Zürich – Motti ist zurück – der Nachfolger von Thomas Meyer

 

Spätestens nach der Verfilmung kennt jeder Thomas Meyers Motti, den jungen orthodoxen Juden und seine Probleme mit der Mutter und den Frauen. Nun gibt es auch auf Wunsch des Diogeneschefs eine Fortsetzung des Romans unter dem Titel „Wolkenbruchs waghalsiges Stelldichein mit der Spionin“. Und diese ist ganz anderes als gedacht. Wie verrät Thomas Meyer im Interview.

 

Im ersten Wolkenbruch-Roman (Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse) hatte der Protagonist Motti vor allem mit Widerständen aus seiner jüdisch-orthodoxen Familie zu kämpfen. Im neuen Roman kämpft er nun gegen eine Gruppe von Nazis um nicht weniger als die Weltherrschaft. Was hat Sie dazu bewogen, Motti auf die große Bühne der Weltpolitik treten zu lassen?
Thomas Meyer: Nun, ich bin Motti und damit meiner Phantasie eher als Chronist gefolgt, als dass ich ihn dorthin befehligt hätte. Natürlich beschäftigt mich die aktuelle politische, ökologische und soziale Lage, aber das ist ja noch kein Grund für ein Buch. Bücher entstehen bei mir, weil eine spezifische Idee sich so lange aufdrängt, bis ich sie endlich zu Papier bringe. Man kann das auch als kreative Resignation bezeichnen.
Der neue Roman ist in vielem ganz anders als Wolkenbruchs wunderliche Reise und spielt auf humorvolle Weise mit dem Genre des Agentenromans – was aber bleibt gleich?
Thomas Meyer: Der Titel ist im selben Duktus wie derjenige des ersten Romans. Auch die Mame spielt wieder eine wichtige Rolle, was aber erst gar nicht so geplant war. Im Gegensatz zur neuen Schickse: Dass Motti wieder einer Nichtjüdin erliegt, war von Anfang an klar. Er wird es nie lernen.
Für Motti ist Antisemitismus Teil des täglichen Lebens, irgendwann, so erfahren die Lesenden, hat er sich daran gewöhnt, »dass es Antisemiten gibt, die niemanden verprügeln, keine Gräber schänden, gesittet diskutieren und aus genau diesen Gründen überzeugt sind, nicht antisemitisch zu sein, aber trotzdem einen Haufen Scheiße erzählen«.
An einer anderen Stelle wird der Roman noch direkter, dort heißt es: »Es ist wieder gefährlich, Jude zu sein« – haben Sie selbst antisemitische Anfeindungen erlebt?
Thomas Meyer: Ja, und zwar wie oben erwähnt. Es gibt den Schweizer Antisemitismus, der ganz harmlos, ja sogar freundlich interessiert daherkommt, aber dennoch mit den übelsten Klischees operiert. Letztlich ist es Schweizer Antisemitismus zu behaupten, es gebe in der Schweiz keinen Antisemitismus. Ich weiß nicht, wie oft ich mir habe anhören müssen, meine Nase sei jüdisch. Und wenn die Rede auch nur im Entferntesten auf das Thema Geld kommt, ist auch klar, welche Sprüche fallen. Vielleicht habe ich mir das auch selbst zuzuschreiben, durch meinen ironischen Umgang mit dem Thema, aber die Leute differenzieren überhaupt nicht. Es geht ihnen jegliche Raffinesse ab. Sie sehen: Aha, der Jude spielt mit Klischees, dann bringe ich auch mal eines. Dann unterstellen sie mir Geiz und sind völlig perplex, wenn ich das nicht lustig finde.
Ein Begriff, auf den man beim Lesen stößt, ist die »kognitive Faulheit«. Was genau ist damit gemeint? Sind wir schlichtweg zu faul, um uns mit dem vermeintlich »Fremden« auseinanderzusetzen?
Thomas Meyer: Ich bin aufgrund eines Interviews mit dem Psychoanalytiker Niels Birbaumer darauf gekommen. Er sagt, wir seien zu faul, den kognitiven Aufwand zu betreiben, die Dinge durchzudenken, gegen die wir sind. Ich sehe das auch so. Würden die Leute all diesen bösartigen Mist nicht einfach nachplappern, sondern mal überlegen, ob es überhaupt so sein kann, wie sie behaupten, dann sähen sie sofort, dass sie einem idiotischen Märchen aufgesessen sind. Aber das wäre dann halt peinlich. Es passt nicht zum allwissenden Selbstbild. Und halt auch nicht zum offenbar verbreiteten Bedürfnis, auf andere herabschauen zu können.
Im Roman gibt es eine sogenannte Hassmaschine, die über das Internet rassistische Kommentare und Fake News verbreitet. In der Folge sind Wahrheit und Lüge mitunter kaum noch zu unterscheiden. Inwieweit ist dieser Zustand bereits Realität geworden, und wo sehen Sie die größten Gefahren in Bezug auf die sozialen Medien?
Thomas Meyer: Der Zustand ist doch längst Realität! Und zwar genau wegen der sozialen Medien. Früher musste man noch einen Leserbrief an eine Zeitung schreiben, mit der Maschine, und ihn zur Post bringen. Die Publikation war zudem ungewiss. Heute sind Aufwand und Erfolgsaussicht genau umgekehrt: Man kann ohne zu überlegen etwas von sich geben, und alle sehen es. Kein Wunder, verroht der Ton immer mehr. Die Hassmaschine ist eine fiktiv-technische Darstellung eines realen Menschenzustandes.
Im Text werden zahlreiche originale Facebook-Hasskommentare verarbeitet, gleichzeitig ist der Roman aber sehr humorvoll. Wie gelingt Ihnen dieser Spagat, und welche Rolle spielt Humor nach Ihren Erfahrungen im Umgang mit Intoleranz und Hass?
Thomas Meyer: Ich versuche #GreenShirtGuy nachzueifern, dem viral gegangenen Mann, der sich an einer Bürgerversammlung in den USA über eine Trump-Unterstützerin kaputtlachte. Diesem lebens- und menschenfeindlichen Geplärre kann man wirklich nur so begegnen. Darum habe ich dieses Buch ja auch gemacht: um diesen unsäglichen Zuständen etwas entgegenzusetzen. Das hilft aber letztlich nur einem selbst. Wer hetzt und hasst, dem ist nicht zu helfen. Er ist seelisch verloren.
Man hat beim Lesen den Eindruck, das Schreiben dieses Romans haben Ihnen grossen Spass gemacht – stimmt das?
Thomas Meyer: Schreiben bedeutet mir ohnehin viel Freude, aber ja, in diesem Fall hatte ich in der Tat ein Riesengaudi.

Weitere Informationen zum Buch hier 

Das Interview wurde zur Verfügung gestellt von Diogenes
Fotos von Lukas Leinhard / Copyright Diogenes Verlag

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