Pfarrer Josef Hochstrasser – Die Kirche kann sich das Leben nehmen

Dies ist der Titel des Plädoyers des 70-jährigen Pfarrers Josef Hochstrasser aus Oberentfelden, der in seinem Buch den leeren Kirchen den Spiegel vor das Gesicht hält. Ein Denkanstoss mit zehn Thesen gegen den Aderlass der Kirche und wie er gestoppt werden könnte. Ein Interview mit einem Mann, der den christlichen Glauben wieder mit Leben füllen möchte.

Ein Pfarrer erzählt mir, dass er in Bedrängnis komme, wenn ein Kind aus dem Biologieunterricht kommend, die Schöpfungsgeschichte kritisch hinterfrage und spätestens im Konfirmandenunterricht langweilt die Kirche. Wann haben Sie mit Kirche in der jetzigen Form Probleme bekommen?

Es gab zwei Probleme. Einerseits konnte ich nicht mehr hinter bestimmten katholischen Lehrmeinungen stehen. Beispiel: die Unfehlbarkeit des Papstes. Andererseits habe ich als katholischer Priester geheiratet. Der Bischof hat mich deswegen mit einem Berufsverbot belegt. Ich musste als Hilfsarbeiter mein Brot verdienen. Dann habe ich mich entschieden, reformierter Pfarrer zu werden. 

Meine Dorfkirche macht Allerhand mit den Alten, doch die Gesellschaft besteht auch aus Singles zwischen 20-50 Jahren, die sich von der Kirche abwenden, weil sie sie nicht mehr abholt. Welche anderen Gründe sehen Sie noch in den vielen Kirchenaustritten?

Die Kirche hat die Fähigkeit verloren, auf die vielfältigen Bedürfnisse der Menschen einzugehen. Sie muss dringend ihre Strategie ändern. Statt verstaubte Lehren zu verkünden, muss sie sich unter die Leute mischen und genau hinhören, was diese beschäftigt. Es muss der Kirche wieder gelingen, das humanistische Potenzial der Bibel rüberzubringen. Die Menschen kennen dieses gar nicht mehr.

Dieses Jahr ist 500 Jahre Reformation und 600 Jahre Niklaus von Flüe, trotzdem ist die reformierte Kirche eine sterbende. Weil sie keine Seelsorge mehr anbietet und alle zum Psychiater schickt oder warum?

Wäre ich Arzt, würde ich sowohl der reformierten wie der katholischen Kirche eine düstere Diagnose stellen. Dass beide Kirchen altersschwach daherkommen, hat damit zu tun, dass vor allem aus den Priestern, Pfarrern und den übrigen hauptamtlichen Kirchenfunktionären jegliches Leben und alle Begeisterungsfähigkeit gewichen ist.

Gehe ich in die Messe, folge ich als Statist einem Ritual und nach einer Stunde gehen alle wieder alleine nach Hause, von Gemeinschaft keine Spur, auch da sollte sich was ändern Ihrer Meinung nach oder?

Der Gottesdienst soll bleiben. Er ist aber strukturell so geprägt, dass keine echte Kommunikation aufkommen kann. Ein Profi (Pfarrer) handelt, Amateure (die Kirchgänger) werden behandelt. Diese Struktur muss durchbrochen werden. Die Betreuten müssen zu eigenständig Handelnden werden. Kirche muss mitten im Leben stattfinden, ohne Dominanz von Profis.

 

Ihr Plädoyer fordert eine aktive Jesusbewegung. Wie sollte die an den Menschen herantreten, wenn alle immer auf das Handy starren und in sich einen Panzer der Materialisation tragen?

Jesus von Nazareth gelang es, Menschen für seine Art, das Leben zu bewältigen, zu gewinnen. Das ist heute noch möglich, gelingt aber nur durch eine lebendige Kommunikation von Mensch zu Mensch. Womöglich gelänge nach dem Vorbild der „Operation Libero“ gar eine christliche Variante dieser Power-Group: Von der Kraft des Christentums beflügelt würden sich Menschen ausserhalb der Institution Kirche zu einer Bewegung zusammenfinden.

Nachdem späten Studium in den 80ier Jahren an der Uni Bern, waren Sie bis 2010 Lehrer an der Kantonschule Zug. Will die Jugend ohne Gott leben oder hat die Kirche einfach den Zugang zu ihr wie bei den Erwachsenen verpasst?

Meine Erfahrung an der Kanti Zug: Die Jungen haben kaum Interesse an Kirche. Umso mehr habe ich sie begeistern können, das Phänomen Religion(en), inklusive die Gottesfrage, engagiert und kontrovers zu erörtern. Ich bekomme immer wieder Anfragen von ehemaligen Schülerinnen und Schüler für eine Trauung oder eine Taufe. Ein spätes, sympathisches Feedback auf eine gelungene und nachhaltige Auseinandersetzung mit Religion.

Das Buch ist im Zytglogge Verlag erschienen, Informationen hier 

Josef Hochstrasser

Die Kirche kann sich das Leben nehmen

Zehn Thesen nach 500 Jahre Reformation

Ein Denkzettel

19.–/

ISBN 978-3-7296-0948-8

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