Thun – Ueber die Fluchthelferin vor den Nazis am Thunersee

Die belgisch-schweizerische Adlige Betty Lambert lebte in Gwatt am Thunersee, wo sie in ihrer Villa Verfolgte der Narzis Unterschlupf gewährte. Bei einem Gang durch das Bonstettengut erzählte die Autorin des Buches „Die Baronin im Tresor“ Franzisika Streun weitere Details der mutigen Jüdin.

Franziska Streun, vor wenigen Tagen feierten die Alliierten 75 Jahre Kapitulation der Nazis. Hätte Betty Lambert auch daran teilgenommen und was hätte sie gesagt?
 
Sie hätte mit der Familie und Freunden gefeiert und eine grosse Erleichterung dabei gespürt.
Sie sind 56 Jahre alt und spazierten als Kind schon durch den Bonstettenpark. Wann wurde Ihnen klar, dass Sie die Geschichte der Fluchthelferin niederschreiben wollen und warum?
 
Als Kind erzählte man mir, dass hier eine Baronin gelebt habe, die Hunde gehabt und veranlasst hätte, dass diese auch nach ihrem Tod im Park frei herumlaufen dürfen. Ausserdem weckte das schöne Haus beim Durchgehen viele Fantasien.
2014 kam Thuns Stadtarchivarin Anita Egli auf mich zu. Ein Enkel der Baronin habe Fotos und ein Gästebuch von ihr vorbeigebracht. Er habe angeregt, ein Büchlein über seine Grossmutter und die Gäste zu machen.
Ich begann zu recherchieren und erkannte erst da, wer diese Frau als Tochter eines jüdischen Financiers von König Leopold II. von Belgien und einer Pariser Rothschild-Tochter war. Mit jedem Türchen, das ich öffnete, erkannte ich nach und nach, wie sie zu dem Mensch wurde, von dem die Leute erzählten.
Betty Lambert war sehr reich von Haus aus und als Besitzerin der Campagne Bellerieve und hatte einen gewissen Status und Macht in Thun. Woher kam den der Wunsch sich als Fluchthelferin zu engagieren?
 
Schon ihre Vorfahren verhielten sich philantropisch. Das Helfen in Not wurde ihr in die Wiege gelegt. Als Fluchthelferin vor Ort im Gwatt wirkte sie zum Beispiel, indem sie Menschen – unter ihnen viele bekannte Persönlichkeiten wie etwa der Paneuropa-Unions-Gründer Richard N. Coudenhove-Kalergi oder der Musiker Bronislaw Hubermann – bei ihrer Flucht vor den Nazis unterstützte. Auch finanzierte sie hie und da Medikamententransporte mit oder gab Geld.
 
 
 
Als Journalistin beim Thuner Tagblatt ist tägliches Mitgefühl gefordert, dann sind Sie ja auch noch Privatmensch und trugen als Autorin des Buches Betty Lambert mit sich. Wie gingen Sie während der Buchentstehung mit all den Anforderungen um?
Mit den Recherchen, die fünf Jahre dauerten, spürte ich eine Nähe zu Betty Lambert. Ich erkannte gewisse Charakterzüge von ihr auch bei mir, wie etwa alleine in einer Situation das Beste zu machen. Sie war sehr diskret und zog bei ihren Aktivitäten die Fäden selber. Sie war äusserst gebildet und strahlte eine starke Autorität aus. Stets blieb sie bescheiden und hätte nie mit ihren Taten geprahlt.
 
Wie reagierte eigentlich die offizielle Schweiz auf Betty Lambert und was Sie mit der Beschäftigung mit ihr für sich mitgenommen?
 
Vor und nach dem Weltkrieg dürfte Betty Lambert die wohl international vernetzteste Jüdin in der Schweiz gewesen sein. Die Leute, die zu ihr kamen – etwa solche aus dem US-Geheimdienst oder der Résistance – vertrauten ihr. Sie hatte ein Gespür dafür, wer wann wen traf und wie sie ihr Netzwerk im Dienste aller nutzen konnte. Sie wollte weder sich noch die Person einer Gefahr aussetzen.
Ich lernte über die lange Zeit der Beschäftigung mit dieser Frau eine interessante Pionierin ihrer Zeit kennen, die viel Mut hatte.
 
Was macht eine Franziska Streun, die auch noch Schreibworkshops leitet, neben dem Schreiben in ihrer Freizeit in den kommenden Sommermonaten in Thun?
 
Ich grilliere mit Freunden im Garten und philosophiere mit ihnen über das Leben. Thun ist eine schöne Stadt, und ich bin gerne draussen. Auch lese ich und recherchiere weiter über das eben erst entdeckte Leben von Betty Lambert. Sie lässt mich noch nicht ganz los.
Das Buch „Die Baronin im Tresor“ erschien im Zytglogge Verlag. 
Weitere Informationen hier 
 
 
 
Weitere Informationen zu Franziska Streun hier 
 
 

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