Gehört der Islam zur Schweiz? Die Standortbestimmung der Autorin Jasmin El Sonbati

In der Schweiz leben etwas 430 000 sich zu Islam bekennende Personen. Jasmin El Sonbati lebt in Basel und ist Autorin, Lehrerin und Mitbegründerin des Vereins „Forum für einen fortschrittlichen Islam“. In ihrem neusten Buch „Gehört der Islam zur Schweiz? “ nähert sie sich über das Private mit Blick auf den Einzelfall der Beantwortung dieser Frage.

Jasmin El Sonbati, der Schweizer Blick auf die muslimische Welt ist politische geprägt durch die Berichterstattung und die ganze Islamdiskussion und der einzelne Mensch geht dabei oft vergessen. 
Wie sieht Ihr Alltag als Muslimin aus, was davon leben Sie?
Mein Alltag ist ganz „normal“. Er ist in erster Linie durch meinen Beruf als Lehrerin geprägt. Dieser bestimmt auch den Tagesrythmus. Mein Islam ist ein Islam, der Werte. Ich versuche ganz einfach ein Mensch zu sein, der anderen mit Respekt und Toleranz begegnet. Die religiösen Pflichten, wie beten, fasten führe ich so durch, dass sie mein Umfeld nicht tangieren. Der Islam ist eine flexible Religion. Ich halte nichts davon, das Religiöse vor sich herzutragen.
Zwar sind Christen weltweit die meist verfolgte Religion, Muslime werden auch durch den IS bedroht. In der Schweiz wird die Ablehnung wohl nach der Schliessung der An Nur Moschee Winterthur, dem verweigerten Handschlag von Schülern und dem Fehlauftritt von Nora Illi als Vorsteherin des Islamischen Zentralrates im TV noch zunehmen. Was machen wir falsch und was müssen wir ändern damit aus der Opferhaltung der Muslimen hier keine Parallelgesellschaft entsteht?
Sicherlich darf man keinen Generalverdacht gegen Musliminnen und Muslime generieren. Die Mehrheit der muslimischen Communities in unserem Land lebt problemlos. Ausserdem sind laut Statistik nur 5% moscheegebunden, die übrigen 95% leben den Glauben im Privaten, ohne grosses Aufheben. Das tun übrigens auch die, die in die Moschee gehen. Die sich selbstausgrenzende Minderheit der ultrareligiösen Salafisten, zu denen Nora Illi gehört, machen etwa 0.5% der Schweizer Musliminnen und Muslime aus. Diese ist nicht repräsentativ, macht aber mit spektakulären, provokativen Positionen, Auftritten auf sich aufmerksam. Sie sind es, die die Opferhaltung ständig bewirtschaften. Die nichtmuslimische Mehrheitsgesellschaft sollte nicht auf sie reinfallen. Die Schweiz macht nichts falsch, im Gegenteil, hier kann jeder auf seine Façon selig werden, solang er oder sie sich an die Rechtsordnung und die Verfassung hält
Radikaliserung entsteht immer, wenn man nicht auf die Leute zu geht. Da es aber keinen Islam gibt nur verschiedene Verständnisse davon, habe ich oft das Gefühl, die Muslimen sind untereinander zerstritten, unsicher. Die Familie spielt  bei der Identitätssuche junger Menschen keine Rolle mehr sondern das Internet ist die neue Moschee für Hassprediger, Salafisten. Helfen Sie als Gymnasiallehrerin Jugendlichen oder auch Eltern bei der Suche die Grundwerte des Islams wie Beten, Fasten mit den lockeren Schweizer Umgang zu vereinen, damit sie nicht in die Hände von Seelenfängern geraten?
Radikalisierung hat  viele Gründe. Die von Ihnen genannten gehören dazu. Wir haben tatsächlich ein Problem in der Schweiz, aber nicht nur hier, dass die Moscheen einen sehr „abgehobenen“ Islam pflegen und die täglichen Herausforderungen der Menschen, v.a. der jungen Menschen in keinster Weise adressieren. Ausserdem ist der Islam eher konservativ, d.h. es gibt keinen Raum für kritische Fragen, eine innerreligiöse Debatte. Und wenn über den Islam eine Lehrstunde durchgeführt wird, was es in jeder Moschee gibt, dann wird über den Propheten gesprochen und nicht darüber, was wir heute an spiritueller Inspiration im 21. Jahrhundert brauchen. Es geht um das was verboten „haram“, erlaubt „halal“ ist. Eine sehr enge Sichtweise. Das Leben hat viele Schattierungen. Ich bin Französischlehrerin, d.h. bei mir geht es nicht um Religion. Aber ich nehme im Unterricht über den Weg der Literatur und der Debatte sehr wohl Themen auf, wo es um eine kritische Auseinandersetzung mit dem Islam geht. Muslimische Schülerinnen und Schüler ermuntere ich, ihre Religion in Massen zu leben, mit Menschenverstand und sich nicht auszugrenzen. Ausserdem sind schulische Anlässe etc. nicht verhandelbar, die gelten für alle gleich.
Der grösste Kampf des Islams ist jener gegen den IS, dazu gehört Aufklärungsarbeit, trotzdem reisen junge Menschen nach Syrien. Sind die Moscheen hier Teil des Problems, weil sie zu wenig machen oder was muss sich hier noch ändern?
 
Die Moscheen sind mit der Bekämpfung von radikalisierenden Tendenzen total überfordert oder sie schliessen die Augen. Der grosse Radikalisierer ist das Internet, aber auch die bereits bestehenden Netzwerke in der Schweiz, Deutschland, Österreich. Die arbeiten alle zusammen. „Lies“ ist gerade in einigen deutschen Städten verboten worden, die nächste Aktion „We love Muhammed“ von Pierre Vogel ist schon auf dem Weg, auch in der Schweiz. Wir, liberalen Musliminnen und Muslime, warnen schon seit Jahren vor diesen Rattenfängern. Die Aufgabe der Radikalisierung zu entgegnen betrifft die ganze Gesellschaft, es müssen eben alle hinschauen, wenn ein Junge, ein Mädchen plötzlich aus religiösen Gründen dies oder das verweigert. Ja, Aufklärungsarbeit ist sehr wichtig. Viele Menschen in Institutionen, auch Lehrpersonen, wissen über die salafistischen Netzwerke gar nichts. Jetzt erst, hoffentlich nicht zu spät, erfolgt ein Erwachen. Die Moscheen müssten natürlich viel offener werden, aber alleine schaffen sie das nicht. Es braucht die gesamte Zivilgesellschaft dazu.
 
Dem Islam fehlt die Reformation, Vollverschleierung, keine Gleichberechtigung von Mann und Frau sind die Folgen. Warum geht den von den Muslimen in der Schweiz, Europa nicht mehr Druck aus dies innerhalb der Gemeinschaft zu ändern?
Es gibt sehr wohl Stimmen der Reformation, in Amerika, in Frankreich, in Deutschland, in der Schweiz, auch in der arabischen Welt selber. Aber wir werden zu wenig gehört. Unsere wichtigstes „Arbeitsmittel“ ist der Verstand und das eigene Denken, das ist mühsam. Uns müsste man lesen, wir sind keine Schnellbleichen. Ausserdem ist der  von Saudiarabien und dem Golf aus  in der ganzen Welt importierte Wahhabismus – die strengste Auslegung des Koran – mittlerweile überall, die haben Geld, bauen Moscheen, schicken ultraorthodoxe in Saudiarabien „ausgebildete“, „verblendet“ wäre wohl treffender, Imame nach Europa. Die liberalen Stimmen sind es jedoch, die einen Islam Schweizer bzw. Europäischer Prägung entwickeln werden. Es ist an der Politik, an den Institutionen den etablierten Islamorganisationen mit mehr Kritik zu begegnen und nicht aus falsch verstandener Toleranz, alles zu akzeptieren. Wir, davon bin ich fest überzeugt, sich die besseren Partner!
In Bern gibt es ja beim Europaplatz das Haus der Religionen. Vielleicht waren Sie da schon mal und haben auch die Buddisten, Juden kennengelernt. Wie halten Sie es in Ihrem Bekanntenkreis, gehen Sie mit einem Christen auf den Basler Weihnachtsmarkt? 
Wir haben bereits zweimal im Haus der Religionen ein inklusives Gebet durchgeführt, das letzte im Mai 2016. Inspiriert von der Inclusive Mosque Initiative Grossbritanien haben wir mit unseren Glaubenschwestern aus London das Gebet in Bern durchgeführt, es wurde von einer Imamin geleitet. Ein grosses Tabu im Islam. Ich bin froh, dass es das Haus der Religionen gibt, es ermöglicht uns, liberalen Musliminnen und Muslimen, auch in Erscheinung zu treten und unsere Form des Gottesdienstes zu pflegen. Ich habe die Intitiative Offene Moschee Schweiz ins Leben gerufen, um gerade den sakralen Raum in der Moschee allen zu öffnen und Frauen als gleichberechtigte Partnerinnen mit den Männern einen Raum zur Gestaltung zu geben. An unseren Gebeten sind alle willkommen unabhängig von Geschlecht, sexueller Orientierung, Glaubensauffassung, Nationalität. Das ist der Islam der Inklusion, den wir wollen. Ob ich mit einer Christin, einem Christen auf den Weihnachtsmarkt gehe? Fast bin ich geneigt, diese Frage als Beleidigung aufzufassen! Natürlich tue ich das. Und ich frage nicht, welchen Glauben die Person hat, mir der ich durch den Markt schlendere? Die spirituelle Dimension meines Glaubens lebe ich privat, die sogenannten Pflichten erfülle ich im Stillen, das, was „nach aussen“ dringt, ist das Bedürfnis der Begegnung mit anderen Menschen und mich für eine gerechte, friedfertige, tolerante Welt einzusetzen. Aber ich glaube nicht, dass das spezifisch islamisch ist.

 

Das Buch „Gehört der Islam zur Schweiz“ von Jasmin El Sonbati erschien im Zytglogge Verlag Bern

Zytglogge Verlag

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