Zürich – Peter Hossli über den Mordfall Stadelmann

„Mit der rechten Hand fasste er den Wagenheber, zog so weit aus, wie es das Autodach zuliess und versetzte Stadelmann einen zünftigen Schlag. Märki schlug so stark er konnte und hoffte, der Hiebe würde reichen, den Händler für mindestens eine Viertelstunde in Ohnmacht zu versetzen.“ Doch es kommt anders. Schriftsteller Peter Hossli beschreibt in „Revolverchuchi“ wie zwei Liebende 1957 zu Mörder werden.

 Mit “Revolverchuchi” kehrten Sie als in Zürcher lebender Aargauer wieder in die Heimat zurück. Was interessierte Sie an dieser Mordgeschichte, die Sie an Weihnachten erzählt bekamen, damit sie am Mordtag die Mordfahrt nachgefahren sind?

Ich hatte zuvor noch nie vom Mordfall Stadelmann gehört. Zuerst packte mich die aussergewöhnliche Geschichte. Sie erinnerte mich an die Filme der Coen-Brüder. Es geht um Menschen, die in Situationen geraten, die sie nicht mehr kontrollieren können. Je mehr ich erfuhr, desto bewusster wurde mir die tiefe Menschlichkeit dieser Geschichte. Es geht um wahre Liebe und um verzweifelte Versuche, aus dem ärmlichen sozialen Milieu auszubrechen. Im Zuge meiner Recherchen entdeckte ich fast alle Facetten des Menschseins. Mich interessierten zudem die fünfziger Jahre, eine Zeit mitten im Kalten Krieg, die von der Geschichtsschreibung wenig beleuchtet wird. Zuletzt hat der Fall etwas mit meiner Herkunft zu tun. Ich bin in den Ortschaften aufgewachsen, in denen sich die Geschichte zugetragen hat. Für mich war es eine Art home coming nach vielen Jahren als Korrespondent in den USA.
Nach der Niederschrift könnten Sie welche Theorie unterschreiben. Mann wird Mörder aus Angst vor dem sozialen Abstieg oder Mann wird als Mörder geboren?

Bei jedem Mord sind die Umstände anders. Max Märki und Ragnhild Flater wollten Peter Stadelmann nicht töten. Sie wollten ihn berauben. Der Plan war sehr krude, und er ging nicht auf. Deshalb musste Peter Stadelmann sterben. Zweifelsohne hatten die beiden kriminelle Energie. Zumal zumindest Max zuvor schon einen Erpressungsversuch unternommen hatte. Und offenbar waren sie in der Lage, gegen einen Menschen Gewalt anzuwenden. Max hatte eine sehr schwierige Kindheit mit viel psychischer und physischer Gewalt. Das hat ihn geprägt. Und das hat bei ihm eine gewisse Gewaltbereitschaft hinterlassen.
Für die Recherche besuchten Sie auch den Sohn des Mörders. Kann man mit einem solchen Erbe geradeauf durchs Leben gehen?

Das stimmt nicht, ich habe mit dem Bruder von Max Märki gesprochen. Er hat mir bei der Recherche geholfen, und er hat mir viel über seinen Bruder erzählt. Allerdings waren die Akten für meine Arbeit wichtiger als die persönlichen Schilderungen, da diese gefärbter und weniger objektiv sind. Zu unserer Gesellschaft und zu unserem Rechtssystem gehört die Rehabilitation. Max wie sein Bruder haben ihre Strafen verbüsst. Beide sind nach ihren Gefängnisaufenthalten aufrechte Bürger gewesen und haben etwas geleistet für die Gesellschaft.

Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine Frau. Ich behaupte, dass dieser Mord nie ohne Ragnhild Flater stattgefunden hätte?

Das lässt sich nicht abschliessend beantworten. Was stimmt: Max hat Ragnhild sehr geliebt. Die beiden wollten zusammen in den USA ein neues Leben anfangen. Dafür brauchten sie Geld. Und dieses wollten sie sich durch einen Raub beschaffen. Die Idee kam von Max, Ragnhild schloss sich ihr an.

Wir leben in schwierigen Zeiten und einige werden auf die schiefe Bahn geraten. Spielt das Zeitgeschehen auch eine Rolle für den Mord an Peter Stadelmann?

Menschen töten sich seit es Menschen gibt. Beim Mordfall Stadelmann spielte die soziale Komponente bestimmt eine wichtige Rolle. Das Leben von Max Märki war ein Fluchtversuch. Er wollte woanders sein, und zwar beruflich, persönlich, geografisch. Er wollte soziale aufsteigen, mit Ragnhild leben, nach Amerika gehen. Er wollte das, was viele andere zu jener Zeit hatten. Er aber nahm am Wirtschaftswunder der 1950er-Jahre nicht teil.


Bleibt zu Hause – die Aufforderung der Zeit ist für Sie kein Problem nehme ich an, da Sie schreiben. Oder was macht der Peter Hossli in der Freizeit?

Für einen Reporter ist es nicht einfach, die Menschen, über die er schreibt, nicht zu treffen. Eine Begegnung am Telefon ist nicht das gleiche wie eine persönliche Begegnung. Das eigentliche Schreiben kommt ja erst am Schluss, nach der Begegnung, nach der Beobachtung, nach den Gespräch. Insofern wird meine Arbeit beeinträchtigt. Ich bewege mich gerne draussen, und mache das immer noch. Natürlich alleine und immer auf Distanz. Und ich hoffe, wir finden bald wieder zur Normalität zurück.

Weitere Informationen zum Buch Revolverchuchi hier 

Fotolegende
1, 2, 3 copyright

Ralph Diemer.

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