Von Ferenbalm – Gurbrü nach Hollywood – Timos von Gunten „La femme et le TGV“

Jane Birkin, die französische Schauspielerin spielt die Frau aus der Gemeinde Ferenbalm-Gurbrü im bernischen Seeland, die 16 Jahre lang mit einem Schweizer Fähnchen den TGV Lokführern winkte und Guetsli für sie backte. Nun steht der Schweizer Kurzfilm auf der Oscar-Shortlist und der 26-jährige Regisseur Timo von Gunten weilt gerade in Los Angeles.

Timo, wir aus der Umgebung Ferenbalm sind ganz nervös wegen Deiner Oscarnomination. Momentan ist es im Stationshüsli Ferenbalm sehr kalt, während Du im sonnigen Los Angeles bist. Was machst da genau?

Also zuerst mal, es ist leider (noch) keine Oscarnomination sondern zuerst mal eine Shortlist (10 Filme) – was auch schon ziemlich aufregend ist – doch eine Einladung zum Event am 26. Februar auf den roten Teppich haben wir noch nicht. Trotzdem, das ganze Team ist sehr stolz auf diese Leistung. In LA bin ich in erster Linie allerdings nicht wegen LA FEMME ET LE TGV sondern aufgrund der Entwicklung meines Langspielfilmes THE MAN WHO SOLD THE EIFFEL TOWER – auch dieses Projekt eines, das auf wahren Begebenheiten beruht. Und übrigens, sonnig ist es schon aber so viel gefroren wie hier hab ich noch selten. Die sollten sich mal Heizungen anschaffen hier, denn 17°C in der Wohnung ist ziemlich ungemütlich.

Für alle nicht Seeländer. Das Stationshüsli Ferenbalm-Gurbrü liegt oberhalb Kerzers an der BLS Strecke Bern-Neuenburg und spielt eine wichtige Rolle in “La femme et le TGV”, welche?

Also das Stationshüsli hat meines Erachtens weniger eine Rolle als das daneben liegende Haus, in dem Sonja Schmid wohnt. Dort ist jene Geschichte entstanden, die nun tausende auf der grossen Leinwand zu berühren vermag.

Du drehst seit Du 13 Jahre gewesen bist als Kind, das ohne TV aufwuchs. Kurzfilme mit dem gewissen Extra. Mit 26 Jahren bist nun in Hollywood unterwegs. Filme drehen mit der digitalen Kamera ist eines, Kontakte knüpfen, verhandeln bei den Amis etwas anderes. Hast Du Dich von Xavier Koller, Marc Foster schulen lassen oder wie gehst Du mit dem Filmbossen um?

Xavier und Marc kenne ich zwar beide, sind für mich jedoch nicht die wichtigen Mentoren so wie paar andere in der Filmbranche. Giles Foreman zum Beispiel – ein Acting Coach aus London – habe ich sehr vieles zu verdanken. Aber generell bin ich mit jedem Kurzfilm einen weiteren Schritt gewachsen und habe neue wichtige Personen für meine Karriere kennengelernt. Manchmal ergibt sich erst nach einigen Jahren etwas, das weiss man nie im voraus. So lernte ich Jean de Meuron zwar in der Schweiz am kleinen Gässli Filmfestival kennen. Dass er für mich jedoch die wichtigste Person für die Verknüpfung in Hollywood wird und der Festivaldirektor Giacun Caduff der Hauptproduzent von LA FEMME ET LE TGV, hätte ich mir vor über 4 Jahren kaum träumen lassen. Wenn es mein Gegenüber zulässt versuche ich mich von jeder Person schulen zu lassen, denn jede weiss etwas, das ich noch nicht weiss.

 La femme et le TGV basiert ja auf einer wahren Geschichte und Du hast sie mit Jane Birkin verfilmt. Wie konntest Du die 68-jährige Französin, die sich nach Schicksalsschlägen in den letzten Jahren zurückzog, für diesen Kurzfilm gewinnen?

Ich habe glücklicherweise Jane mit dem Thema des Drehbuches berühren können. Sie wusste was Einsamkeit einer alten Frau bedeutet und glaubte daher diese Figur gut verkörpern zu können. Ich habe das Gefühl, dass man an manchen Star auch mit limitiertem Budget herankommen kann, wenn das Projekt eine Herzensangelegenheit wird – hier was es doppelt der Fall da es sich um eine Liebesgeschichte handelt.

Jane Birkin hat dieses Jahr bereits einen Preis, den Leoparden aus Locarno, für ihr Lebenswerk bekommen, nun greift Du nach dem Oscar. Ist es Dir egal, ob Du an der 89. Verleihung gewinnst, weil alleine durch die Nomination sich viele Türen geöffnet haben und welche?

Ich würde schwindeln, wenn mir eine Nomination, geschweige denn ein Gewinn egal wäre. Aber ich glaube die harte Zeit kommt erst danach, denn dann muss man der Welt beweisen, dass man den Oscar auch wirklich verdient hat. Und das endet nicht unbedingt immer in einer Erfolgsstory. Für mich auf jeden Fall ist wichtig, das weitermachen zu können das ich liebe, dann bin ich glücklich. Ich muss jeweils aufpassen, dass ich mich nicht zu stark unter Druck setze – und ein Oscargewinn hilft da sicher nicht.

Du filmst, wie wir Blogger arbeiten, dort wo es Dir passt und Du Inspiration hast. Bleibst nun in Amerika oder kommst wieder in Deine Zürcher Produktionsfirma BMC Films zurück und verfilmst Schweizer Menschengeschichten?

Wo immer ich Geschichten finde, die mich berühren reise ich hin. In der Schweiz muss man teilweise etwas tiefer graben, aber auch dort hat’s zweifellos gute Geschichten, die die Welt zu bewegen vermögen. BMC Films reist auf meinen Knien überall mit, denn eigentlich ist das bis jetzt nur mein Laptop. Amerika ist ganz schön und gut, aber ich komme auch immer wieder gerne zurück in die Schweiz – auch für Projekte, denn ich habe mir mittlerweile eine Entourage mit vielen wunderbaren Menschen aufbauen können. Ein grosses Anliegen ist mir jedoch schon Filme für die Leinwand zu realisieren, die wie der TGV die Schweizer Grenzen hinter sich lassen kann.

Mehr Informationen zu Timo von Gunten und seine Arbeit bei BMC hier

Danke für das Mitmachen aus Los Angeles und hier noch einige Fotos rund um die Bahnstation Ferenbalm – Gurbrü

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