Biberist – Stefan Schär und sein Flair für den wertvollen Augenblick

 

Wenn der Solothurner Stefan Schär durch die Gassen und Strassen geht, sind seine Sinne nicht wie bei vielen auf das Handy gerichtet sondern auf die Alltagsgeschichten und Begegnungen, die, würde er es nicht in seinem Buch “ Augenblicke – 101 überraschende Geschichten aus dem Leben“ aufschreiben, schnell wieder in Vergessenheit gerieten.

Ist Biberist, wo Sie wohnen, so langweilig, dass Sie mit 53 Jahren noch zu schreiben anfangen und das Buch “Augenblicke – 101 überraschende Geschichten“ veröffentlichen?
(Lacht) Biberist ist tatsächlich kein Hotspot der Weltkultur und auch der ländliche Charme der nahen Gemeinden im Bucheggberg geht dem Dorf ab. Die Stärken der Gemeinde sind sicherlich anderswo. Sie liegt Biberist zum Beispiel in unmittelbarer Nähe von Solothurn. Dieser wunderbaren Stadt, von der der Tourismusdirektor sagt, dass es die schönste Barockstadt der Schweiz sei. Solothurn ist eine faszinierende Stadt, in der jede Mauer, jedes Haus und jeder einzelne Bewohner über seine eigene, spannende Geschichte verfügt.
Augenblicke….” sind recht kurze Geschichten, eher flüchtige Beobachtungen, war das beabsichtigt oder hatten Sie den Mut und Zeit nicht die beschriebenen Leute anzusprechen, länger zu begleiten?

Eigentlich bin ich seit einiger Zeit daran, einen Roman zu schreiben. Aber wie den meisten unter uns, fehlt auch mir zumeist die notwendige Zeit und so bin ich noch immer mitten drin. Das ich dazu kam, die 101 Geschichten zu schreiben, war eher Zufall. Als Solothurner lese ich gerne die Geschichten von Peter Bichsel. Eine der Geschichten heisst „Abenteuer“ und ich war überzeugt, sie korrekt im Kopf zu haben. Entsprechend war ich überrascht, als ich zufällig wieder über die Geschichte stolperte und feststellen musste, dass ich sie vollkommen falsch im Kopf hatte. Ich habe mich deshalb hingesetzt und sie mit meinen eigenen Worten aufgeschrieben, so wie ich sie im Kopf hatte. Daraus wurde „Der Sturz“, die erste Geschichte. Ich fand Freude an dieser Geschichte und nahm mir vor, hundert weitere zu schreiben – allerdings war ich davon ausgegangen, dass nach sechzig, siebzig Geschichten Schluss sein wird, mir also keine 101 Geschichten in den Sinn kommen werden. Ich durfte dann aber feststellen, dass das Leben gefüllt ist mit Geschichten. Man muss lediglich seine Sinne schärfen, um sie zu entdecken.
In den kurzen Geschichten müssen Sie schnell auf den Punkt kommen, Wichtiges von Unwichtigem trennen, haben Sie ein fotografisches Gedächtnis oder machen Sie Fotos wie ein Spion zur Gedankenstütze?
Es gibt tatsächlich eine Parallele zur Fotografie. Wer längere Zeit fotografiert, schult sein Auge und er entdeckt Dinge, die anderen verborgen bleiben. Ähnlich ist es mit den Geschichten. Auch hier gehen die Schönheit und der Wert von Eindrücken nur allzu schnell unbeachtet unter. Ich habe deshalb ganz bewusst den Blick auf die kleinen Geschichten gerichtet, die nur allzu gerne im Alltag untergehen und gerade deswegen so wertvoll sind. Ich habe darauf geachtet, den Leser in immer neue Welten zu entführen und von der Vielfältigkeit der Geschichten und ihrem Ausgang immer wieder aufs Neue zu überraschen. Ihn nicht nur in die bunt gemischten Themen zu führen, sondern gleichzeitig seine eigene Rolle immer wieder neu zu definieren. Der Leser wird so vom Betrachter zum Zuhörer, vom Mitdenker zum Nachdenker und schliesslich sogar zum Teil der Geschichte.
Gab es Leser, die sich wiedererkannt haben oder wie gehen Sie mit der Wahrung der Privatsphäre um?
 
Ich liebe es, mich mit Leuten zu unterhalten, ihnen zuzuhören, über ihre Geschichten, Erfahrungen, ihren Sehnsüchten und Sorgen zu sprechen. Es käme mir aber nicht in den Sinn, diese aufzuschreiben oder mit anderen zu besprechen. Das wäre aus meiner Sicht nicht richtig. Im Buch hat es allerdings tatsächlich eine Geschichte, die sich so zutrug, wie ich sie aufgeschrieben habe. Sie handelt davon, dass ich als kleiner Junge zusammen mit dem Nachbarsjungen in der Wiese vor dem Haus lag und wir die Wolken, die über uns hinweg zogen, beobachteten. Dieses Bild kommt mir heute immer wieder in den Sinn, wenn ich in einem Flugzeug durch die Wolken hindurchfliege. Als das Buch erschien, habe ich mich im Internet auf die Suche nach ihm gemacht und nach einigem Suchen schliesslich gefunden. Wir haben uns letzte Woche, nach mehr als 40 Jahren, wieder gesehen. Obwohl wir uns so lange nicht mehr gesehen hatten, war das Treffen sehr vertraut und knüpfte an die frühere Zeit nahtlos an.
Was macht ein Stefan Schär in seiner Freizeit, wenn er nicht durch die Gegend schleicht auf der Suche nach Geschichten?
Ich liebe Geschichten und darum liebe ich auch die Literatur, das Theater, die grossen Filme im Kino, die Kunst, die Fragen und Erkenntnisse der Wissenschaften und der Architektur. Ich liebe zu reisen, neue Städte und Gegenden zu entdecken, in Cafés zu sitzen, den Leuten zuzusehen und mit ihnen zu reden.
Ist der Stefan Schär ein schüchterner Mann, der lieber schreibt als redet oder wie würden Sie Ihren Charakter beschreiben?
 
Schüchtern bin ich nicht. Im Gegenteil. Und auch wenn ich gerne schreibe und lese, so habe ich noch lieber den direkten Kontakt mit Menschen. Ich denke, die vorgehende Frage beschreibt mich recht gut: neugierig, interessiert und immer auf der Suche nach neuen Geschichten. Wenn immer möglich, bin ich irgendwo unterwegs.
Weitere Informationen zu Stefan Schär und seinem Buch hier 

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