39. Solothurner Literaturtage: Julia Weber, Sunil Mann und romantische Plätzli

Bei Hochsommertemperaturen kann der Besucher an den 39. Solothurner Literaturtagen die Phantasiegeschichten Schweizer Autoren und ihre aktuellen Werke anhören statt lesen. Doch die beste Geschichte schreibt die Fantasie des Besuchers in der barocken Stadt mit ihren lauschigen Plätzen.

Einen Besuch an den Literaturtagen an einem so schönen Wochenende wie diesem ist die beste Gelegenheit das Leben zu feiern am Jurasüdfuss und die Altstadt ist ja eine Art offenes Museum, wo  nach dem Gang über die Brücke mit Blick auf die Aare im Palais Besenval sich einen zweiten Kaffee  am Morgen geniessen lässt, während ein Fischer auf einem Holzboot mit einer Stange von einem Ufer ans andere sich stemmt und alles fast wie in „Tod in Venedig“ aussieht.
An ihren schulfreien Tagen vom Unterricht am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel ist die Zürcherin Julia Weber auch hier gesessen, jetzt nimmt sie Platz auf der Bühne im ausverkauften Stadttheater, geht auf das Lesepult nach einer Einführung der Moderatorin zu und begrüsst die Leute mit „Guten Abend“. Die 1983 in Tansania Aufgewachsene bemerkt den Fehler und lacht mit dem Publikum, bevor dieses seine Haltung wechselt.
Stützten die Hände die Köpfe, schnauften einige wegen der Hitze und starrten zu Boden verändern sich die Gesichter und Körper je länger Julia Weber aus ihrem Debut “ Immer ist alles so schön“ liest. Die Sprache voller Poesie, Metapher packt den Leser, der hier Hörer ist, in einen Sog, der alles vergessen lässt. Es sind viele Zürcherfrauen anwesend und die Besucher aus den anderen Kantonen merken mit jedem Satz, da ist ein Talent am Heranwachsen, das bereits beim Erstling Grosses geschaffen hat.
Die Büchertische um den Hauptschauplatz des Geschehens im Landhaus laden zum Störbern ein oder sind ein idealer Ort um den Leser, der sonst im privaten Raum über den Seiten hockt, zu beobachten vom Strandkaffee nebenan, wo Autor Sunil Mann zwei Minuten vor seinem Auftritt einen Schriftstellerkollegen grüsst und dann mit seinem Rucksack auf den offenen Zirkuswagen steigt.
Bisher war der Zürcher, der als Flugbegleiter Teilzeit arbeitet, bekannt für seine Krimis mit einen Touch aus seiner Heimat Indien. Heute hatte der im Berner Oberland Aufgewachsene bei seiner Kurzlesung im Aussenpodium auf der Strasse das Kinderbuch „Immer dieser Gabriel“ dabei.
Gekonnt mit einen steten Blick auf die Zuhörer lass er die humorvolle Geschichte vom frechen Engel Gabriel, der im Engelsinternat zu viele Streiche macht.Die Erwachsenen und viele Paare hörten in der prallen Mittagssonne zu.
Michael Angele wurde nicht weit von seinem heutigen Leseort vor 52 Jahren in Aarberg geboren aber mit dem Mut, den er durch das Fansein von der Punkgruppe The Clash gewann, ging er aus der Enge des Seelandes mit 25 Jahren weg nach Berlin und bliebt dort. Er gründete die erste Onlinezeitung netzzeitung.de und ist heute Chefredaktor bei der Wochenzeitung “ Der Freitag“. Die Säulehalle war wieder ausverkauft, von der Aare tönten Enten als er sein Buch „Der letzte Zeitungsleser“ aufschlug und über das Verschwinden der Tageszeitung und dem Leiden eines Zeitungssüchtigen begann zu lesen und nicht alle Bücherfans überzeugte.
Hören ist anstrengender als Lesen und keine 15 Minuten von den Solothurner Literaturtagen gibt es eine Möglichkeit, um das literarische Schaffen, all die Kopfgeburten schweizerischer und ausländischer Scheiberlinge zu verdauen, in der Verenaschlucht.
Gegenüber dem Bahnhof fährt Bus Nr. 4 zur bis Haltstelle St. Niklaus, kurz die Strasse hoch und schon steht das Waldtor offen für den 20 Minuten Gang an der Kühle bis zur Schlucht mit der Kappele und der Eremitenklause, wo ein ehemaliger deutscher Polizist, der nun das Göttliche sucht, lebt. Hier bekommt der Geist gleich nochmals eine Stärkung nach der Literatur und wer dem Magen knurrt, der kehrt ins Restaurant Keuzen ein.
 Solothurn ist dieses Wochenende trotz der Hitze eine Reise wert.
Weitere Informationen zu den Solothurner Literaturtagen  hier 
Weitere Informationen zur Verenaschlucht hier
Flurin Jecker
Wie sich der Berner Autor auf Solothurn vorbereitet und über seine Debut Lanz lesen Sie hier

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