Luzerner Stadtoriginal Emil Manser im Historischen Museum Luzern

Ab dem 9. Dezember bekommt Luzerns Strassenkünstler Emil Manser unter dem Titel „Wer mich kennt, liebt mich“ im Historischen Museum eine Ausstellung. Der Direktor des Museums und Kurator der Ausstellung Christoph Lichtin spricht über Luzerns ungewöhnlichen Mitbürger.

Ab dem 9. Dezember zeigt das Historische Museum Luzern Emil Manser. Als Berner kenne ich den Strassenkünstler nicht, wer war er?
Der aus dem Kanton Appenzell stammende Emil Manser gehörte ab 1990 zum Stadtbild Luzerns. Er war an bevorzugten Plätzen mit selbst verfertigten, grossformatigen Plakaten anzutreffen. Diese hatten immer einen ausgeprägten Sprachwitz, waren plakativ im eigentlichen Wortsinn. Neben Tagesaktualitäten, gesellschaftskritischen Kommentaren und Sinnsprüchen zielten seine Texte auf die direkte Kommunikation mit den Mitmenschen. Dabei reflektierte Manser durchaus doppelbödig und mehrschichtig seine Rolle in der Öffentlichkeit, als Mann, potenzieller Liebhaber, Narr oder Kind Gebliebener. Emil Manser richtete sich in seinen Texten in einem mündlichen Stil an die Mitbürger, als einer, der seine Meinung kundtun will, der Toleranz einfordert, sich gegen Machtgefälle wehrt und gesellschaftliche Unterschiede kritisiert. Und schliesslich ging es ihm natürlich auch um ein bisschen Geld, das er den Passanten abluchsen wollte.
Sie zeigen ja nichts Vorweihnächtliches und trotzdem überrascht der Titel “Wer mich kennt, liebt mich” als passend in den Advent? Für welche Werte stand Emil Manser ein?
Mit dem Satz «Wer mich kennt, liebt mich» kommentierte Manser die kontroversen Reaktionen, die sein Tun auslöste. Während er einigen Mitbürgern mit seiner direkten Art auf die Nerven geht, erfährt er von anderen viel Sympathie. Macht und Freiheit waren seine Kernthemen, da war er Spezialist und hatte einschlägige Erfahrungen. Schliesslich war er seit 1982 unter Vormundschaft gestellt und wurde immer wieder in die Psychiatrie eingeliefert. Vor allem wenn er mit zu viel Alkohol am falschen Ort auftauchte. Über Kirche, Schule, Polizei, Politik machte er sich in seinen Plakattexten lustig. Kinder waren ihm ein grosses Anliegen, so warb er für seine Kinderpartei. Kinder sollten nicht indoktriniert, Menschen nicht entmündigt werden: das waren seine zentralen Anliegen.
 
2004 beging Emil Manser Selbstmord. Wie gingen Sie an einen verstorbenen Strassenkünstler ran, der ja keine Nachlassenschaftsverwaltung wie grosse Maler hat und auf welche Blickwinkel legen Sie die Ausstellung aus?
Das muss ich etwas präzisieren. Emil Manser wählte den grossen Abgang. Er sprang am 3. August 2004 in die Reuss – nicht ohne ein letztes Plakat an seine Mitmenschen zu hinterlassen: «Krebs! (wählte Abkürzung in Himmel)». Mit dem Sprung ins Wasser als letztem Akt erinnerte er natürlich an einen berühmten Vorgänger aus der Reihe der Stadtoriginale, an Dällebach Kari aus Bern. Mansers Tod hat in Luzern eine riesige Resonanz ausgelöst. An der Abschiedsfeier war die Kirche übervoll. Und es bildete sich um seine letzte Lebenspartnerin eine Gruppe von Fans, die sich um seine Hinterlassenschaft kümmerte und auch ein wunderbares Buch über ihn herausgegeben hat. Dieses wird bereits in der fünften Auflage verkauft. Emil Manser ist bis heute in der Erinnerung der Luzerner geblieben und seine abgründigen Lebensweisheiten und Sprüche faszinieren sogar Menschen, die Emil Manser gar nie erlebt haben. Im Nachgang zu den Aktivitäten nach Mansers Tod gelangten auch rund 150 seiner Plakate und Gegenstände in die Sammlung des Historischen Museums. Ein Teil davon ist nun in der Ausstellung zu sehen. Ich versuche dabei auch den Kontext von Mansers Auftritten oder Performances – oder wie immer man seine Aktivitäten auch nennen möchte – aufzuzeigen. So sind auch Fotografien von Referenzfiguren, die ebenfalls mit Plakaten in der Öffentlichkeit auftraten, wie Ben Vautier, Charles Chaplin oder des Friedensapostels Max Daetwyler zu sehen.
Gerade ist Punk 40 Jahre alt geworden und irgendwie war ja auch Emil Manser ein typisches Kind der alternativen Szene zwischen 1977-1990 und heute wohl im Kommerzzeitalter nicht mehr möglich. Was haben Sie von diesem aussergewöhnlichen Luzerner über die monatelange Beschäftigung zur Ausstellung für sich gelernt, erkannt?
Es stellte sich mir die Frage, wo denn heute die Stadtoriginale zu finden sind, die es gerade in Luzern zu Hauf gab. Es existiert hier sogar eine Zunft, die sich um die Tradition der Stadtoriginale kümmert. Heute fallen Figuren einfach viel weniger auf, sind offenbar schneller in einen institutionellen Rahmen eingebunden. Alles ist viel organisierter und aufgeräumter, aber vielleicht auch langweiliger. Auf seine Art war Emil Manser eben einmalig und mit seiner Sprachkunst berührte er auch mich, obwohl ich ihn ebenfalls nie erlebt habe. Bei meinen Recherchen wurde aber auch deutlich, dass Manser in seinem Leben viele Versuche gemacht hat, um zurechtzukommen, aber schliesslich doch spektakulär gescheitert ist. Uns hat er ein beeindruckendes, witziges und inspirierendes Vermächtnis hinterlassen, aber sein Leben war alles andere als lustig.
Mehr Infos zur Ausstellung Emil Manser ab dem 9.12. und dem Historischen Museum Luzern hier

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s