Die Zeitmaschinen des Florian Schlumpf sind mehr als nur Minuten- und Stundenzeiger

Bis zum Jahresende ticken in der Galerie am Lindenhof in Zürich die Zeitmaschinen von Florian Schlumpf. Die kunstvollen Maschinen bringen uns die Zeit als etwas Erfassbares, zum Hören, Sehen und Staunen näher. Doch der Künstler aus dem Kanton Graubünden verrät im Interview noch viel mehr über seine Zeitmessung und sich.

Florian Schlumpf, in drei Wochen ist das 2016 zu Ende, eine Zeit geht zu Ende, wie ist Ihre Bilanz?
 
2016 wird in unsere Annalen eingehen als ein ganz entscheidendes Jahr, was unsere Zeitmaschinen angeht. Nicht nur konnten wir Zeitmaschinen an Kunstfreunde von Australien bis USA liefern, auch in Europa wurden unsere nicht ganz alltäglichen Kunst-/Design-/Uhren-Objekte richtiggehend „entdeckt“, was uns nach Jahren des Aufbaus sehr freut!
Die Galerie am Lindenhof zeigt in einer Zeit, wo alle rumrennen wegen den Geschenken, Ihr Werk bis Ende Jahr, was gibt es alles zu sehen?
Wir zeigen in der Galerie am Lindenhof ganz neu und zum ersten Mal unsere grosse Wandmaschine, eine monumentale kinetische Skulptur mit rund 2.2m Breite und 2.1m Höhe. Sie weist eine ganz neuartige Mechanik auf, wie sie im Uhrenbau noch nie angewendet wurde: unser in den letzten zwei Jahren entwickelter sog. Orbitalantrieb, bei dem das Uhrwerk kontinuierlich läuft. Nur das Ankerrad ist getaktet. Damit benötigt dieses Werk eine viel kleinere Antriebsenergie, da nicht bei jedem Takt das gesamte Räderwerk abgebremst wird, nur um es nach einem kurzen Sekundenbruchteil wieder hochzufahren!
Diese Wand-Zeit-Maschine zeigt neben Sekunde, Minute, Stunde auch den Wochentag an.
Sie stellen Zeitmaschinen her. Wie kamen Sie aus der Bündner Provinz dazu, diese “grosse Uhren” herzustellen?
 
Ich bin ein Leben lang begeistert von Uhren, von Räderwerken, von Pendeln, von mechanischer Bewegung in jeder Form. Schon als Kind bewunderte ich grosse Stand- und Wanduhren, die einem Raum ein ganz eigenes Ambiente zu geben vermögen, kraft ihres Tick-Tack-Geräusches, aber auch der harmonischen Pendelschwingung.
Diese Atmosphäre will ich mit meinen Werken schaffen. Nicht die Zeitmessung steht im Vordergrund, sondern die Bewegung und das feine Geräusch, quasi die Zeit in einer sichtbaren und hörbaren Dimension.
In Trimmis, wo Sie wohnen, hat es wohl Schnee. Wenn Sie morgens durch das Fenster schauen, sehen Sie in der Natur draussen, wie die Zeit vergeht. Was haben Sie über die Zeit gelernt, seit sie Zeitmaschinen herstellen?
Zeit ist für den Menschen ein Mysterium und wird es immer bleiben. Aber ich habe gelernt, dass man nicht Zeit gewinnt, indem man schneller etwas macht, sondern Zeit gewinnt, indem man seinen Rhythmus verlangsamt. Ist man versucht, wegen eines nahenden Termins in Hektik zu verfallen, versuche ich heute, langsamer zu werden, statt sich von Stress treiben zu lassen. Die Effizienz jeder Tätigkeit ist am höchsten, wenn die Tätigkeit in einem gewöhnlichen Rhythmus erledigt werden kann. Die Fehlerkurve steigt schnell an, wenn man meint, etwas besonders schnell erledigen zu müssen, um eben Zeit vermeintlich zu gewinnen.
 
Wenn ich den grossen Pendel bei Ihren Zeitmaschinen anschaue, wird mir entweder schwindlig oder eben ich komme durch das hin und her in eine Art Meditation, ist das gewollt als Mittel gegen den Zeitstress?
Ich habe viele Male erlebt, wie Menschen vor einem sich majestätisch bewegenden Pendel fast in Trance verfallen sind. Einmal war das in Moskau, wo wir die 12m hohe Monumentaluhr im Detski Mir errichteten. Da standen Bauarbeiter aus Kirgisien minutenlang vor den grossen Rädern, dem langen Pendel, und man sah ihnen an, dass sie für einen langen Moment sich vergassen, die Hektik, sie war wie abgelegt.
 
Hat einer wie Sie, der sich dauernd mit der Zeit beschäftigt, eine exakte innere Uhr oder kommen Sie auch manchmal zu spät, weil Sie die Zeit oder die Uhr vergessen haben?
Die innere Uhr? Ja, die läuft recht genau.
Aber die wichtigste Erkenntnis aus der Beschäftigung mit Zeit ist wohl die, dass man sie eher findet, wenn man sie nicht zu gewinnen sucht. Wenn ich in den Verkehrsmitteilungen höre, dass ein Stau einen „Zeitverlust“ von 40 Minuten verursacht, so ist das doch eher ein „Zeitgewinn“, da man in der Autokolonne nun 40 Minuten geschenkte Zeit hat. Aber ob ich dieses Geschenk auch immer so zu estimieren wüsste…


Die Ausstellung

 
Galerie am Lindenhof, Zürich
Vom 14. – 31. Dezember 2016 sind die Zeitmaschinen in der Galerie am Lindenhof ausgestellt.
Öffnungszeiten:
14. – 24. Dezember: 11 – 18 Uhr
25. – 31. Dezember: nach Absprache
Nähere Infos und Kontakt zu Florian Schlumpf  hier 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s