Bern – Timo Platte – Homosexuelle Christen sollen nicht mehr schweigen

Die LGBT Bewegung hat wie keine andere über die letzten Jahrzehnte Erfolge in der gesellschaftlichen Anerkennung errungen. Doch queere Christen haben immer noch Mühe ihre Persönlichkeit ohne Angst auf Ablehnung auszuleben. Am 10.3. liest Timo Platte in Bern aus seinem Buch „Nicht mehr schweigen“ über Menschen, die sexuell anderes empfinden und trotzdem aufrecht gehen wollen in einem schwierigen Umfeld.

Bevor wir auf das Buch zu sprechen kommen, verraten Sie doch Ihren Schweizer und Berner Zuhörer und Leser wer Sie sind und was Sie so im Leben machen?

Ich komme aus Deutschland und bin Baujahr ’72. Nach meinem Zivildienst habe ich mich viele Jahre in der Straffälligenhilfe engagiert und arbeite seit 2006 als Grafikdesigner in der Nähe von Köln. Als Herausgeber und Mitautor des Buches „Nicht mehr schweigen“ möchte ich Menschen herausfordern, sich ergebnisoffen mit Homosexualität und Transidentität auseinanderzusetzen.
 
 Brachte Sie jemandes Geschichte dazu, das Buch “Nicht mehr schweigen” zu schreiben oder hatten Sie negative Erfahrungen gemacht?

Mein persönliches Coming-out erlebte ich 2012. Dass ich so lange mit dem Thema gerungen habe, liegt einerseits an meiner christlichen Prägung aber auch daran, dass ich niemanden in meinem sehr konservativen Umfeld kannte, der so empfand wie ich und mit dem ich offen über meine Gefühle hätte sprechen können. Dass ich nicht der einzige bin und dass es Menschen gibt, die ihre sexuelle Orientierung für sich angenommen haben und trotzdem ihren christlichen Glauben nicht an den Nagel gehängt haben, habe ich lange nicht für möglich gehalten. Diese persönlichen Begegnungen haben mich sehr ermutigt. Mit meinem Buch möchte ich dem oft sehr theoretischen Thema ein Gesicht geben und die Lebensberichte anderen Menschen zugänglich zu machen.
 
 Im Buch erzählen 25 Menschen aus dem christlichen Umfeld aus Deutschland und der Schweiz Ihre Erfahrungen. Wie kamen Sie an die ran?

Durch die Initiative Zwischenraum e.V., in der ich mich seit einigen Jahren engagiere, habe ich Menschen kennengelernt, die bereit waren, ihre Lebenserfahrungen zu Papier zu bringen. Dazu kam eine Dokumentation der Schweizer Autorin Damaris Kofmehl, die mich durch ihr Engagement für LGBT-Menschen ermutigte, dieses Buch-Projekt in Angriff zu nehmen. Zwischenraum e.V. bietet Menschen, die die Erfahrung der uneingeschränkten Liebe Gottes suchen – gleich welcher sexueller Orientierung oder geschlechtlichen Identität – einen Schutzraum und Freiraum. Einen Raum von größtmöglicher Diskretion, frei von Einschüchterung, Bedrohung, Manipulation, moralischen Forderungen oder gar spirituellem Missbrauch.
Gibt es Unterschiede zwischen Schweizer und Deutschen Christen und ihren Erfahrungen im Umfeld?

Die Lebensberichte der Autorinnen und Autoren sind sehr individuell. Jedoch wiederholen sich leidvolle Erfahrungen wie Ablehnung, Ausgrenzung und Diskriminierung, die Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung machen, immer wieder – auch im Jahr 2019. Das ist nicht länderspezifisch, sondern liegt eher im gesellschaftlichen und religiösen Kontext begründet.
Nachdem die Geschichten der Menschen veröffentlicht wurden, welche Reaktionen hatten die und welche gab es von Seiten der Leser?

Das Buch ist erst seit Januar 2019 im Buchhandel erhältlich. Doch schon die Entstehung des Buches ist erstaunlich: Das sehr erfolgreiche Crowdfunding, durch das das Buch in kürzester Zeit finanziert und verwirklicht werden konnte, spricht für sich – und dafür, dass das Anliegen des Buches einen Nerv bei den Menschen trifft. Es ist nicht in erster Linie ein theologisches Buch, sondern beschreibt sehr eindrücklich, was Theologie mit Menschen macht. Viele LeserInnen schreiben mir, dass ihnen das Buch hilft, einen anderen Zugang zu dem „Thema“ zu bekommen. Sehr persönliche Rückmeldungen kommen auch von Menschen, die sich in den Geschichten selbst wiederfinden und dadurch Mut schöpfen, weil sie merken: sie sind nicht allein.
Gestalten Sie Ihre Lesung in Bern klassisch oder hat der Timo Platte noch was Spezielles vorbereitet?
 
Gern komme ich im Anschluss an die eigentliche Lesung mit den BesucherInnen ins Gespräch und hoffe auf einen wertschätzenden, offenen Diskurs. Eingeladen sie alle, die mit homosexuellen und transidenten Menschen zu tun haben. Alle, die in Kirchen und Gemeinden Verantwortung für Menschen übernehmen. Alle, die sexuell anders empfinden als die Mehrheit. Alle, die aufrichtig mit der Thematik ringen. Und alle, die ihre queren Mitmenschen darin unterstützen wollen, zu sich zu stehen.
Die Lesung findet am 10.3.19 14.00 Uhr
 bei der EMK Bern
Evangelisch-methodistische Kirche Bern 
Nägeligasse 4 statt. Eintritt frei.
 
 
Weitere Informationen zum Buch hier 

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