Silvan Loher – Von Muri bis Oslo stets Musik und Noten im Kopf

Am 21. Mai 17 Uhr erklingt in der Klosterkirche Muri des Komponisten Silvan Lohers „Messe für Muri“. Fast vierzig Musiker und Sänger wirken bei dieser neunzigminütigen Auftragskomposition mit und garantieren Gänsehaut-Sourround-Sound. Drei Wochen später erscheint die CD „Night, Sleep, Death and the Stars“. 2017 ist das Jahr des Schaffhauser Komponisten Silvan Loher.

Silvan Loher, Sie weilen gerade in Oslo, doch am 21. Mai sind Sie wieder für das “Murikonzert” zu hause und wollen die Aargauer mit einer neuen Komposition und Surround-Sound überraschen. Was beinhaltet diese Auftragsarbeit?

Ich wurde für diese Komposition bereits vor drei Jahren von Johannes Strobl angefragt. Die Idee war, ein Abendfüllendes Werk zu schreiben, das speziell für die Klosterkirche in Muri konzipiert ist, also den speziellen Raum mit seinen Emporen nützt, mehrchörig ist. Die einzigen weiteren Vorgaben waren, dass das Werk einen religiösen Bezug haben sollte und ich historische Instrumente verwenden sollte. Letzteres ist nicht ungewohnt für mich, da ich schon einige Auftragsarbeiten für Ensembles auf historischen Instrumenten geschrieben habe, und dies somit eine meiner Spezialitäten geworden ist. Der religiöse Bezug war für mich als Atheisten etwas schwieriger. Was ich mir zuerst als „Notlösung“ ausgedacht habe, hat sich dann als äusserst fruchtbare kreative Idee gezeigt: Ich wollte, meiner Neigung für Poesie und für Sprachen folgend, nicht nur ein mehrchöriges, sondern auch ein mehrsprachiges Werk schreiben. Ich nahm also den lateinischen Messetext und interpolierte Gedichte in vier verschiedenen Sprachen von Dichtern, die sich auf sehr individuelle und unorthodoxe Art und Weise mit der christlichen Religion auseinandergesetzt haben. Die gewählten Gedichte sind nicht zufällig eingestreut, sie kommentieren, spiegeln und kontrapunktieren, in gewissen Fällen könnte man auch sagen karikieren, was im lateinischen Text gesagt wird. Jede/r der Solisten/innen verkörpert dabei einen Dichter oder eine Dichterin und eine Sprache: Die Sopranistin singt auf Schwedisch, Gedichte von Edith Södergran, die Mezzosopranistin auf Deutsch, Gedichte von Georg Trakl, der Tenor Französisch, Charles Baudelaire und der Bass Englisch, Walt Whitman. Dazu kommt noch ein zehnstimmiges Madrigal für Frauenstimmen a capella auf ein Gedicht von William Blake. Was man erlebt ist ein 90-minütiges Werk mit einer starken und klaren Dramaturgie, das die gesamte Klosterkirche in Muri zum Klingen bringt. Die SängerInnen, Oboen, Fagott, Zinken und Posaunen wechseln dabei ständig die genau vorgeschriebene Position, von der aus sie spielen, und nur die Streicher bleiben als „Fixpunkt“ immer in der gleichen Position. Das Werk beginnt geheimnisvoll, mit den Posaunen und dem Chor in der fernen Krypta versteckt, danach bewegt sich die Musik immer näher aufs Publikum zu, um dieses herum, auch einmal mitten im Publikum drin, und steigt dann langsam in die Höhe, auf die Emporen. Das ist das im Prinzip ganz einfache und klare dramaturgische Konzept, aber natürlich war es ungemein schwierig, sich so ein polychorales Werk auszudenken, mit allen praktischen Überlegungen und Gegebenheiten, die es zu beachten gab. Dass alles bestens funktioniert hat bei der Uraufführung im September 2016, und wie aus dem Feedback des Publikums zu schliessen war ich und die Interpreten den Zuhörenden ein einzigartiges Erlebnis bieten konnte, darüber bin ich sehr glücklich.
Als 1986 in Schaffhausen Geborener leben Sie nach dem Kompositionstudium in Basel, bald gehts ganz nach Oslo, doch vorher kommt noch die CD “Night, Sleep, Death and the Stars” im Juni mit vertonten Gedichten von Mascha Kaleko und anderen Dichtern. Wer waren diese Schreiber und warum schreiben Sie nicht selber Texte?
Nur noch ein weiterer Dichter ist auf der CD vertreten, Walt Whitman. Und Er und Mascha Kaléko sind zwei meiner absoluten Lieblingsdichter. Was mich an der Kombination auf der CD vor allem überzeugt, ist dass die Gegenüberstellung dieser beiden sehr gegensätzlichen Dichtern auch in meinen Vertonungen zwei unterschiedliche Seiten meiner Künstlerpersönlichkeit zeigen, wobei beide Zyklen „typisch Loher“ sind. Kaléko hat ja bei aller Tragik und Bitterkeit immer auch etwas Leichtfüssiges, Humorvolles und Sarkastisches, was sich auch in meinen Vertonungen spiegelt, während Whitmans sehr breiter, prophetischer und allumfassender Stil auch in der Vertonung eine gewisse Weite und Gewichtigkeit fordert. Selber Texte zu schreiben, ist ja bei „klassischen“ Komponisten eher selten üblich, besonders in der Lied-Tradition – ich weiss eigentlich nur von Charles Ives und Debussy, die gelegentlich ihre Texte selber verfasst haben. Bei Richard Wagners Opernlibretti wünschte ich mir manchmal, er hätte sie nicht selber verfasst, wobei ich die auch wieder sehr amüsant finde (lacht). Das selber Texten ist wohl eher in der Pop- und Singer/Songwriter-Tradition üblich. Was mir daran gefällt, Texte meiner liebsten Dichter zu vertonen, ist dass ich damit meine zwei grössten Leidenschaften, die für Musik und die für Poesie, verbinden kann. Ausserdem fühle ich, dass ich so in einen geistigen Dialog mit diesen mir so lieben Künstlerpersönlichkeit treten kann. Und man steht auch nicht so nackt da, man drückt zwar Dinge aus, die sehr persönlich sind, aber eben doch durch das Sprachrohr eines anderen. Allerdings habe ich letzten Sommer plötzlich angefangen selber zu dichten, und habe explosionsartig viele Gedichte verfasst. Das kam auf eine Art sehr überraschend für mich, auf eine Andere auch wieder nicht, da mir ja die Posie wirklich genauso nah und wichtig ist wie die Musik. Wer weiss, vielleicht werde ich eines Tages den Mut zu einem Seelenstriptease fassen und meine eigenen Gedichte vertonen…
Die Entdeckung mit Grieg als 14jähriger war das Schlüsselerlebnis für Sie Komponist zu werden. Was haben Sie über sich kennengelernt beim Studium und kreativen Umgang mit den Dichtern der neuen CD?
Das war sogar noch früher, mit 11 oder 12. Ich kann sagen, dass ich sowohl im Studium wie auch im Umgang mit jedem Dichter und jedem Komponisten, dessen Kunst mir besonders nahe ist, mich selber ein Stück weit besser kennengelernt. Und ich denke das ist das wichtigste, wenn man kreativ tätig ist, sich selber gut zu kennen und treu zu sein. Was meiner Kunst sicher eigen ist, ist eine gewisse grundlegende Melancholie, Schwermut, Nachdenklichkeit oder wie man es nennen will, wo ich ja meiner „Jugendliebe“ Grieg, dem ich bis heute treu geblieben bin, wiederum sehr nahe bin. Was ich ausserdem in den letzten Jahren bemerkt habe ist, dass meine Musik eigentlich besser wird, je mehr ich mich auf meine Instinkte und natürliche Musikalität verlasse, anstatt willentlich zu versuchen, etwas zu konstruieren. Innerer Zusammenhang und Grosser Bogen ergeben sich zu meinem grossen Glück von selbst in meiner Musik. Ich halte es da mit der Tochter von Sylvia Plath, selber Dichterin, die gesagt hat „do what comes naturally and not what must be forced and manipulated“ (tu das, was natürlich kommt, und nicht was erzwungen und manipuliert werden muss).

Sie waren ein eigen Kind, hörten Klassik statt Pop und hatten die Kraft sich als Komponisten durchzuboxen, auch wenn Sie heute nur dank Nebenjobs überleben können. War das Schwulsein in der Klassikwelt ein Hindernis oder welch andere gab es noch zu überwinden, damit Sie ihren Platz fanden?

Überhaupt nicht. Ich habe noch von keinem Fall von Homophobie in der Musik- oder Kunstwelt gehört. Wir sind da privilegiert; im Spitzensport oder wohl auch in der Geschäftswelt sieht es da wohl anders aus, was man da so hört. Was bei mir über viele Jahre, besonders im Studium, schwierig war, war die Tatsache, dass ich einfach nicht in die sogenannte „Neue Musik“-Szene passe. Mir ist diese Art von Ästhetik, diese über-intellektualisierte Auffassung von Kunst und die Versteifung auf Konzepte sehr fremd, und ausserdem ist ein grosser Teil neuer Musik sehr weit jenseits von dem, was ich als schön empfinde, als natürlich musikalisch empfunden. Ich sehnte mich nach Natürlichkeit, Schönheit und einer Musik, die sowohl den Intellekt wie auch den „Bauch“, die Gefühle anspricht. Auch störte mich, wie enorm ideologisch solche ästhetischen Diskussionen geführt wurden. Ich wurde während meiens Studiums heftig kritisiert, was mich zunächst sehr verunsichert hat. Die Situation schien mir so ausweglos, dass ich sehr deprimiert wurde und mit einer mehrere Jahre andauernden Schreibblockade zu kämpfen hatte. Schlussendlich hat mir das alles aber geholfen, meinen ganz eigenen Weg einzuschlagen und meinen eigenen Stil ganz elbst zu entwickeln. Mein „Comeback“ nach langer Schaffenskrise kam übrigens mit den allerersten Kaléko- und Whitman-Vertonungen.
Vor zwei Jahren musste ich dann an eigenem Leib erfahren, was es heisst, ein gebrochenes Herz zu haben. Auch diese Zeit war zunächst sehr schwierig, was mein Schaffen betrifft und stellt sicher einen Bruch dar, aber auch hier gilt wiederum das „per aspera ad astra“-Prinzip, rückblickend kann ich sagen dass meine Musik seither an tiefe gewonnen hat und dass ich nun mit einer zuvor nicht gekannten Leichtigkeit schreiben kann.
In einer so lauten Welt eigene Musiktöne zu hören ist ja schon eine Meisterleistung, aber den Balanceakt zwischen kreativem Sonderling und Ottonormalverbrauch, der ins Migros einkaufen geht, ist sicher nicht immer einfach. Verkriechten Sie sich tagelang ab, als Sie das Murikonzert komponierten oder leben Sie nach dem Tagesplan morgens komponieren, nachmittags den Haushalt machen?

Das ist tatsächlich ein schwieriger Balanceakt, der mir nicht immer gleich gut gelingt. Ein kreativer Prozess ist nie linear. Und meistens kommt man Gegen Ende in Zeitnot, und dann muss alles andere hinten anstehen, zu meinem eigenen grossen Leidwesen auch Haushalt und Schlaf. Ich sage immer, der kreative Prozess hat etwas manisches an sich. Bei der „Messe für Muri“ hatte ich das grosse Glück, dass meine liebe und grosszügige Schwester Katja, Künstlerin und in New York City wohnhaft, mich eingeladen hat, drei Monate bei ihr in ihrer schönen Loft in Brooklyn zu wohnen und mich auf meine Arbeit zu konzentrieren. Das war eine tolle und wichtige Zeit. Dort habe ich übrigens entschieden, nach Norwegen auszuwandern.

Sie lieben es italienisch zu kochen. Was macht der Silvan Loher sonst noch in der Freizeit ausser mit seiner Katze im Garten spielen?

Ich bin ein Naturmensch und liebe es zum Beispiel, zu wandern, velofahren oder in natürlichen Gewässern zu schwimmen. In der Natur kann ich meine Energien aufladen und sie ist auch eine meiner wichtigsten Inspirationsquellen. Ich war ausserdem als ich jünger war eine Zeit lang sehr versessen am Ballett trainieren, und das mache ich zeitweise sehr intensiv als Hobby. Ausserdem bin ich ein sehr sozialer Mensch und habe einen grossen und schönen Freundeskreis, der sich gerne von mir bekochen lässt. Ich lese sehr gerne und gehe gerne ins Theater, in die Oper und ins Ballett. Und ja, ich liebe Tiere, hatte bis vor kurzem zwei Katzen, deren ältere, Shintaro, leider vor kurzem nach längerer Krankheit gestorben ist. Der jüngere, Truls, kommt mit mir nach Norwegen – er ist eine norwegische Waldkatze und kehrt sozusagen in seine Heimat zurück!

Konzertkarten für Messe für Muri hier

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s