Biel – Unser Leben auf vier Rädern im Van als moderne Nomaden

Vor vier Jahren an einem Winterabend entschieden Martina Zürcher und Dylan Wickrama in Biel, dass sie fortan als Nomaden im Van leben möchten. Was sie bei den Reisen durch Europa und Asien auf vier Rädern erlebt haben, erzählen sie ab dem 26.10.19 in der Multimediavortragsreihe von Explora durch die Deutschschweiz und vorher im Interview.

Martina Zürcher, Schweizer haben Angst zu leben und denken zuerst ans Geld. Brauchte es die Liebe zu einem Mann aus einer anderen Kultur, um auszubrechen aus Biel oder was war der Grund für den Wechsel zu einer mobilen Lebensform?

Ich war aber bereits bevor ich meinen Mann Dylan kennenlernte immer viel in der Welt unterwegs und suchte mir meine Jobs mit dem Herz und nicht so sehr mit dem Taschenrechner aus. Und da auch Dylan so tickt, haben wir uns 2015 dazu entschlossen mit unserer Leidenschaft selbständig zu machen. Der Umzug von einer Wohnung in den Van folgte danach, als logischer Schritt, weil wir mit unseren Vorträgen und Bücherlesungen mehr Zeit unterwegs verbrachten, als in unsere Wohnung in Biel. Einfacher fiel mir diese Veränderung sicherlich auch, weil mir mit Anfang Dreissig durch den Tod meiner engsten Freundin sehr bewusst wurde, dass wir nicht unendlich viel Zeit haben und es wichtig ist jetzt zu leben.

Dylan Wickrama, Wohnmobils sind in, doch mit einem Van durch die Wüste braucht wohl noch zusätzliche Vorbereitungen. Was mussten Sie als ehemaliger Automechaniker noch alles umbauen, bevor es in Richtung Zentralasien losging?

Wir haben zum Glück ein 4×4 Fahrzeug und so haben wir eigentlich nur etwas grössere Reifen montiert, einen Seilzug und Kompressor und so einiges an Werkzeugen und kleineren Ersatzteilen mitgenommen. Ausser dem Ersatzrad, welches wir zusätzlich ans Fahrzeug montierten, sowie der etwas verstärkten Federung, die ich hinten eingebaut habe, haben wir am Fahrzeug nichts geändert. Was auf einer Reise alles passiert, kann man im Voraus unmöglich wissen. Aber genau diese Abenteuer schreiben dann auch die schönsten Geschichten.

Sie verbrachten zuerst zwei Jahre überall in Europa, danach ging es aber in Länder wie Tadschikistan oder die Mongolei. Erkundigten Sie sich vor Landeseintritt über die jeweiligen Sitten und Moral oder war die Haltung, ein Lächeln öffnet alle Tore?

Es ist eine Mischung aus Beidem. Wir lesen vor allem Bücher und Reportagen über uns fremde Länder, versuchen aber nicht uns davon ein fixes Bild der Menschen zu machen, die dort leben. Russland ist da ein gutes Beispiel: Wir hören im Westen so viel Negatives über dieses Land, das Feindbild Russland ist seit dem Kalten Krieg aufrechterhalten worden. Aber wenn man da ist, realisiert man, wie warm und herzlich die Menschen sind. Und so erleben wir es überall. Es sind die „normalen“ Menschen, die ein Land ausmachen und wir lernen immer wieder, dass wir Menschen überall viel mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede haben.

Leben Sie als Van-Nomaden bewusst in den Tag hinein oder hatte der Tag neben der Wetterbewältigung noch eine Struktur?

 Bei uns ist jeder Tag anders: Einmal haben wir fixe Termine oder Deadlines, wie alle anderen arbeitenden Menschen auch. Dann haben wir Zeiten, wo wir uns Arbeit und Freizeit selbst einteilen können und da bestimmt dann schon das Wetter, wann wir Arbeiten und wann wir draussen in der Natur sind. Praktisch ist, dass wenn zum Beispiel eine Grenze fünf Tage zu ist, wie das in der Mongolei der Fall war, wir uns einfach fünf Tage hinter unsere Laptops setzen und die Wartezeit in intensive Arbeitstage umwandeln können. Oder auch, dass wir uns für spontane Einladungen Zeit nehmen können. Das Leben im Bus verlangt viel Flexibilität, somit aber auch viel Selbstverantwortung und Disziplin, so dass man zwischen Arbeit und Freizeit die Balance hält. Aber da bei uns die beiden Bereiche verschmelzen, ist dies für uns kein Problem. Wir lieben unsere Jobs.

Mehr als 3 Jahre auf wenig Raum und vier Rädern verändern die Beziehung zu einander? Gab es auch Krisenwochen zwischen Euch?

Der Umzug von einer Wohnung in den Bus hat unsere Beziehung im Positiven verändert. Auf so wenig Raum zu leben und einen so intensiven Alltag wie im Bus zu leben, wo man fast alles gemeinsam machen muss, wo man als Team funktionieren muss, macht es unmöglich einen Streit über Tage auszutragen. Auseinandersetzungen sind bei uns heute sehr schnell wieder vorbei. Vielleicht auch weil wir unsere gemeinsame Leidenschaft zum Beruf und zum Alltag gemacht haben. Wir lieben es so zu leben und erleben soviel Positives und Schönes gemeinsam, dass dies einen höheren Wert hat, als die Macke am anderen, die manchmal nervt.

Sie leben seit fast vier Jahren im Bus und erzählen auf der Exploravotragsreise durch die Deutschschweiz bis zum 26.11. davon. Werden sie bald wieder sesshaft?

Für uns ist das Leben im Bus zu einer Lebensphilosophie geworden. Wir zogen von vier Wänden auf vier Räder, weil wir möglichst viel von der Welt sehen wollen. Aber dieser intensive Alltag gab uns unerwartet viel mehr, so dass wir uns heute nicht mehr vorstellen können, jemals wieder in eine Wohnung zu ziehen. Wir lieben es draussen in der Natur aufzuwachen, das Wetter direkt zu spüren oder beim Duschen den Vollmond hinter den Bäumen aufgehen zu sehen. Zudem glauben wir, dass ein minimalistisches Leben mit wenig Konsum ein Lebensmodel mit Zukunft ist.

Weitere Informationen zur Vortragsreihe und Kartenverkauf hier 

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s