Solothurn – Mit Jens Steiner an den 40. Literaturtagen und der Abfallabgabestelle

Drei Tage und Nächte präsentieren Schriftsteller zum 40. Mal ihre Werke in Solothurn bevor am Sonntag Peter Stamm den diesjährigen Literaturpreis erhält. Im Landhaus eröffnete die zahlreichen Lesungen des Wochenendes der Zürcher Jens Steiner um zehn Uhr und verriet im Interview wie er zum Schreiben kam.

Kurz vor zehn Uhr, der Landhaussaal fühlt sich am Freitagmorgen schnell und belegt die Klage eines Bieler Besucher auf der Bahnfahrt nach Solothurn, dass mit der neuen Leitung die Veranstaltung zu gross geworden sei und den Charme von früher verliere. Doch sind viele (eher) Leserinnen mit grauen Haaren wie zu dieser Stunde nicht auch ein gutes Zeichen, dass Schweizer Literatur gelesen wird und der Schreiber zusammen mit den Honoraren und Stipendien davon leben kann?
Jens Steiners Geschichte „Mein Leben als Hoffnungsträger“ beginnt nach dem Ausmisten der Wohnung auf einem Zürcher Werkhof. Was einst als Zweckmittel, Seelentröster oder Trend gekauft wurde und nun der Putzwut zum Opfer fiel, landet bei den Gemeindearbeiter in der Recylingstelle.
Die Geschichte als Spiegel der Wegwerfgesellschaft gespickt mit Satire und Humor kommt beim Publikum an und Jens Steiner jugendlicher Charme trotz seiner 43 Jahre, einer eher selten für Schriftsteller guten Lesestimme und Blickkontakt bringen dem Publikum das Schicksal dieser Männer auf und neben Abfallsammelstelle näher.
Doch wie wurde der Preisträger des Schweizer Buchpreises ein Geschichtenerzähler?
Jens Steiner, wer in Solothurn liest, hat es geschafft, ein bekannter Schreiber zu sein. Können Sie sich noch an den Moment erinnern, wo Sie sich sagten, ich werde Schriftsteller und wie ging es dann weiter?

Das war kein Moment, sondern ein langer Prozess. Vom kindlich-naiven Wunsch zum geerdeten Plan dauerte es viel Jahre. Ungefähr im Alter von fünfundzwanzig Jahren nahm ich mir vor, bis dreissig meinen ersten Roman fertig zu haben. Es hat dann fünf Jahre länger gedauert. Dafür ging’s mit den nächsten Büchern umso schneller. Ich hatte offenbar das Gefühl, dass da etwas nachzuholen war.


Sie sind noch im Vorinternetzeitalter geboren 1975. Was kann ein Buch bei der Nachrichtenflut heute noch ausrichten und welche Momente mit dem Buch gehören für Sie zu den schönsten Ihres Lebens?

 
 Das Buch ist das Gegenprogramm zur Nachrichtenflut – episch, meditativ, oft auch kompliziert. Bei all den Kalamitäten, die der Mensch zu verantworten hat, schuf er auch eine bewundernswerte Klugheitskultur. Das Lesen von Büchern ist das beste Mittel, diese Kultur zu bewahren.

Ihr aktuelles Buch“ Mein Leben als Hoffnungsträger“ spielt auf einem Recyclinghof. Ist Schreiben für Sie als Zürcher, der dauernd mit Konsum umgeben ist, eine Möglichkeit seinen eignen Kosmos zu bewahren?

Ja, ein bisschen Widerstand wohnt dem literarischen Schreiben immer inne, auch bei mir. Ebenfalls richtig ist, dass mein Kosmos in einem ziemlich feindlichen Verhältnis zur Einkaufskultur der Bahnhofstrasse steht.
 

Was macht ein Jens Steiner nach seiner Lesung im Landhaussaal noch an den Literaturtagen und welche Beziehung haben Sie zum diesjährigen Preisträger Peter Stamm?
Ein Jens Steiner geht nach der Lesung erst in die Pittaria an der Theatergasse – dem besten orientalischen Imbiss westlich von Istanbul – und danach für ein Bierchen über die Brücke zur Hafebar (Solothurn liegt bekanntlich am Meer). Meine Beziehung zu Peter Stamm? Ich habe ihn vor drei Jahren an einem Literaturfestival in Österreich kennengelernt und herausgefunden, dass er ein bisschen Dänisch kann (worauf er ziemlich stolz war), während er selbst herausgefunden hat, dass es Autoren gibt, die noch besser Dänisch können als er. Ein sympathischer Mann, aber dass ich eine Beziehung zu ihm hätte, wäre übertrieben.

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