Sachseln – Joël von Moos und die Komposition “ Dorothea – Kantate zu Ehren des Niklaus von Flüe“

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In Sachslen, Einsiedeln und Luzern führt der Obwaldern Musiker und Komponist Joel von Moos das spartenübergreifende Projekt rund um die Frau Dorothea vom Niklaus von Flüe auf. Eine Kantate mit Solojodlerin Nadja Räss, den Luzerner Sängerknaben, dem Orchester Santa Maria und dem Organisten Wolfgang Sieber. Ein Interview zum Grossprojekt im Gedenkjahr „Mehr Ranft – 600 Jahre Niklaus von Flüe.

 

Joël von Moos

 

Niklaus von Flüe hat 1417 bis 1487 in Obwalden gelebt und war als Bergbauer, Soldat und Schutzpatron der Schweiz bekannt. Warum haben Sie sich für seine Ehefrau Dorothea Wyss in Ihrer Komposition «Dorothea» – Kantate zu Ehren des Niklaus von Flüe entschieden?

Niklaus von Flüe war nicht bloss ein einfacher Bergbauer, er bekleidete auch politische Ämter, war als Richter tätig und gehörte somit dem höchsten Führungszirkel des Standes Obwalden an. Als er gegen die Fünfzig zuging, legte er um 1465 alle politischen Ämter nieder und verfiel in eine Art Depression. Während zwei Jahren voller Zweifel und Existenzängste reifte in ihm die Entscheidung, seine Familie – er hatte zehn Kinder – zu verlassen, um eine Pilgerfahrt anzutreten und schließlich Einsiedler zu werden. Obwohl Dorothea Wyss durch ihr Witwengut wirtschaftlich abgesichert war, interessierte mich, was diese inneren Kämpfe und das Verlassenwerden für Niklausens Frau Dorothea wohl bedeuteten. Entstanden ist nun ein fiktiver Dialog zwischen Niklaus und Dorothea, der diese zwei Jahre vor seinem Weggang, seine Suche nach dem „einig Wesen“, die gemeinsame Entscheidungsfindung der beiden Eheleute und schließlich Dorotheas Einverständnis für Niklausens Vorhaben thematisiert.

 

Barbiere

 

Die Kantate kennt eine geistliche und weltliche Form und war Teil des Gottesdienstes im 18. Jahrhundert. War von Anfang an klar, dass Sie die Kantate wählen als Musikform und auf was für Schwierigkeiten stiessen Sie beim Schreiben Ihrer Komposition?

Die Idee zu «Dorothea» entstand eigentlich aus dem Wunsch heraus, einmal ein mystisches Werk für einen Jodelchor zu komponieren, eine Art Oratorium, in dem die Mystik der schweizerischen Bergwelt, konkret das Leben auf der Alp besungen wird. Als ich im Herbst 2015 eher zufällig auf das im 2017 anstehende «Mehr Ranft»-Gedenkjahr aufmerksam wurde, entwickelte sich allmählich die Idee, ein mehrsätziges Werk für Jodelchor und Orchester zu komponieren. Nun war ich bei der Form der Kantate angelangt und bin mir aber bis heute unsicher, welcher Gattung sich das Werk, das sich in diesen zwei Jahren konzeptionell, von der Besetzung und auch vom Umfang her immens erweitert hat, noch zuordnen lässt. Diese verselbständigte, meist auch von äusseren Einflüssen bestimmte Weiterentwicklung des Werks war die grösste Herausforderung beim Schreiben der Komposition: Plötzlich kam eine Solojodlerin als Hauptfigur «Dorothea» ins Spiel, die Jodelspezialistin Nadja Räss, die ich als Sänger beim Jugendchor jutz.ch kennengelernt hatte. Als ich in der Hofkirche Luzern anfragte, ob es möglich wäre «Dorothea» dort aufführen zu können, meldete sich der Hoforganist Wolfgang Sieber zurück, und machte den Vorschlag, einen Orgelpart in das Werk aufzunehmen, der jetzt gemeinsam mit dem Männerchor die Partie des Niklaus von Flüe symbolisiert

 

Nadja Räss

Was Sie hören und aufschreiben ist eine Sache, das Ganze aber auch noch der Solojodlerin Nadja Räss, dem Organisten Wolfgang Sieber, den Luzerner Sängerknaben und dem Orchester Santa Maria verständlich zu machen ist eine andere. Wie liefen die Vorbereitungen und die Kommunikation im Vorfeld und bei den Proben ab, auf was mussten Sie achten bei dieser Mischung aus Jodel und Klassik?

Jene Besetzung ist genau der Grund, weshalb ich mich als Komponist wirklich glücklich schätzen darf. Nadja Räss und Wolfgang Sieber sind Profis, die Luzerner Sängerknaben sind junge Profis und das Orchester Santa Maria steht dem in nichts nach. Der Chorleiter und Dirigent Eberhard Rex, bei dem ich selber über zehn Jahre hinweg eine klassische Gesangsausbildung erhielt, hat die Idee dieser Musik auf Anhieb verstanden und schaffte es bereits bei der ersten Probe, die geschriebenen Noten zum Leben zu erwecken. Natürlich ist das Werk – der Jodelharmonik gerecht – musikalisch einfach gehalten, es geht ja zu einem großen Teil auch um die Geschichte, die erzählt wird. Die Musik ist von ihrer Art her für das Jodeln typisch unkompliziert und gewissermassen archaisch, doch die Begleitung durch das Streichorchester schafft immer wieder „klassische“, sinfonische Momente.

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Der Psychologe Carl Gustav Jung hält Niklaus von Flüe als der Mystiker der Schweiz schlechthin. Was haben Sie für sich bei der Beschäftigung mit ihm und seiner Frau für sich gelernt? 

«Dorothea» liegt ein Zitat von Pater Anselm Keel zugrunde, der sich mit Niklaus von Flüe und Dorothea Wyss als Ehepaar beschäftigt hatte, das da lautet: „Es liegt im Zug der Zeit, die innere Dramatik seelischer Entwicklungen psychologisch fasslich darzustellen, auch wenn man sich bei solchen Deutungen auf Vermutungen stützen muss und subjektiven Empfindungen Vorrecht einräumt.“ Es war mir von Anfang an sehr wichtig, vor allem beim Schreiben des Librettos, mich mit Niklaus von Flüe und Dorothea nicht nur historisch und mitunter theologisch, sondern vor allem menschlich auseinanderzusetzen, um diese innere Dramatik der seelischen Entwicklungen, die sich während deren Entscheidungsfindung abgespielt hatte, zu verstehen und – eben psychologisch fasslich – darstellen zu können. Ich habe einerseits wissenschaftlich recherchiert und habe mich andererseits intensiv mit diesen möglichen Emotionen und inneren Kämpfen auseinandergesetzt, die die beiden auszutragen hatten. Vor allem in der Kompositionsphase bin ich, auch der zunehmenden Größe des Projekts wegen, oftmals an Grenzen gestossen, wo ich gedacht habe, jetzt muss ich vielleicht wieder ein wenig aus der Thematik aussteigen, um mich nicht komplett darin zu verlieren. Was ich aus diesen zwei Jahren musikalischer Projektarbeit mitnehme, ist, dass Niklaus von Flüe ein Mystiker, Mittler und Mensch war, der mit seinem (einig) Wesen bereits damals eine große Anziehungskraft ausübte, die – zu Recht – bis in die heutige Zeit weiterwirkt.

 

Wolfgang Sieber

Bei den drei Konzerten wirken 60 Leute mit. Ist das der Grund, warum nur in Sachseln, Einsiedeln und Luzern aufgeführt wird oder planen Sie eine Schweizer Tournee bei Erfolg?

Es ist natürlich immer eine Aufgabe, 60 Leute, sprich fünf verschiedene Ensembles und Solisten, an bestimmten Abenden zusammenzubringen, wenn man nicht zwei Jahre im Voraus plant. Andererseits ist es auch eine Frage des Budgets und der Organisation – für mich ist es das erste Projekt dieser Grössenordnung, in dem ich als Initiant und Projektleiter auch die Verantwortung für die organisatorischen und finanziellen Belange trage. Insofern sind die drei Konzerte in Sachseln, Einsiedeln und Luzern für mich bereits eine Schweizer Tournee, obwohl sie alle im Raum Zentralschweiz stattfinden. Ich bin der Überzeugung, dass «Dorothea» ein breites Publikum erreichen wird und auch die eher klassischen Hörerinnen und Hörer sich von der Musikwelt Jodeln begeistern lassen werden. Das Projekt ist für mich dann ein Erfolg, wenn die Leute nach dem Konzert den Saal verlassen und denken, diese 90 Minuten waren jetzt nicht für die Katz.

 

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Sicher haben Sie auch Lampenfieber vor der Premiere. Was macht Joël von Moos für Rituale am Vorabend und Minuten vor dem Konzert, damit es klappt?

Ja, ich werde sicher Lampenfieber haben. Glücklicherweise stehe ich, ausser für eine kurze Werkeinführung, selber nicht auf der Bühne und kann mich als Zuhörer ganz der Aufführung widmen, worauf ich mich sehr freue. Meine musikalische Arbeit ist von daher nach der Generalprobe abgeschlossen, die Konzertabende selber werde ich dann genießen können. Am Vorabend der Premiere werde ich nach der Generalprobe früh schlafen gehen, und am Tag selber gehe ich aus dem Haus, bevor ich von einem Zimmer ins andere tigere. Die Minuten vor dem Konzert werden für mich ziemlich lange Minuten sein, bis es dann endlich losgeht – schließlich ist es nach zwei Jahren endlich soweit, bis dann der erste Ton gespielt wird und das Stück beginnt.

Weitere Informationen und Aufführungsdaten zum Projekt

Dorothe – Kantate zu Ehren des Niklaus von Flüe hier

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