Wil – Mister Musical Martin Tscharner über seine 20 Jahre Erfahrungen mit dem Musiktheater

Musicals – diese Kunstform, die alle Ausdrucksformen ins sich vereint, sind bei den Schweizern auch in den Boomjahren nach „Cats und Co.“ weiterhin beliebt. Martin Tscharner organisiert seit 20 Jahren Schweizer Auftritte bekannter Broadwayproduktionen wie „Footlose oder Simply the best – das Tina Turner Muscial „.

 
Martin Tscharner, als Veranstalter und Gründer von Nice Time Productions haben Sie mit Footloose und Simply the Best, zwei  Musicals in die Schweiz gebracht. Wie schaffen Sie es immer wieder, solche Projekte an Land zu ziehen?
 
Was im Ausland gut läuft, kann auch auf dem Schweizer Markt funktionieren. Das muss man immer gut abschätzen können. Was ich nach meiner langjährigen Erfahrung sagen kann ist, dass Geschichten von Musikern wie Elvis Presley oder Tina Turner immer sehr gut funktionieren. Die Zuschauer schwelgen gerne in Erinnerungen.
Was sind Ihre Aufgaben während und um die Shows herum?
 
Musical-Veranstalter zu sein ist ein 24/7-Job. Ich kümmere mich um alles von A-Z. Da wir ein Verein sind und nicht vom Bund unterstützt werden, muss ich mich erst um die Vorfinanzierung kümmern. Wenn das klappt, kann die Organisation und die Jobverteilung beginnen. Ich suche vom Bühnen- bis zum Lichttechniker gute Partner aus. Während der Tour ist es ganz wichtig, dass man den Überblick behält und stets einen Plan B bereit hat. Bei den einzelnen Shows bin ich immer unter den Leuten – Networking ist wichtig.
Nach dem ganzen Stress – Wann ist der Moment in dem Sie merken, dass sich die ganze Arbeit gelohnt hat?
 
Nach dem ersten Song kommt bereits etwas Erleichterung in mir auf. Wenn dann nach der Show Standing Ovations gibt, was bei den letzten Shows immer der Fall war, bin ich sehr stolz. Ein Musical zu organisieren, ist eine grosse Sache und es passieren immer wieder ungeplante Dinge. Ich finde es auch toll im Team zu arbeiten, neue Leute kennen zu lernen und Freundschaften zu schliessen. Vor dem Musical helfen viele Freiwillige mit, einfach weil sie das gerne machen. Dieser Einsatz ist unglaublich.
Wie viele Mitarbeiter haben Sie bei Nice Time Production oder ist es eine One-Man-Show?
 
Wir sind alle freiwillige Mitarbeiter, die daneben noch einen Vollzeitjob haben. Insgesamt sind es aber etwa drei Personen in der Organisation – je nach Aufwand. Wir sehen das Ganze als eine Art Hobby, auch wenn es ein sehr aufwändiges ist (lacht). Wir erhalten oft die Rückmeldung von den Besuchern, dass jeder Rappen des Ticketpreises genau richtig investiert wurde. Mir ist es wichtig, dass ich alle Beteiligten während der Tour fair entlohnen kann, da jeder unermüdlich und mit viel Herzblut arbeitet.
Wie lange machen Sie diesen Job schon und was ist Ihre Motivation dahinter?
 
Uns gibt es seit dem 8. August 1997. Ich habe schon in der Primarschule gefallen daran gefunden, Anlässe zu organisieren. Damals habe ich das noch in der Pfadi gemacht. Irgendwann wollte ich dann mein eigenes Ding machen und siehe da – schon seit über 20 Jahren toure ich durch die Schweiz. Es macht mir sehr viel Spass und erfüllt mich mit Freude, wenn ich unserem Publikum eine tolle Zeit verschaffen kann.
 
Sie haben vorhin erwähnt, dass nicht immer alles nach Plan läuft. Können Sie uns ein Beispiel nennen?
 
Einmal haben sich die ungarischen Techniker etwas mit den Preisen in der Schweiz verschätzt. Das heisst, sie hatten schlicht und einfach zu wenig Geld dabei. Also haben wir sie eingeladen mit uns zu essen und im Tourbus zu übernachten. Ein anderes Mal ist auf dem Weg nach Chur der Sattelschlepper im Schnee steckengeblieben. Das ganze Team hat mitgeholfen, ihn wieder freizuschaufeln. Nach zwei Stunden konnten wir endlich weiterfahren.
 
Sie sind eine grosser Musical-Fan? Was sind Ihre Favoriten?
 
Mein absolutes Lieblingsmusical ist das von der Geschichte der “Bee Gees”. Ich erinnere mich noch gut: drei italienische Brüder haben die Band im Musical verkörpert. Drei der Original-Bandmitglieder der Bee Gees waren sogar Teil der Musikproduktion.
Tina Turner war persönlich zu ihrem Musical “Simply the Best” in London und Hamburg dabei– hatten Sie auch Kontakt mit ihr?
 
An einem Samstagabend klingelte das Telefon. Die Stimme war mir irgendwie bekannt, ich konnte sie jedoch nicht zuordnen. Die Person am anderen Ende begann Englisch zu sprechen, konnte aber auch gebrochen Deutsch. Immer wieder hat die Frau betont, dass sie das Musical sehen möchte. Als ich nach ihrem Namen fragte, hat sie davon abgelenkt. Ein lustiges Telefonat war das! Erst als ich ins Auto stieg und Tina Turners CD gehört habe, merkte ich, dass die Stimme zu Tina Turner höchstpersönlich gehört hat!
Welche neue Projekte haben Sie als nächstes in Aussicht?
 
Jedes Projekt hat etwa eineinhalb Jahre Vorbereitungszeit. Da ich momentan noch ein Nachdiplomstudium als Onlinemarketing-Experte mache, muss ich mein Hobby in der nächsten Zeit etwas zurückstecken. Im neuen Jahr, ab dem 8. Januar 2020, wollen wir nochmals mit “Rhythm of the Dance” auf Tour gehen.
Weitere Informationen zu Nice Time Productions hier 

Bern – Vom Pferd über den Hanf bis zum Mond – die BEA 2019

 

Bis zum 5. Mai ist auf dem BEA-gelände wieder der Bär los. Rund 1000 Aussteller zeigen die Vielfalt der Berner Landwirtschaft und – Wirtschaft zum Mitmachen und Erleben, doch ein Stand verlässt den Kanton und fliegt zum Mond.

Als am 21. Juli 1969 Neil Armstrong um 3.56 Uhr als erster Mann den Mond betrat, warteten die Mitarbeiter der Berner Weltraumforschung auf Buzz Aldrin in der Kapsel.  Der zweite Mann trug beim Gang von der Leiter in der Hand das Berner Sonnenwindsegel und steckte es noch vor der amerikanischen Flagge in den Sand des Mondes. Diesen historischen Akt nimmt die Universität Bern zum Anlass zum Auftakt der Feierlichkeiten rund um 50 Jahre Mondlandung die Besucher an der Bea zusammen mit dem Verkehrshaus Luzern mit Planetariumsshows zu Mond, Erde und Sonne zu senden oder sie einen Test zum Astronauten zu unterziehen oder im Spacecafe ein Astronautendrink anzubieten.
Ein Zweig der Schweizer Landwirtschaft ist die Pilzproduktion mit 7 Tonnen pro Jahr. An der Bea wird Schritt für Schritt erklärt wie diese Pflanzen, die das Sonnenlicht scheuen neu auch mit Vitamin C angebaut werden.
Klar sind die Tiere, der Streichelzoo, die frei fliegenden Vögel, die erst gerade geborenen Schweine und Lämmer in der neu gestalteten Kleintierhalle wieder der Hingucker aber im Gegensatz zu den Kühen, ist es das Tier, das den Ausstellungsstress am wenigstens verträgt, dem dieses Jahr viel Beachtung erbracht wird, dem Pferd.
 Seit 30 Jahren ist das Pferd Bestandteil der Messe und 500 davon werden in der Jubliäumsshow an den Ständen oder in der neu gestalteten Halle, mit einer eigens für die Bea erarbeiteten Show ab Mittags gezeigt.
Die Leitung hat die Küchengeräte aus der Halle im Untergeschoss entfernt, stattdessen wächst Hanf und der Besucher kann einen Joint drehen, während Vertreter von Firmen erklären wie der Stoff CBD als Heilmittel angewendet werden kann.
In der Halle 2.1 ist TunBern.ch plaziert und 190 Klassen und 4000 Kinder zwischen 6 – 13 Jahren werden hier in den nächsten Tagen an Workshops und Infoständen die Technik und Naturwissenschaften näher gebracht, da es im Kanton Bern in diesen Branchen an Nachwuchs mangelt.
Lukas Eichenberger, der Berner Soziologe und Singer/Songwriter begibt sich an der Bea in die Rolle als Gastgeber an seinem Stand, der eigentlich ein Bistro mit Bühne ist, wo er 50 Musiker wie Marc Amacher aus Thun, Ueli Schmetzer oder die Calimeros begrüssen und zu einem Livekonzert animieren wird.
Die Bea 2019 war noch nie so vielfältig wie dieses Jahr und die Veranstalter versuchen auch mit einer Gartenlounge und Party am Abend die jüngere Generation anzulocken, doch einer wird allen ans Herz wachsen, ein Schwein namens ….. BEA Babe.

Weitere Informationen zur Bea hier 

Bern – Ueber den Kanonenschuss auf den Elefanten von Murten

Der Sohn des Metzgers soll 1866 in Murten die drei Kilogramm schwere Kugel aus der Kanone auf den wildgewordenen Zirkuselefanten abgefeuert haben, so will es der Schreiber Uwe Lützen des Theaterstücks „der Elefant von Murten“, das momentan im Theater Bern unter der Regie von Jonathan Loosli/Mathias Künzler zu sehen ist. Ist die Fiktion um den afrikanischen Elefanten auch spannend oder nicht?

Als Kind aus der Seebezirk des Kantons Freiburgs gab es mit dem Gang an die Sekundarschule Murten einmal im Jahr einen Anlass, die Solennität am 21.Juni, wo die Kinder und die Stadt der Schlacht bei Murten 1476 mit einem Umzug gedachten und der begann mit einem Kanonenschuss. Diesen Krach, war das letzte, was am 29. Juni 1866 der Zirkuselefant hörte, nachdem er zuvor seinen Chef den Zirkusdirektor getötet hatte und Verwüstungen im Städtchen angerichtet hatte.

In diese Kleinbürgerwelt eingebettet zwischen Mont Vully und Murtensee führt auf Berndeutsch Clown Marco Morelli als Alter Jeremias im Theaterstück „der Elefant von Murten“ auf Berndeutsch ein. Weil ein Bandscheibenvorfall seine Clownkarriere beendet hat, tritt Morelli nun als Erzähler auf und die Kulisse aus kleinen Blechhäusern, Wasserrad und Ringmauern versprechen viel. Enttäuscht wird der Zuschauer, sobald die Schauspieler der Truppe VorOrt als Bevölkerung Murtens den Mund aufmachen, sie sprechen Hochdeutsch.

Der Basler David Berger, einziges Mitglied des freien Theatertruppe VorOrt, mit Stadttheaterausstrahlung, bekommt als junger Jeremias Frey von seinem Vater, dem Metzger Walther Frey (Stéphane Maeder) viele Schläge ab, weil er das Handwerk des Fleischschneidens einfach nicht erlernen will sondern an die Zukunft und seinen Weg aus der Enge der Provinz als Flugzeugbauer dauernd denkt und heimlich bastelt.

Als der Wanderzirkus Murten heimsucht, verliebt er sich in die Artistin Miranda (toll gespielt von Sonja Riesen), die spanische Wilde, die immer noch haderte mit der Zwangsarbeit beim Zirkus, lieber frei sein möchte.
Bis zur Pause also fast Dreiviertel des Stücks sind es die Begegnungen zwischen der Bevölkerung Murtens und den Zirkusleuten, die das Theaterstück mehr schlecht als recht vorantreiben. Hier hätte Stückeschreiber Uwe Lützen mehr straffen sollen.

Die letzte halbe Stunde rettet das Stück, das an der zweiten Vorstellung mittelmässig besucht war.
 Sieben Schauspieler, Bürger und Zirkusleute, sprechen im Chor die letzten Lebeminuten des Elefanten, der wohl durch das zunehmende aggressive Aufeinandertreffen der Freiburger mit den Zirkusleuten seine Ruhe und Fassung verlor und zuerst den Zirkusdirektor tötete, dann einen Transporter zerstörte und eine Gasse im Städtchen verwüstete bis der Metzger die Idee hatte, eine Kanone aufzustellen, da Gewehrkugeln wohl nicht durch die dicke Haut dringen würden. Jeremias Frey entsagt der Liebe zu Miranda, beugt sich dem Druck des Vaters und der Bevölkerung Murtens und feuert den Schuss ab, den der Elefanten zur Strecke bringt, die Murtner von der Angst befreit und die Ruhe wieder ins Städtchen bringt.
Am Schluss erzählt der Alte Jeremias (Marco Morelli)  von seiner Reise an die Weltausstellung in Paris, dem technischen Fortschritt,  der erfolglosen Suche nach Miranda in den Gassen und spielt am Gelände die Handorgel während die Murtner nach dem Verzehr des Elefantenfleisches wieder zur Tagesordnung übergehen und die Tötung des Tieres als Fussnote abtun. Doch das einzige Foto (Titelbild) und das Skelett des Elefanten im Naturhistorischen Museum Bern und jetzt die Fiktion im Stadtheater Bern erzählen die Geschichte von Auge um Auge, Zahn um Zahn Mensch gegen einen Zirkuselefanten immer wieder neu.

Weitere Informationen zum Stück hier 

Video zum Theaterstück

Biberist – Stefan Schär und sein Flair für den wertvollen Augenblick

 

Wenn der Solothurner Stefan Schär durch die Gassen und Strassen geht, sind seine Sinne nicht wie bei vielen auf das Handy gerichtet sondern auf die Alltagsgeschichten und Begegnungen, die, würde er es nicht in seinem Buch “ Augenblicke – 101 überraschende Geschichten aus dem Leben“ aufschreiben, schnell wieder in Vergessenheit gerieten.

Ist Biberist, wo Sie wohnen, so langweilig, dass Sie mit 53 Jahren noch zu schreiben anfangen und das Buch “Augenblicke – 101 überraschende Geschichten“ veröffentlichen?
(Lacht) Biberist ist tatsächlich kein Hotspot der Weltkultur und auch der ländliche Charme der nahen Gemeinden im Bucheggberg geht dem Dorf ab. Die Stärken der Gemeinde sind sicherlich anderswo. Sie liegt Biberist zum Beispiel in unmittelbarer Nähe von Solothurn. Dieser wunderbaren Stadt, von der der Tourismusdirektor sagt, dass es die schönste Barockstadt der Schweiz sei. Solothurn ist eine faszinierende Stadt, in der jede Mauer, jedes Haus und jeder einzelne Bewohner über seine eigene, spannende Geschichte verfügt.
Augenblicke….” sind recht kurze Geschichten, eher flüchtige Beobachtungen, war das beabsichtigt oder hatten Sie den Mut und Zeit nicht die beschriebenen Leute anzusprechen, länger zu begleiten?

Eigentlich bin ich seit einiger Zeit daran, einen Roman zu schreiben. Aber wie den meisten unter uns, fehlt auch mir zumeist die notwendige Zeit und so bin ich noch immer mitten drin. Das ich dazu kam, die 101 Geschichten zu schreiben, war eher Zufall. Als Solothurner lese ich gerne die Geschichten von Peter Bichsel. Eine der Geschichten heisst „Abenteuer“ und ich war überzeugt, sie korrekt im Kopf zu haben. Entsprechend war ich überrascht, als ich zufällig wieder über die Geschichte stolperte und feststellen musste, dass ich sie vollkommen falsch im Kopf hatte. Ich habe mich deshalb hingesetzt und sie mit meinen eigenen Worten aufgeschrieben, so wie ich sie im Kopf hatte. Daraus wurde „Der Sturz“, die erste Geschichte. Ich fand Freude an dieser Geschichte und nahm mir vor, hundert weitere zu schreiben – allerdings war ich davon ausgegangen, dass nach sechzig, siebzig Geschichten Schluss sein wird, mir also keine 101 Geschichten in den Sinn kommen werden. Ich durfte dann aber feststellen, dass das Leben gefüllt ist mit Geschichten. Man muss lediglich seine Sinne schärfen, um sie zu entdecken.
In den kurzen Geschichten müssen Sie schnell auf den Punkt kommen, Wichtiges von Unwichtigem trennen, haben Sie ein fotografisches Gedächtnis oder machen Sie Fotos wie ein Spion zur Gedankenstütze?
Es gibt tatsächlich eine Parallele zur Fotografie. Wer längere Zeit fotografiert, schult sein Auge und er entdeckt Dinge, die anderen verborgen bleiben. Ähnlich ist es mit den Geschichten. Auch hier gehen die Schönheit und der Wert von Eindrücken nur allzu schnell unbeachtet unter. Ich habe deshalb ganz bewusst den Blick auf die kleinen Geschichten gerichtet, die nur allzu gerne im Alltag untergehen und gerade deswegen so wertvoll sind. Ich habe darauf geachtet, den Leser in immer neue Welten zu entführen und von der Vielfältigkeit der Geschichten und ihrem Ausgang immer wieder aufs Neue zu überraschen. Ihn nicht nur in die bunt gemischten Themen zu führen, sondern gleichzeitig seine eigene Rolle immer wieder neu zu definieren. Der Leser wird so vom Betrachter zum Zuhörer, vom Mitdenker zum Nachdenker und schliesslich sogar zum Teil der Geschichte.
Gab es Leser, die sich wiedererkannt haben oder wie gehen Sie mit der Wahrung der Privatsphäre um?
 
Ich liebe es, mich mit Leuten zu unterhalten, ihnen zuzuhören, über ihre Geschichten, Erfahrungen, ihren Sehnsüchten und Sorgen zu sprechen. Es käme mir aber nicht in den Sinn, diese aufzuschreiben oder mit anderen zu besprechen. Das wäre aus meiner Sicht nicht richtig. Im Buch hat es allerdings tatsächlich eine Geschichte, die sich so zutrug, wie ich sie aufgeschrieben habe. Sie handelt davon, dass ich als kleiner Junge zusammen mit dem Nachbarsjungen in der Wiese vor dem Haus lag und wir die Wolken, die über uns hinweg zogen, beobachteten. Dieses Bild kommt mir heute immer wieder in den Sinn, wenn ich in einem Flugzeug durch die Wolken hindurchfliege. Als das Buch erschien, habe ich mich im Internet auf die Suche nach ihm gemacht und nach einigem Suchen schliesslich gefunden. Wir haben uns letzte Woche, nach mehr als 40 Jahren, wieder gesehen. Obwohl wir uns so lange nicht mehr gesehen hatten, war das Treffen sehr vertraut und knüpfte an die frühere Zeit nahtlos an.
Was macht ein Stefan Schär in seiner Freizeit, wenn er nicht durch die Gegend schleicht auf der Suche nach Geschichten?
Ich liebe Geschichten und darum liebe ich auch die Literatur, das Theater, die grossen Filme im Kino, die Kunst, die Fragen und Erkenntnisse der Wissenschaften und der Architektur. Ich liebe zu reisen, neue Städte und Gegenden zu entdecken, in Cafés zu sitzen, den Leuten zuzusehen und mit ihnen zu reden.
Ist der Stefan Schär ein schüchterner Mann, der lieber schreibt als redet oder wie würden Sie Ihren Charakter beschreiben?
 
Schüchtern bin ich nicht. Im Gegenteil. Und auch wenn ich gerne schreibe und lese, so habe ich noch lieber den direkten Kontakt mit Menschen. Ich denke, die vorgehende Frage beschreibt mich recht gut: neugierig, interessiert und immer auf der Suche nach neuen Geschichten. Wenn immer möglich, bin ich irgendwo unterwegs.
Weitere Informationen zu Stefan Schär und seinem Buch hier 

Zermatt – Pop-Bombenstimmung bei Boy George und Culture Club

Das Wallis spielte im Musikleben von Boy George and Culture Club eine wichtige Rolle. Mit der vorletzten LP gabs nur einen Auftritt am Gampel-openair und nun nach 18 Jahren später mit der LP „Life“ im Gepäck nur einen Gig im Zelt des Zermatt unplugged. Nicht ganz ausverkauft aber ein Abend voller Herzwärme und Magie.

Als George O Dowd seine Koffer packte in London, nach drei Monaten in der Jury von „Australian The Voice“ , um dann mit dem Helikopter auf Schweizer Boden abgeholt und im Elektromobil ins Hotel gefahren zu werden, lief „Leaving Neverland“ im Fernsehen. Zwei Männer beschuldigen darin die amerikanische Ausgabe einer männlichen Diva wie Boy George Michael Jackson des sexuellen Missbrauchs. Boy und Michael, die zwei Superstars der 80ier, beide vom Vater verprügelt, der eine immer offen schwul lebend oder andere nicht, stolperten im Laufe ihrer Karriere nicht über die mangelnde Inspiration für Hits sondern über die Abgründe ihrer Sexualität. Boy war ja vor zehn Jahren im Gefängnis weil er einen Stricher in Handschellen gefangen hielt. Im Gegensatz zu MJ verzieh ein grosser Teil des Publikums und Fans diesen und andere Ausrutscher, unterschied zwischen Musiker und Person und freute sich auf die Wiederauferstehung des „Karma Chameleon“.

Der heute 57-jährige fand dank Buddhismus und Sport wieder zu seiner alten Form als Singer/Songwriter zurück und brachte die 40-jährige Musikkarriere auch ohne seine Liebe Schlagzeuger Jon Moos mit dem Rest der Band wieder ins Laufen.
Leider gelangen ihnen dies nur in Amerika, England, Australien. In Europa kam zwar „Life“ auch in die Hitparaden, aber oft wie hierzulande nur für eine Woche und etliche Konzerte der Herbsttournee so auch Zürich mussten mangels Nachfrage abgesagt werden, aber nicht Zermatt.

Das Konzert begann mit einem Schock. Von den neun Leuten erschien neben Boy nur noch Mickey der Gitarrist von der Originalbesetzung, doch das Publikum mittleren Alters kümmerte dies scheinbar wenig, sprang schon beim dritten Song „Its a miracle“ von den Sitzen und tanzte auch zum neu interpretierten „Everything i own“, dem einzigen Hit der Boysolokarriere, die jetzt einfach als BG and Culture Club eine Fortsetzung findet, indem sie die Essenz der Band Multikulti mit neuen Gesichtern und „Oldies are goldies „weiterlebt.
Das Zusammenspiel war bis auf einen Fehler bei „Do you really ….“ einwandfrei und dank dem Hammerorgan der schwarzen Backgroundsängerin, den zarten Saxophonklängen vom Mann mit Bart, der bei den Walliser sehr gut ankam und dem Flirt mit dem Backgroundsänger ein Vergüngen erster Pop-Klasse. Drei neue Songs, ein paar Klassiker, David Bowie Cover und dann der Gang durch das Publikum bei „Bigger than war“. Die Menschen tobten, weil sie die Seele von guter Kunst fühlen. Auch wenn er keine Zusage gab und es Culture Club im Original nie mehr geben wird, mit diesem Abend wurde jedem klar, die europäische Diva Boy George hat schon zu Lebzeiten Legendenstatus erreicht.

Weitere Informationen zum Zermatt unplugged hier

Fotos 1 copyright Mauro Pinterowitch

Foto 3 und 4 copyright Florian Aeby

Zermatt – Wenn Sophie Hunger dem Passenger zeigt, was ein Gig ist

Durch Tag kann der Besucher am Zermatt unplugged neue Talente an der Sonne an Orten mit mehr oder weniger Schnee geniessen, abends trifft er oft auf alte Bekannte auf der Bühne und kann beim Zuhören testen, wer noch Saft hat und wer am Verwelken ist.

Der 34-jährige Michael David Rosenberg aus Brighton war sichtlich überrascht, gelang es ihm doch sieben Jahre nach seinem einzigen Hit „Let her go“ nicht wieder dort zu landen, wo er vorher war als Strassenmusiker sondern im Zelt am Zermatt unplugged und das war am ersten Abend ausverkauft. Und unplugged war das Konzert im wahrsten Sinn des Wortes, nur er und die Gitarre und Folkssongs für 90 Minuten. Im Publikum sassen vorallem Frauen und Paare, die die leisen, intimen Songs mit 2000 anderen teilten. Seelenfutter und kalte Füsse, das Zelt war nicht geheizt, von einem Singer/Songwriter, der weiss, dass seine beste Zeit um ist, aber den Humor nicht verloren hat. So animierte ihn der „schweizerische Scotsch – Apfelsaft “ gleich zu einer neuen Nummer und in den minutenlangen Ansagen zwischen den Liedern erfuhr der Walliser auch Persönliches. So sei seine Grossmutter Polin und der Grossvater Deutschjude gewesen, die beim Weltkriegsausbruch in die Schweiz flohen und später auf amerikanischen Boden eine Hühnerfarm gründeten, wo er Jahre später gezeugt wurde und danach mit seinen Eltern nach England übersiedelte.

 

Da nicht wenige das Konzert frühzeitig verliessen, während andere wie wild klatschten und mitsangen dürften die Meinungen, ob das nun ein Konzert oder ein Strassenmusikergig war für teures Geld weit auseinandergehen.
Eine viertel Stunde nach seinem Konzert hatte der Passenger bei Minusgraden die Bahnhofstrasse mit den teuren Läden zum Alex überquert, wollte er zusammen mit einem Mann doch das Konzert von Sophie Hunger und einer 4 Mann Band nicht verpassen. Sie zeigte ihm, wie das geht, um 22.45 Uhr schnell zur Decke schauen und dann das „Todenmüggerli“ ohne Instrumente anzustimmen.  Bis um Mitternacht hing das Publikum an den Lippen der Berner Ausnahmemusikerin und zwischen den mehrsprachigen Liedern war es so andächtig still, weil jeder jede Note, jeden Klang, jedes Wort aufsauen wollte dieses sehr abwechslungsreichen Gigs voller Ideenreichtum. Zehn Jahre nach dem Hype auch bei unseren deutschen Nachbaren ist Sophie Hunger immer noch eine Entdeckung für Ohr. Sie lebt Musik und ist Musik und das Publikum war restlos begeistert.
Weitere Informationen zum Zermatt unplugged hier 
Alle Fotos copyright George Eberle