Schaffhausen – Sein und Schein des Michael Walter nach dem Lockdown

 

Als Herr Walter verschönert er mit Schminke und Cremes Frauen, als Influencer scooby75 und Model wirbt er für Produkte und als Michael liebt er einen Mann in Amerika. Wie er in Zeiten von Corona seine Arbeit und Liebe trotz Hindernisse am Leben erhält und welche Tipps er für Ferien in Schaffhausen hat, verriet er bei einem Gang durch die Stadt am Rhein.


Als am Fronwagplatz in Schaffhausen ab März wegen den Bundesratsmassnahmen Ihre Dienstleistungen im Kosmetikstudio, die Arbeit als Influencer und Model still gelegt wurden, traft es Sie als Selbständiger gleich dreifach. Wie gingen Sie mit der Situation damals und heute um?

Ich war neben den Kunden im Studio viel unterwegs als Influencer und der Stopp ab März hat dann das Leben erholsamer gemacht. Ich erhielt noch Geld zur Ueberbrückung der Schliessung des Studios aus den Arbeiten als Model, die ich vor Corona gemacht hatte und konnte als Influencer auch noch Sachen wie Werbung für Hemden etc. von Hause aus machen. Das zweite Standbein hat mich somit finanziell über die Runden gebracht. Seit dem 5. Mai ist das Studio wieder offen, die Kunden kommen noch etwas zögerlich und ab Mitte Juni wird auch mit den Shootings wieder alles beim Alten sein.


Wir sind im Hotel Villa im Park, wo Sie gerne essen gehen im Ambiente eines Herrenhauses. Ueber die Isolationszeit zeigten Sie sich auf Instagram auch mal einsam, ungepflegt. Kehren Sie nun wieder zu Glanz und Filter zurück auch weil Sie für den Influencer-award nominiert wurden oder verändern Sie Ihr öffentliches Bild mit echten Schnappschüssen?

Ich versuche unter meinem Account das ganze Spektrum von Fotos, sowohl ungefilterte, wie solche von Fotografen wie auch Selfies zu zeigen. Die Stories bearbeite ich nie. Die Falten glätte ich nicht.  Ich mache die ganze social media Sache ja auch für mich und mir muss es einfach gefallen, mehr oder weniger Likes, da bricht für mich keine Welt zusammen.

Wir sitzen im Klostergarten neben dem Museum zu Allerheilligen mit zwei Meter Abstand. Liebe ist in diesen Zeiten schwer zu bekommen, besonders wenn der Freund in Amerika weilt und Berset oder Trumpf mit ihren Massnahmen darüber bestimmen, wann Sie ihn wieder sehen. Kann Facetime eine Beziehung retten?

Wir lebten, bevor mein Partner für ein Projekt nach Amerika ging, acht Jahre zusammen. Die Vernunft und Sicherheit ist im Moment noch wichtiger, so dass das Hinreisen dieses Jahr schwierig wird. Aber mit den digitalen Medien kann man ja auch Persönliches zeigen, nicht nur sprechen. Ich freue mich schon auf die Weihnachtszeit, wo wir uns hoffentlich wieder sehen werden.


Sänger Michael von der Heide wurde im Zug mit dem Messer bedroht als er mit seinem Freund unterwegs war. Wie erlebten Sie die Kleinstadt Schaffhausen vom Coming out bis heute Ihre Gesinnung?
 
Ich hatte erst mit dressig Jahren einen männlichen Partner, vorher war ich mit mit einer Frau zusammen. In den letzten 15 Jahren als Schwuler erlebte ich nie etwas Negatives, hier und im Beruf. Das freut mich, obwohl ich weiss, dass sich momentan in Zürich der Wind gegen Schwule dreht.




Sie haben die Reber Schaffhauserzungen in der Bäckerei an der Vordergasse gekauft und bevor ich eine esse, die Frage, kann den auch ein Mann mit dem Markenzeichen blaue Augen in Würde als Influencer altern, ohne das Hass und unsittliche Bilder in den Kommentaren auftauchen?

Erstaunlicherweise kommen meine grauen Haare und der Bart auf den Bilder sehr gut an. Ich liess auch nichts an mir machen. Hasskommentare gab es noch nie. In den Direktnachrichten gab es auch von Frauen Anmache nicht nur von Männern. Darauf gibt es keinen Kommentar von mir, alles wird gelöscht. Alle meine Bilder sind ja auch nicht provokativ und bieten eigentliche keine Angriffsfläche für Hasskommentare. Ich versuche auf der Plattform alles neutral zu halten, ausser „Stay at home“ im März, April, gab und gibt es keine Meinungen zu einem Thema von mir in den sozialen Medien.



An der Stadthausgasse lädt uns Kolarskis Gewürznote zu einem Safranerdbeerkuchen und einigen Proben von Likörs ein. Der Michael Walter wird dieses Jahr in Schaffhausen Ferien machen, Ihre Tipps für Besucher des Kantons?

Ich liebe es im Sommer in Schaffhausen zu sein, wir haben in der Altstadt tolle Gartenwirtschaften. Man kann am ganzen Rhein entlang baden gehen und in der Rheinbadi bin ich Stammgast. Neben dem Wandern im recht flachen Gelände, ist auch das Radfahren bis an den Bodensee ein Hit genauso wie Zanka von der Gewürznote und all die anderen Freunde in Schaffhausen.

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Thun – Ueber die Fluchthelferin vor den Nazis am Thunersee

Die belgisch-schweizerische Adlige Betty Lambert lebte in Gwatt am Thunersee, wo sie in ihrer Villa Verfolgte der Narzis Unterschlupf gewährte. Bei einem Gang durch das Bonstettengut erzählte die Autorin des Buches „Die Baronin im Tresor“ Franzisika Streun weitere Details der mutigen Jüdin.

Franziska Streun, vor wenigen Tagen feierten die Alliierten 75 Jahre Kapitulation der Nazis. Hätte Betty Lambert auch daran teilgenommen und was hätte sie gesagt?
 
Sie hätte mit der Familie und Freunden gefeiert und eine grosse Erleichterung dabei gespürt.
Sie sind 56 Jahre alt und spazierten als Kind schon durch den Bonstettenpark. Wann wurde Ihnen klar, dass Sie die Geschichte der Fluchthelferin niederschreiben wollen und warum?
 
Als Kind erzählte man mir, dass hier eine Baronin gelebt habe, die Hunde gehabt und veranlasst hätte, dass diese auch nach ihrem Tod im Park frei herumlaufen dürfen. Ausserdem weckte das schöne Haus beim Durchgehen viele Fantasien.
2014 kam Thuns Stadtarchivarin Anita Egli auf mich zu. Ein Enkel der Baronin habe Fotos und ein Gästebuch von ihr vorbeigebracht. Er habe angeregt, ein Büchlein über seine Grossmutter und die Gäste zu machen.
Ich begann zu recherchieren und erkannte erst da, wer diese Frau als Tochter eines jüdischen Financiers von König Leopold II. von Belgien und einer Pariser Rothschild-Tochter war. Mit jedem Türchen, das ich öffnete, erkannte ich nach und nach, wie sie zu dem Mensch wurde, von dem die Leute erzählten.
Betty Lambert war sehr reich von Haus aus und als Besitzerin der Campagne Bellerieve und hatte einen gewissen Status und Macht in Thun. Woher kam den der Wunsch sich als Fluchthelferin zu engagieren?
 
Schon ihre Vorfahren verhielten sich philantropisch. Das Helfen in Not wurde ihr in die Wiege gelegt. Als Fluchthelferin vor Ort im Gwatt wirkte sie zum Beispiel, indem sie Menschen – unter ihnen viele bekannte Persönlichkeiten wie etwa der Paneuropa-Unions-Gründer Richard N. Coudenhove-Kalergi oder der Musiker Bronislaw Hubermann – bei ihrer Flucht vor den Nazis unterstützte. Auch finanzierte sie hie und da Medikamententransporte mit oder gab Geld.
 
 
 
Als Journalistin beim Thuner Tagblatt ist tägliches Mitgefühl gefordert, dann sind Sie ja auch noch Privatmensch und trugen als Autorin des Buches Betty Lambert mit sich. Wie gingen Sie während der Buchentstehung mit all den Anforderungen um?
Mit den Recherchen, die fünf Jahre dauerten, spürte ich eine Nähe zu Betty Lambert. Ich erkannte gewisse Charakterzüge von ihr auch bei mir, wie etwa alleine in einer Situation das Beste zu machen. Sie war sehr diskret und zog bei ihren Aktivitäten die Fäden selber. Sie war äusserst gebildet und strahlte eine starke Autorität aus. Stets blieb sie bescheiden und hätte nie mit ihren Taten geprahlt.
 
Wie reagierte eigentlich die offizielle Schweiz auf Betty Lambert und was Sie mit der Beschäftigung mit ihr für sich mitgenommen?
 
Vor und nach dem Weltkrieg dürfte Betty Lambert die wohl international vernetzteste Jüdin in der Schweiz gewesen sein. Die Leute, die zu ihr kamen – etwa solche aus dem US-Geheimdienst oder der Résistance – vertrauten ihr. Sie hatte ein Gespür dafür, wer wann wen traf und wie sie ihr Netzwerk im Dienste aller nutzen konnte. Sie wollte weder sich noch die Person einer Gefahr aussetzen.
Ich lernte über die lange Zeit der Beschäftigung mit dieser Frau eine interessante Pionierin ihrer Zeit kennen, die viel Mut hatte.
 
Was macht eine Franziska Streun, die auch noch Schreibworkshops leitet, neben dem Schreiben in ihrer Freizeit in den kommenden Sommermonaten in Thun?
 
Ich grilliere mit Freunden im Garten und philosophiere mit ihnen über das Leben. Thun ist eine schöne Stadt, und ich bin gerne draussen. Auch lese ich und recherchiere weiter über das eben erst entdeckte Leben von Betty Lambert. Sie lässt mich noch nicht ganz los.
Das Buch „Die Baronin im Tresor“ erschien im Zytglogge Verlag. 
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