Schriftsteller Werner Ryser zeigt Basel und spricht über das „Ketzerweib“

Obwohl Werner Ryser als Junge in der Schule den Geschichtsunterricht nicht mochte, weiss er über jede Ecke in Basel alle Details über die Geschehnisse durch die Jahrhunderte und beim Kaffee verriet er, warum er in seinem neuen Buch „Ketzerweib“ das Schicksal einer Emmentalerin Täuferin beschreibt.

Wir sind vor dem bürgerlichen Waisenhaus in der ehemaligen Kartause, wo Sie hinter dem Brunnen im ersten Stock jahrelang als Fürsorger gearbeitet haben. 

Wäre ich ein gnädiger Herr und hätte ihre Romanfigur im „Ketzerweib“ Anna Jacob im Emmental des 17. Jahrhundert besucht, hätte sie wohl wenig Freude gehabt. Warum?

Gefreut hätte sie sich nicht, den einem gnädigen Herrn aus Bern misstraute sie. Sie hätte sich aber auf den ersten Blick nichts anmerken lassen, sich klein gemacht wie eine Untertanin. Doch die Geschehnisse wenden sich gegen sie und sie schloss sich aus schierem Trotz den Täufern an und wurde schliesslich wegen ihrem Glauben inhaftiert und aus dem Gebiet der damaligen Republik Bern verbannt. So ist mein Buch auch ein Buch über den Glauben. Was er vermag und nicht, was er auslöst und was er bewirkt im Guten wie im Bösen.

Wir sind immer noch in Kleinbasel beim Totentanz beim Kloster Klingenthal

Nach ihrem letzten Buch „Walliser Totentanz“ tauchen Sie in „Ketzerweib“ wieder in eine andere Zeit der Vergangenheit. Was finden Sie dort, was Ihnen das Heute nicht bietet?


An den Täufern beeindruckt mich, wie sie als Erste darauf bestanden, an was sie glauben wollten. Sie wollten sich nichts vorschreiben lassen, nahmen viel Schmerz dafür in Kauf für den Glauben, der 1. die Erwachsenentaufe erlaubte, 2. dem Eid gegenüber der Obrigkeit verweigerte, 3. gegen Gewalt und Todesstrafe war. Die Freiheit des Einzelnen war ihnen wichtig.5000 Täufer wurden in Europa hingerichtet, Unzählige gefoltert auch in Bern.


Nahe des Klingenthal Museums hats neben den historischen Bauten auch das Rotlichtmilieu Basels und wir haben darüber gelacht auf unserem Spaziergang. Sie verknüpfen historische Tatsachen mit eigener Phantasie. Warum schreiben Sie keine faktenreichen Bücher?

Es gibt schon viele Geschichtsbücher über die Täufer, Der Geschichtsunterricht in der Schule war trocken, doch ich möchte Geschichte lebendig werden lassen mit meinen Schilderungen.Anna Jacob aus dem „Ketzerweib“ war eine aufmüpfige Frau. Ich stiess auf sie als ich den Stammbaum meiner Frau genauer ansah. Sie hat also gelebt, wenn auch vor 9. Generationen.

Nach einem Gang entlang der Unteren Rheinpromenade mit Blick auf Sankt Johann Vorstadt (Foto Titel), wo ihr nächstes Buch spielen wird, haben wir das Käppelijoch vor uns. Ein Pfeiler auf der mittleren Brücke, wo Dutzende von Liebesschlösser  am Gittertor hängen. Im „Ketzerweib“ wird für Religion gelitten, der Isalm macht heute Probleme, machen es die Chinesen besser und organisieren ihr Leben religiosfrei?


Ob Religion oder Kommunismus oder Ideologien das Zusammenleben regeln, kommt unter dem Strich auf das Gleiche raus, es wird schwierig. Ich liebe an der heutigen Zeit in der Schweiz, dass jeder glauben kann, was er will. Schrecklich finde ich nach der Wahl von Donald Trump den kommenden Rechtspopulismus der nächsten Jahre.

Jetzt sind wir ein ganz schönes Stück gelaufen und haben den Münsterplatz erreicht, wo gerade der Weihnachtsmarkt aufgebaut wird. Sie wollten mir aber die Bibliotheke der Allgemeinen Lesegesellschaft hinter der Kirche zeigen. Was ist schön am Beruf des Schriftstellers und was nicht?


Ich schreibe in meiner Basler- oder der Ferienhauswohnung im Goms sehr langsam. Ich kann auch in einer Beiz oder dem Zug schreiben. Meine Figuren entwicklen sich langsam und werden dann einen Teil von mir. Anna Jacob hat mich drei Jahre beschäftigt. Ich liebe die Recherche, weniger das Vorlesen und die ganze Werbung für ein Buch.

Da konnte ich Sie am Barfüsslerplatz, wo der Weihnachtsmarkt ist, doch noch überreden vor einem Tannenbaum zu posieren, obwohl Sie dies anfangs gar nicht wollten. Anna Jacob im „Ketzerweib“ wird vom Dorfpfarrer missbraucht und flieht in den Jura. Muss man ein missglücktes Leben haben, Gewalt erfahren haben, damit man ein Buch wie „Ketzerweib“ schreiben kann?

Nein, also ich hatte ein friedliches Leben, arbeitete als Sozialarbeiter, Vormund, Heimleiter für Drogenabhängige und bin nun in der Leitung der Pro Senectute Basel. Ich bin 40 Jahre mit meiner Frau verheiratet, habe zwei Kinder und bin gesund und schreibe im nächsten Buch über meinen Grossvater. Ob mein bürgerliches Leben einen Roman gegeben hätte? Wer weiss.

Danke Werner Ryser, dass Sie als ehemaliger Winterthurer sich drei Stunden Zeit nahmen für diese Baslertour im Zürcher Dialekt und seine Geschichten hinter jeder Hausmauer.

Das Buch „Ketzerweib“ erschien im Cosmos Verlag 

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