprengen und auch beim Begriff der Würde des Tieres hat jeder eine andere Auffassung, da sich diese nicht anhand fixer Paradigmen benennen lässt. Verstösse gegen die Tierwürde passieren täglich überall in der Schweiz. Wo die Würde des Tieres unserer Ansicht nach verletzt wird, ist in Zirkussen, wo Wildtiere als Kuscheltiere oder gefährliche Bestien dargestellt werden. Daher engagieren wir uns im Rahmen einer Petition auch für ein Wildtierverbot in Schweizer Zirkussen. Im November kastrierte VIER PFOTEN 88 Katzen im Kanton Freiburg. Diese Aktion soll zur Reduktion der Streunerkatzenpopulation in der Schweiz beitragen und gleichzeitig die Landwirte über die Wichtigkeit der Kastration sämtlicher Hofkatzen aufklären.

Die Festtage kommen und dann wird wieder Nahrung beim Festmahl verspeist. Welche Punkte sollte der Käufer beim Einkaufen von Fleisch beachten oder sind nur Veganer gute Tierschützer?

VIER PFOTEN vertritt in Sachen tierfreundliche Ernährung das Prinzip der 3Rs – Reduce, Refine, Replace (Reduzieren, Bewusst kaufen, Ersetzen).

Vier Pfoten ist  international tätig. Da es kalt ist, werden wieder Jacken mit Pelzkragen oder Daunen gekauft. Die Kennzeichnung, ob es bio ist, ist oft nicht gegeben. Welche Tipps haben Sie beim Modekauf mit Tierschutz? 


VIER PFOTEN setzt sich für ein gesetzliches Verbot der Pelztierhaltung und ein europaweites Handels- und Importverbot für Felle und Pelzprodukte ein.

Wenn es Tieren gut geht, darum weil sie ihre Grundbedürfnisse ausleben können. Doch wenn ich mich im Blockquartieren umsehe, bleiben die Katzen eingesperrt und kaufen Leute kleine Hunde aus dem Internet. Das macht Sie sicher auch wütend oder?

Bei diesem Punkt geht nicht um unsere persönliche Meinung sondern um geltendes Recht. Katzen in reiner Wohnungshaltung verstossen nicht gegen das Tierschutzgesetz und können im richtigen Rahmen ein gutes und normales Leben führen. Was den Hundehandel im Internet betrifft läuft derzeit eine Kampagne von uns namens „Tatort Internet“.

Als Mitarbeiterin von vier Pfoten haben sie einen kühlen Kopf für Projekte und ein warmes Herz für das Tier. Worauf richtet vier Pfoten sein Engagement in nächster Zeit in Europa aus?

VIER PFOTEN ist eine international tätige Tierschutzstiftung und ist in 12 Ländern vertreten, davon 9 in Europa. Jedes Land hat seine eigenen Projekte. Diese sind sehr zahlreich und unterschiedlich.

Information zu den Projekten von vier Pfoten und wie Sie vier Pfoten unterstützten können unter diesem Link

Gehört der Islam zur Schweiz? Die Standortbestimmung der Autorin Jasmin El Sonbati

In der Schweiz leben etwas 430 000 sich zu Islam bekennende Personen. Jasmin El Sonbati lebt in Basel und ist Autorin, Lehrerin und Mitbegründerin des Vereins „Forum für einen fortschrittlichen Islam“. In ihrem neusten Buch „Gehört der Islam zur Schweiz? “ nähert sie sich über das Private mit Blick auf den Einzelfall der Beantwortung dieser Frage.

Jasmin El Sonbati, der Schweizer Blick auf die muslimische Welt ist politische geprägt durch die Berichterstattung und die ganze Islamdiskussion und der einzelne Mensch geht dabei oft vergessen. 
Wie sieht Ihr Alltag als Muslimin aus, was davon leben Sie?
Mein Alltag ist ganz „normal“. Er ist in erster Linie durch meinen Beruf als Lehrerin geprägt. Dieser bestimmt auch den Tagesrythmus. Mein Islam ist ein Islam, der Werte. Ich versuche ganz einfach ein Mensch zu sein, der anderen mit Respekt und Toleranz begegnet. Die religiösen Pflichten, wie beten, fasten führe ich so durch, dass sie mein Umfeld nicht tangieren. Der Islam ist eine flexible Religion. Ich halte nichts davon, das Religiöse vor sich herzutragen.
Zwar sind Christen weltweit die meist verfolgte Religion, Muslime werden auch durch den IS bedroht. In der Schweiz wird die Ablehnung wohl nach der Schliessung der An Nur Moschee Winterthur, dem verweigerten Handschlag von Schülern und dem Fehlauftritt von Nora Illi als Vorsteherin des Islamischen Zentralrates im TV noch zunehmen. Was machen wir falsch und was müssen wir ändern damit aus der Opferhaltung der Muslimen hier keine Parallelgesellschaft entsteht?
Sicherlich darf man keinen Generalverdacht gegen Musliminnen und Muslime generieren. Die Mehrheit der muslimischen Communities in unserem Land lebt problemlos. Ausserdem sind laut Statistik nur 5% moscheegebunden, die übrigen 95% leben den Glauben im Privaten, ohne grosses Aufheben. Das tun übrigens auch die, die in die Moschee gehen. Die sich selbstausgrenzende Minderheit der ultrareligiösen Salafisten, zu denen Nora Illi gehört, machen etwa 0.5% der Schweizer Musliminnen und Muslime aus. Diese ist nicht repräsentativ, macht aber mit spektakulären, provokativen Positionen, Auftritten auf sich aufmerksam. Sie sind es, die die Opferhaltung ständig bewirtschaften. Die nichtmuslimische Mehrheitsgesellschaft sollte nicht auf sie reinfallen. Die Schweiz macht nichts falsch, im Gegenteil, hier kann jeder auf seine Façon selig werden, solang er oder sie sich an die Rechtsordnung und die Verfassung hält
Radikaliserung entsteht immer, wenn man nicht auf die Leute zu geht. Da es aber keinen Islam gibt nur verschiedene Verständnisse davon, habe ich oft das Gefühl, die Muslimen sind untereinander zerstritten, unsicher. Die Familie spielt  bei der Identitätssuche junger Menschen keine Rolle mehr sondern das Internet ist die neue Moschee für Hassprediger, Salafisten. Helfen Sie als Gymnasiallehrerin Jugendlichen oder auch Eltern bei der Suche die Grundwerte des Islams wie Beten, Fasten mit den lockeren Schweizer Umgang zu vereinen, damit sie nicht in die Hände von Seelenfängern geraten?
Radikalisierung hat  viele Gründe. Die von Ihnen genannten gehören dazu. Wir haben tatsächlich ein Problem in der Schweiz, aber nicht nur hier, dass die Moscheen einen sehr „abgehobenen“ Islam pflegen und die täglichen Herausforderungen der Menschen, v.a. der jungen Menschen in keinster Weise adressieren. Ausserdem ist der Islam eher konservativ, d.h. es gibt keinen Raum für kritische Fragen, eine innerreligiöse Debatte. Und wenn über den Islam eine Lehrstunde durchgeführt wird, was es in jeder Moschee gibt, dann wird über den Propheten gesprochen und nicht darüber, was wir heute an spiritueller Inspiration im 21. Jahrhundert brauchen. Es geht um das was verboten „haram“, erlaubt „halal“ ist. Eine sehr enge Sichtweise. Das Leben hat viele Schattierungen. Ich bin Französischlehrerin, d.h. bei mir geht es nicht um Religion. Aber ich nehme im Unterricht über den Weg der Literatur und der Debatte sehr wohl Themen auf, wo es um eine kritische Auseinandersetzung mit dem Islam geht. Muslimische Schülerinnen und Schüler ermuntere ich, ihre Religion in Massen zu leben, mit Menschenverstand und sich nicht auszugrenzen. Ausserdem sind schulische Anlässe etc. nicht verhandelbar, die gelten für alle gleich.
Der grösste Kampf des Islams ist jener gegen den IS, dazu gehört Aufklärungsarbeit, trotzdem reisen junge Menschen nach Syrien. Sind die Moscheen hier Teil des Problems, weil sie zu wenig machen oder was muss sich hier noch ändern?
 
Die Moscheen sind mit der Bekämpfung von radikalisierenden Tendenzen total überfordert oder sie schliessen die Augen. Der grosse Radikalisierer ist das Internet, aber auch die bereits bestehenden Netzwerke in der Schweiz, Deutschland, Österreich. Die arbeiten alle zusammen. „Lies“ ist gerade in einigen deutschen Städten verboten worden, die nächste Aktion „We love Muhammed“ von Pierre Vogel ist schon auf dem Weg, auch in der Schweiz. Wir, liberalen Musliminnen und Muslime, warnen schon seit Jahren vor diesen Rattenfängern. Die Aufgabe der Radikalisierung zu entgegnen betrifft die ganze Gesellschaft, es müssen eben alle hinschauen, wenn ein Junge, ein Mädchen plötzlich aus religiösen Gründen dies oder das verweigert. Ja, Aufklärungsarbeit ist sehr wichtig. Viele Menschen in Institutionen, auch Lehrpersonen, wissen über die salafistischen Netzwerke gar nichts. Jetzt erst, hoffentlich nicht zu spät, erfolgt ein Erwachen. Die Moscheen müssten natürlich viel offener werden, aber alleine schaffen sie das nicht. Es braucht die gesamte Zivilgesellschaft dazu.
 
Dem Islam fehlt die Reformation, Vollverschleierung, keine Gleichberechtigung von Mann und Frau sind die Folgen. Warum geht den von den Muslimen in der Schweiz, Europa nicht mehr Druck aus dies innerhalb der Gemeinschaft zu ändern?
Es gibt sehr wohl Stimmen der Reformation, in Amerika, in Frankreich, in Deutschland, in der Schweiz, auch in der arabischen Welt selber. Aber wir werden zu wenig gehört. Unsere wichtigstes „Arbeitsmittel“ ist der Verstand und das eigene Denken, das ist mühsam. Uns müsste man lesen, wir sind keine Schnellbleichen. Ausserdem ist der  von Saudiarabien und dem Golf aus  in der ganzen Welt importierte Wahhabismus – die strengste Auslegung des Koran – mittlerweile überall, die haben Geld, bauen Moscheen, schicken ultraorthodoxe in Saudiarabien „ausgebildete“, „verblendet“ wäre wohl treffender, Imame nach Europa. Die liberalen Stimmen sind es jedoch, die einen Islam Schweizer bzw. Europäischer Prägung entwickeln werden. Es ist an der Politik, an den Institutionen den etablierten Islamorganisationen mit mehr Kritik zu begegnen und nicht aus falsch verstandener Toleranz, alles zu akzeptieren. Wir, davon bin ich fest überzeugt, sich die besseren Partner!
In Bern gibt es ja beim Europaplatz das Haus der Religionen. Vielleicht waren Sie da schon mal und haben auch die Buddisten, Juden kennengelernt. Wie halten Sie es in Ihrem Bekanntenkreis, gehen Sie mit einem Christen auf den Basler Weihnachtsmarkt? 
Wir haben bereits zweimal im Haus der Religionen ein inklusives Gebet durchgeführt, das letzte im Mai 2016. Inspiriert von der Inclusive Mosque Initiative Grossbritanien haben wir mit unseren Glaubenschwestern aus London das Gebet in Bern durchgeführt, es wurde von einer Imamin geleitet. Ein grosses Tabu im Islam. Ich bin froh, dass es das Haus der Religionen gibt, es ermöglicht uns, liberalen Musliminnen und Muslimen, auch in Erscheinung zu treten und unsere Form des Gottesdienstes zu pflegen. Ich habe die Intitiative Offene Moschee Schweiz ins Leben gerufen, um gerade den sakralen Raum in der Moschee allen zu öffnen und Frauen als gleichberechtigte Partnerinnen mit den Männern einen Raum zur Gestaltung zu geben. An unseren Gebeten sind alle willkommen unabhängig von Geschlecht, sexueller Orientierung, Glaubensauffassung, Nationalität. Das ist der Islam der Inklusion, den wir wollen. Ob ich mit einer Christin, einem Christen auf den Weihnachtsmarkt gehe? Fast bin ich geneigt, diese Frage als Beleidigung aufzufassen! Natürlich tue ich das. Und ich frage nicht, welchen Glauben die Person hat, mir der ich durch den Markt schlendere? Die spirituelle Dimension meines Glaubens lebe ich privat, die sogenannten Pflichten erfülle ich im Stillen, das, was „nach aussen“ dringt, ist das Bedürfnis der Begegnung mit anderen Menschen und mich für eine gerechte, friedfertige, tolerante Welt einzusetzen. Aber ich glaube nicht, dass das spezifisch islamisch ist.

 

Das Buch „Gehört der Islam zur Schweiz“ von Jasmin El Sonbati erschien im Zytglogge Verlag Bern

Zytglogge Verlag

Cabaret im Bernhard Theater Zürich – Sexy und traurig zugleich

Cabaret, das ist jene Geschichte über den Versuch den Glauben an die Liebe, die Erotik, den freien Willen, das lustige Leben vor dem aufkommenden Nationalsozialismus so lange wie möglich bis zum Scheitern aufrecht zu erhalten. Fabienne Louves und Michael von der Heide spielen bis zum 15. Januar die Hauptrollen im Musical im Bernhard Theater Zürich.

Die Wände des Kit Kat Klub in den Zwanzigerjahren in Berlin haben wohl  wie die des Bernhard Theater ausgesehen, schon etwas fleckig und der Ruf des deutschen Nachklubes war wie seine Hauptattraktion, die Sängerin Sally Bowles (Fabienne Louves) anrüchig. Doch für den ideenlosen amerikanischen Schriftsteller Clifford Bradshaw (Kenneth Huber)  ist die Silvesternacht 1929, der Beginn eine amour fou. Er lernt Sally kennen und lieben.

Berlin als Ort der Sehnsüchte, der zügellosen Erotik und Dekadenz, durch die führt den Zuschauer ein Conférencier (Michael von der Heide) mit spitzer Zunge, weiss angemaltem Gesicht und Verrenkungen, den er wie alle anderen wollen an der Illusion, dass das Leben ein Cabaret – ein nie endende Show ist, festhalten, obwohl alle Zeichen auf Sturm stehen und bald, nach der Pause die Situation umkippt und die Nazis an die Macht kommen.

Grosse Geschichten lieben bunte Hunde und so ist die erste halbe Stunde vom Musical, das übrigens 50 Jahre nach der Premiere am Broadway nun im Bernhard Theater aufgeführt wird, eine rasante Einführung der Figuren. Viele Szenen sind sehr erotisch, doch auch der Humor und Slapstick kommt nicht zu kurz.

Michael von der Heide hat im ersten Teil Mühe Gesang und Tanz zu vereinen und er scheint sich auch nicht so richtig wohl zu fühlen in den Gruppenszenen. Er wirkt hölzern. Erst nach der Pause hat er Platz für Soloauftritte und kann seine schillernde, zynische Rolle als Conférencier richtig ausleben.

In der ersten Staffel der Castingshow „Musicstar“ war die Luzernerin Fabienne Louves neben dem Baselbieter Baschi eine Entdeckung. Obwohl es ihr nicht gelang als Solosängerin gross rauszukommen, konnte sie sich auf der Theaterbühne behaupten und die 300 Vorstellungen der „Niederdorfoper“, bei der sie mitspielte, waren eine gute Vorbereitung auf das Musical „Cabaret“. Vom Anfang bis zum Ende füllt sie die Bühne mit ihrer Persönlichkeit, der Rolle, dem Gesang und dem schauspielerischen Talent aus. Nur bei der Aussprach der deutschen Sprache färbt der Dialekt zu stark durch. Doch „Cabaret“ ist ihr Stück und der grosse Applaus am Schluss zeigte, wie sehr das Publikum sie mochte.

Doch es gibt noch eine andere Frau, die in den 2,5 Stunden zwar nur in einer Nebenrolle alle Register des schauspielerischen Könnens zieht. Sabine Martin, die Zimmervermitterin Fräulein Schneider, in Ueberlingen am Bodensee geboren, war bisher am Berner Stadttheater und hat in „Cabaret“ eine abwechslungsreiche Rolle als ältere Frau, die sich in einen Juden verliebt, aber die Verlobung zugunsten der Nazis löst.

Nach der Pause wird die Inszenierung von Dominik Flaschka traurig. Die Nazis machen den Traum des Kit Kat Klubes als Welt zwischen Glanz und Abgrund und das seiner Besucher und Künstler zum Trauma. Sally Bowles verkauft für eine Abtreibung ihren Pelzmantel, ihre Beziehung zum Schriftsteller zerbricht, Cliff Bradshaw verlässt Berlin, der teuflische Conférencier lacht, auch weil Sally wieder auftritt. The show must go on – life is a Cabaret. Doch alle sind um eine zerbrochene Illusion gealtert und keiner weiss, wohin die Reise geht.

Es gab an der Vorpremiere drei Vorhänge und viel Applaus für die Leistung von Fabienne Louves. Ob das Musical im Bernhard Theater aber bis zum 15. Januar ein Publikumsmagnet wird wie andere Musicals in der letzten Zeit (Io senza te, Lion King), das auch über die Grenzen von Zürich Zuschauer vom Mittelland anreisen lässt, wage ich zu bezweifeln. Dazu fehlt einfach die grosse Kelle bei der Inszenierung. So ist „Cabaret“ eine unterhaltsame, etwas andere, erotischere Art die Advents- und Festtagszeit aufzupeppen.

Infos und Ticketbestellung


Cabaret

Ted Scapa im Kunstmuseum Bern – Gesamtschau des „Spielhaus-Zeichners“

Zwar ist das Bild von Ted Scapa als Zeichner der legendären TV-Kindersendung „Spielhaus“ noch in aller Köpfe, doch der Maler aus Vallamand am Mont Vully im Kanton Freiburg war ein Gesamtkunstwerk wie die Ausstellung im Kunstmuseum Bern vom 18.11. bis 19.2.17 zeigt.

Als im 1968 die Sendung „Spielhaus“ des Schweizer Fernsehens auf Sendung ging, hatten die wenigsten Familien einen TV und so war es für mich wie meine Mitschüler vom Murtensee ein Ereignis, wenn um 17 Uhr das schwarzweiss Bild auf dem Bildschirm flimmerte und Ted Scapa seinen Stift in die Hand nahm und Franz Hohler an der Gitarre lustige Lieder spielte, während wir unsere ersten Kunststunden visuell erhielten.

Der Titel der Ausstellung im Kunstmuseum Bern bis zum 19. Februar lautet : Ted Scapa…. und so nebenbei“ und richtig hatte man als junger Betrachter schon damals im Fernsehen das Gefühl, diesen Niederländer aus Amsterdam treibt eine ungeheuere schöpferische Kraft, wo ein Bild, eine Idee dem nächsten innert Sekunden folgt. Die Gesamtschau im Kunstmuseum belegt, was der Publizist Roy Oppenheim schon vor langer Zeit sagte, dass dieser Mann ein Gesamtkunstwerk sei.

Wir Kinder vom Murtensee fragten uns immer bei der jährlichen Velofahrt um den See, wie es wohl in der Wohnung des Malers im Schloss Vallamand unterhalb des Mont Vully aussah, malte doch Ted Scapa hinter den hohen Mauern in einem Stil, der wie ein anderer Freiburger Jean Tinquely oder europäischen Grössen wie Nikki de Saint Phalle oder Joan Miro so voll Humor und Verspielheit war, dass alle Augen jeden Alters etwas mit den Cartoons und Grafiken anfangen konnte. Die Bilder kannten und kennen bis heute nur ein Thema, den Menschen in all seinen Facetten.

Ted Scapa war voller Datendrang, aber wenig in der Oeffentlichkeit vor Ort mit seiner inzwischen verstorbenen Frau präsent. Er wollte immer über seine Arbeit als Verlagsleiter des Bentelis Verlag oder eben Maler wahrgenommen werden. Somit kommt die Ausstellung in seinem 85. Lebensjahr genau richtig und es zeigt neben dem vielseitigen Netzwerk und langjährigen Freundschaften mit anderen Künstlern auch weniger bekannte Objekte wie Leuchten, Teppichen und Foulards vom Philantroph vom Murtensee, an den er einst von den Nazis floh und der Schweiz mit Kinderaugen soviel Buntes gegeben hat.

Infos zur Ausstellung

Bildlegenden

1 Ted Scapa

Collage mit Szenen aus dem «Spielhaus» mit

Clown Pipa

Schweizer Fernsehen, 1970 –1990

Collage, ca. 30 x 30 cm

Privatbesitz

2 Ted Scapa

SCAPA … und so NEBENBEI

Acryl auf Papier, 50 x 35 cm

Privatbesitz

3 Ted Scapa

Ted Scapa auf Schloss Vallamand

© Iris Andermatt

4 Vogelmann (beidseitig bemalt)

Acryl auf Holz, 60 x 47 cm

Privatbesitz

5 Ted Scapa

Tasse für Villeroy & Boch

6 Ted Scapa

Das Bild (beidseitig bemalt)

Acryl auf Holz, 60 × 47 cm

Privatbesitz

Weg mit dem Stress – Evi Giannakopoulos kennt die Methoden

Termin an Termin, Jahresabschlüsse und dann noch die kommenden Festtage. Als wäre nicht schon das ganze Jahr Stress genug gewesen. So oder ähnlich denken viele und jeder weiss, so kann es nicht weitergehen. Doch was kann jeder bei sich verändern? Evi Giannakopoulos hilft mit ihrer stress away Methode und ihrem neuen Buch „Ausgestresst“.

Evi Giannakopoulos, nach einer Yogastunde besteige ich den Zug, Jugendliche werfen Gegenstände, ein Flüchtling erbricht sich und ich bekomme die Krise. Ist die überbevölkerte Schweiz und die hohe Wohnungsdichte für den Stress in und um uns alleine verantwortlich?
 
Nicht nur allein: Umweltstressoren wie Wohnungs- und Menschendichte, Lärmemissionen gehören zu den äusseren Stressoren. Die alleine sind aber nicht nur verantwortlich für den ganzen Stress, den wir haben. Das ist viel komplexer. Es gibt drei Ebenen, wo aus Druck Stress werden kann:
  1. Die äusseren Stressoren (z.B. Lärm, hohes Arbeitsvolumen, mangelnde Wertschätzung, Termindruck, Konflikte mit anderen Menschen im Privat- und Berufsleben),
  2. Die persönlichen Stressverstärker, die eine Situation erst als Bedrohung registriert (z.B. negative Denkmuster, Ängste, Zweifel, Perfektionismus, Kontroll-Freak, Einstellungen, Verhaltensmuster) und
  3. Die Stressreaktion; die Antwort meines Körpers und meiner Psyche, auf die oberen zwei Stresseinflüsse (z.B: Kopf- oder Magenschmerzen, Grübeln statt Einschlafen können, aggressives oder nervöses Verhalten, Depression).
Die stress away®-Methode trainiert auf diesen drei Ebenen umfassend. Das macht die Trainingserfolge sichtbar. In den stress away®-Trainings gehe ich auf den Menschen und seine individuell empfundenen Stressoren ganzheitlich ein, denn dann ist eine Aneignung von stressresistenter Haltung/Einstellung sehr wirksam und erfolgreich. Jeder hat so seine eigenen «Stress-Triggerpunkte». Und wenn man die berührt, startet «das Programm der inneren Ausflippspirale».
Stressresistenz – oder wie man es heutzutags vermehrt nennt Resilienz – die emotionale und mentale Widerstandsfähigkeit von Körper, Geist und Seele ist trainierbar.
Wie ein Körpermuskel durch regelmässiges Training widerstandsfähiger wird, werden wir das auch auf mentaler und emotionaler Ebene. Ich freue mich täglich an den Erfolgserlebnissen meiner Klientinnen und Klienten, die rückblickend ihre Veränderungen erkennen. Dann fühlt man sich nicht mehr als Opfer des Stresses, sondern als Schöpfer – schlussendlich bestimme ich, ob ich mich gerade stressen (lassen) möchte oder mich dagegen entscheide, gegen Stress für Gelassenheit und Lebensfreude. Und diesen inneren Switch-Knopf kann man umgehend betätigen und die Stresssituation verändert sich gleich.
 Die persönlichen Stressverstärker wie Perfektionismus, Opferhaltung, Neid etc. sind die ärgsten Stressoren, aber die gute Nachricht: Da sie in uns drin sind, können wir sie durch Training verändern. Man muss es nur erkennen und angehen. Die eigene Denkweise führt immer zu Erfolg oder Misserfolg. Was denke und fühle ich in einer Stresssituation? «Ich bin so gestresst! Immer muss alles ich machen! Niemand mag mich!» oder eher «Das schaffe ich, so was Ähnliches habe ich schon mal gemacht. Ich vertraue in meine Fähigkeiten. Ich glaube fest daran, dann sich die Situation gut lösen wird. Ich werde unterstützt.»
Seit 2008 haben Sie die Firma stress away. Was bietet die Firma an und wer sind Sie?
Ich bin Inhaberin der Firma stress away® in Zürich und bin Stress-Expertin mit eidgenössischen Fachausweis, diplomierte Stressregulationgstrainerin, diplomierte Ayurveda-Gesundheitsberaterin, diplomierte Aerobic-Instruktorin und seit 10 Jahren spezialisiert auf Stressbewältigung, Resilienz, Life-Balance und Burnout-Prävention.
Mit der einzigartigen stress away®-Methode verfolgt sie ein ganzheitliches Gesundheitskonzept für Körper, Geist und Seele. Dabei verbindet sie westliche Wissenschaft mit östlicher Heilkunde.
Ihre Wirkungsfelder sind: Achtsamkeit · Mentaltraining · Stressbewältigung · Resilienz · Zeitmanagement · Arbeitsorganisation · Entspannung & inneres Gleichgewicht· Antistress-Food · Betriebliche Gesundheitsförderung.
Ihr neustes Buch heisst “Ausgestresst”. Ratgeber zum Thema Stress gibt es viele, welchen Ansatz behandelt Ihr Buch und an wenn richtet es sich?
Das Buch hat viele praktische Tipps, wirkungsvolle Kurzübungen und lebhafte Geschichten aus meinem Erfahrungsschatz als stress away Expertin. Das Buch ist eine Reise zu einem starken Ich und zeigt alles auf über das Stressmanagement. Es hat 9 einprägsame Strategien heraus aus dem Stress.Die Kurzübungen kann man im Alltag umsetzen und so erreichen, dass der Stress einem nicht mehr beherrscht,
Ohne Fernöstliche Heilungsmethoden bekommen wir den Stress im wirtschaftlich orientierten Europa nicht in Griff, habe ich das Gefühl. Sind nicht auch der fehlende mentale Ueberbau, die abwesende Religion, Grunde dafür  für unseren Stress im Leben?
 
Ja, Stress ist ein weltweites Problem – auf dem ganzen Erdball. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat ihn zu „einer der größten Gesundheitsgefahren des 21. Jahrhunderts“ erklärt. Schon heute sei seelischer Druck für 70 Prozent aller Krankheiten mitverantwortlich. Waren 1990 die drei größten Leiden der Menschheit Lungenentzündung, Durchfall und Kindstod, so sind es 2020 nach WHO-Prognosen: Herzinfarkt, Depressionen, Angststörungen und Verkehrsunfälle – zumindest die ersten drei sind häufig Folgen von Stress.
 Ich sehe zwei Hauptgründe für den globalen Stress: Fehlende Liebe und die sich für den Menschen zu rasch entwickelnde Informationstechnologie. Fehlende Liebe führt zu rücksichtslosem Profitdenken, Krieg und zur gnadenlosen, globalen Ressourcenausrottung durch einige Wenige. Liebe – und die damit verbundene Herz-Intelligenz (griechisch: Agape) beseitigt emotionalen Stress und verstärkt die Lebensfreude. Diese Herz-Intelligenz schule ich in meinen Seminaren und Personal Trainings mit wirkungsvollen Übungen und der richtigen Denkweise.
Das Herz ist Taktgeber für alle biologischen und psychologischen Vorgänge. Quantenforscher und Neurowissenschaftler wissen heute, dass es mittels Neuronen direkt mit dem Gehirn verbunden ist und das grösste Energiefeld erzeugt.
Was wir denken, bestimmt also unser Herz! Damit können wir viel erreichen. In meinen Seminaren und Personal Training erlernen die Teilnehmenden wirkungsvolle Übungen für ihren Berufsalltag und erfahren, wie sie ihre Herzintelligenz und die damit verbundene Emotionale Intelligenz EQ verbessern und die Gesundheit ihres Herzens stärken. Dankbarkeit, Mitgefühl und Wertschätzung helfen ebenso, wie Verzeihen und Vergangenes loslassen können.
Ausserdem hilft uns das Herz, nicht im emotionalen Drama klebenzubleiben (grübelnd, enttäuscht und in der Opferrolle suhlend), sondern frei von Bewertung weiterzumachen. Ganz besonders freut es mich, dass sich vermehrt Führungsleute und Projektleitende für dieses Thema interessieren, zumal sie im Unternehmen und bei den Mitarbeitenden sehr viel Positives und Produktionssteigerndes bewirken können.
Mit Übungen wie zum Beispiel Meditationen und Achtsamkeitsübungen, Herzkohärenzübungen, herzzentrierte Atemübungen, Yogaübungen stärken meine Klienten diese innere Liebe und die damit verbundenen Qualitäten im Berufs- und Privatleben. Ich freue mich immer über die vielen positiven Erfolgsgeschichten, die sie mir danach berichten.
 Ich finde, Mahatma Gandhi bringt es schön auf den Punkt «Sei die Veränderung, die du in der Welt zu sehen wünschst.»
Die Advents- und Weihnachtszeit ist für Mütter auf der einen Seite und für Alleinstehende auf der anderen Seite. Haben Sie Tipps, was man beachten sollte, um Stress zu vermeiden?
 
Menschen, die die Advents- und Weihnachtszeit als stressig empfinden, empfehle ich: Weniger ist mehr! Weniger Aufwand, weniger Perfektionismus, weniger Megaplanung, weniger Konsum, weniger Arbeit. Mehr Besinnung, mehr Sinnorientierung und Austausch, mehr Wertschätzung, mehr gemütliches Sein und Lachen, mehr Einfachheit, mehr Entspannung.
Menschen, die sich in dieser Zeit einsam und allein fühlen: Tu was dagegen! Siehe Tipps zur Herzintelligenz und Selbstliebe. Selbstmitleid bringt da nichts. Und wenn Sie denken, das ist einfacher gesagt als getan, möchte ich in Sokrates Worten antworten: «Nicht weil es schwierig ist, wagen wir es nicht, sondern weil wir es nicht wagen, ist es schwierig.»
 
Es beginnt also mit dem bewussten Entscheid, der Intention: «Ich freue mich auf diese Advents- und Weihnachtszeit und den damit verbundenen Erlebnissen! Ich mache mir eine gute Zeit!» Das geht mehr über positives Denken hinaus: Es ist eine innere Haltung. Und das Naturgesetz der Resonanz zieht das an, was wir innerlich überzeugt sind, was wir denken und fühlen. «Energy flows where attention goes» oder «Du bist das Produkt deiner Gedanken.»
Also mein Tipp an alle: Geniessen Sie diese Zeit bewusst, erfreuen Sie sich an den kleinen Dingen, sehen Sie sich als Schöpfer – nicht als Opfer der Umstände oder der Welt und erholen Sie sich bewusst vom arbeitsreichen Jahr 2016. Das haben Sie verdient.
 
Neben der aktuellen Situation sind es oft die unbewussten schlechten Erinnerungen aus der Kindheit oder die fehlenden Selbstliebe, die zu Stress führen. Gehen Ihre Firmenseminare oder Einzelsitzungen  so tief oder arbeiten Sie noch mit Fachkräften zusammen?
 
Ja, ich teile Ihre Meinung, fehlende Selbstliebe und unbewusste, destruktive Denkmuster aus der Kindheit und Vergangenheit (Konditionierung) sind massgeblich für den heutigen global spürbaren Stress verantwortlich. Wir leben in einer Leistungsgesellschaft von immer-mehr-wollen, lassen uns vom Geld regieren und verlieren immer mehr den Draht zur Natur und dem Natürlichen.
Nun, das alles können wir nicht ändern, aber wir können den Unterschied im Kleinen machen. Mit verschiedenen Übungen und Strategien gehe ich in meinen Personal Trainings (Einzelsitzungen) und Seminaren ein. Führungskräfte und Mitarbeitende schule ich in Firmen, diese Herz-Intelligenz und Achtsamkeit bewusster zu stärken.
Und ich freue mich sehr darüber, wie offen meine Klienten dafür sind. Mit den heutigen wissenschaftlich belegten Studien über Meditation und Achtsamkeitstraining oder den Forschungsergebnissen der Quantenphysik über Mentaltraining versteht unser «Ratio» den konkret messbaren Vorteil für Körper, Geist und Seele.
Eine gute Stresskompetenz zu entwickeln und in sich selbst verankert zu sein, ist lernbar. Man gewinnt ein hohes Mass an Persönlichkeitsstärke und kann in Schwierigkeiten erfolgreich wachsen. Wenn Herausforderungen als Lerngeschenke erkannt werden, können sie als Wachstumschancen genutzt werden.

Kontakt zur Eva Giannakopoulos und ihrem stress away Institut

 
Das Buch Ausgestresst ist im NovumVerlag erscheinen