Andrea Fischer Schulthess – Motel Terminal oder morden aus Liebe zum Kind

Andrea Fischer Schulthess kann schreiben und zwar Sätze wie diese:

„Meine zwölfjährige Tochter lebt in dem Haus. Sie ist dort zur Welt gekommen und hat es noch nie verlassen. Niemand weiss, dass es sie gibt, ausser mir. Warum das alles so ist, wie es eben ist, soll dich nicht kümmern. Aber du musst wissen, dass die Kleine mir weggenommen wird, wenn es jemand erfährt, dass sie existiert.“

Ein Ausschnitt aus dem Debut „Motel Terminal“, das Buch über das alle reden, geschockt sind und alle Kritiker im deutschen Raum loben. Zeit für ein Interview mit der talentierten Zürcherin über den Mord aus Liebe an der eigenen Tochter.

Nach Ihrem Abschied vom Mamablog, Auftritten mit dem Minitheater Hannibal, mehreren Fundraising Aktionen für Flüchtlingslager und dem Debut von «Motel Terminal» wurden Sie Ende Jahr krank. Wie geht es Ihnen heute und was haben Sie sich für 2017 vorgenommen?
 
Mit geht es ausgezeichnet, danke der Nachfrage. Eine Grippe oder Erkältung sind für mich meist hilfreiche, aufgezwungene Erholungsphasen, nach denen ich wieder voller Energie bin. Vorsätze für 2017 habe ich eigentlich keine, aber dafür um so mehr Pläne. Im Februar werde ich nach Serbien reisen um mit Vanja Crnojević von Borderfree Association kleinere Hilfswerke anzusehen und eine neue Fundraisingaktion von www.herzundkohle.ch zu machen. Zudem haben wir am 3. Februar Premiere im Millers Studio mit unserem ersten Erwachsenenprogramm «ein Grimmiger Abend» und ich arbeite an einem neuen Buch. Auch der Rest des Jahres ist schon voller spannender Projekte, auf die ich mich sehr freue
.
 
Gehe ich recht in der Annahme, dass es ohne den Fall Kampusch, Ihre Erfahrungen als Biologielehrerin und Mutter Ihr Debut «Motel Terminal» nicht gegeben hätte oder gab es andere Inspirationsquellen?
 
Sicher haben Sie damit einige der wichtigsten Quellen schon erwähnt. Aber es gab nebst Kampusch und Fritzl auch noch viele andere Berichte über ähnliche Fälle, die ich über Jahre verfolgt habe sowie theoretische Literatur. Auch T.C. Boyles Buch «Das wilde Kind» hat mich sehr berührt, ebenso die Geschichte Parzivals, der von seiner Mutter von der Welt ferngehalten wird, um ihn vor dieser zu beschützen – und der gerade deshalb dann nicht gerüstet ist, in ihr zu bestehen, als er schliesslich doch auf sie trifft.
Vieles in Ihrem klaustophobischen Thriller, in dem eine Mutter ihr Kind eingesperrt hält, entwickelt sich wie Vieles in der Wirklichkeit, weil Mütter Unverarbeitetes in ihrer Seele rumtragen und falsche Projektionen haben, stimmt das?
 
Ich würde es etwas anders formulieren. Wir alle, Mütter und Väter, sind das Produkt unserer Erfahrungen und versuchen daraus abzuleiten, wie wir unsere Kinder erziehen möchten. Vieles geschieht dabei tatsächlich unbewusst und nicht immer gelingt das so, wie wir wollen. Zudem steckt in fast jeder Mutter der nahezu übermächtige Wunsch, ihr Kind vor der Welt zu beschützen – und häufig schadet das den Kindern mehr, als es ihnen nützt. Ein Beispiel: Auf lange Sicht ist es weniger gefährlich für ein Kind, auf einen Baum zu klettern und sich dabei den Arm zu brechen, als sich vor lauter Überbehütung nichts zuzutrauen und ein unkörperlicher Stubenhocker zu werden. Und doch hat die Mutter in jenem Moment aus ihrer Sicht das Kind vor einem Unfall beschützt, in dem sie ihm nicht erlaubt hat, allein in den Park zu gehen. In meiner Geschichte habe ich diesen Ur-Wunsch, ein Kind vor Leid zu bewahren, ins Extreme gedacht.
Die Schilderungen sind sorgfältig, sie machen gute Beobachtungen im Verhältnis Mutter Tochter, sind zärtlich um Sätze später wieder die Erbarmungslosigkeit zu schildern. Sie waren ja auch Bloggerin und nun ein ganz anderer literarischer Stil mit Grenzerfahrungen. Wie haben Sie sich vorbereitet, um die neue Sprache zu finden?
 
Ich denke nicht, dass ich eine neue Sprache finden musste. Ich habe schon immer gern allerlei unterschiedliche Dinge geschrieben. Als Berufsschreiberin bin ich es zudem seit fast 20 Jahren gewohnt, meine Sprache einem Medium beziehungsweise einem Publikum anzupassen. Es macht mir Spass, mich auf mehr als eine Weise ausdrücken zu dürfen. Aber ich gebe zu, ich habe es sehr genossen, zum ersten Mal ganz so schreiben zu können, wie ich es wollte.
Die aktuelle Flüchtlingssituation erlebten Sie kurz vor Ort auf der griechischen Insel Lesbos. War das eine Reise aus Betroffenheit, um nachher auch in Zürich noch weiter zu helfen oder Inspiration für das nächste Buch?
 
Es war eine sehr rasche Entscheidung ohne viel Nachdenken. Ich war und bin erschüttert und empört darüber, wie Europa und die Schweiz mit diesen Menschen umgehen. Das treibt mich seither an, mich zu engagieren. Ich weiss, dass sehr viele Menschen ähnlich denken und fühlen wie ich. Daran will ich mich festhalten und das will ich unterstützen.
 
Neben der öffentlichen Person als Autorin und Geschichtenerzählerin sind Sie auch Mutter einer Tochter und eines Sohnes und verheiratet. Wie bringen Sie das Schreiben von Extremsituationen wie in «Motel Terminal», die sehr aufwühlend sein können, mit den Gefühlen im Alltag als Mutter und Ehefrau unter einen Hut?
Die Frage ist umgekehrt. Ich frage mich, wie Menschen ohne den Humor und die entspannte Offenheit eines Familienalltags schreiben können, ohne dabei verloren zu gehen. Ich bewundere das. Mein Alltag macht es mir erst möglich, in düstere Geschichten abzutauchen – und auch wieder herauszufinden. Zudem liebt meine Tochter die gleiche Art von Büchern wie ich und ist eine sehr gute und kritische Beraterin. Mein Mann hat vor allem eine Engelsgeduld mit mir, wenn ich mal wieder das Gefühl habe, es gehe nichts mehr. Und mein Sohn ist immer für einen Schwatz zu haben, wenn ich mal wieder lieber mit ihm Zvieri esse als an meiner Geschichte zu knobeln. Das alles brauche ich.
$

Nähere Information zum Buchinhalt hier

Das Buch Motel Terminal erschien im Salvisverlag hier
Kontakt zu Andrea Fischer Schulthess hier
Die Fotos fotografierte Andrea Fischer Schulthess

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s