Zürich – Wie Bundesrat Alain Berset die Krise erlebt

Dem Publizisten und Ex-Chefredaktor der NZZ Felix E. Müller aus Zürich war wie Bundesrat Alain Berset sofort klar, die Corona-Krise hat eine historische Bedeutung, den nichts seit dem zweiten Weltkrieg hat bis heute und noch lange Auswirkungen auf das persönliche Leben. Im Sommer trafen sich die beiden zum Interview, das nun als Buch unter dem Titel „Wie ich die Krise erlebe“ erschien.

Wie gingen Sie als Person der Risikogruppen mit den Anfängen der Krise um und welche Absicht hat das Buch?

 Ich bin kein Corona-Leugner, aber auch kein Alarmist. Das Buch entstand aus einem simplen journalistischen Reflex: Wann handelte man in Bern wie und warum? Und da Alain Berset die Schlüsselfigur der Krise ist, war er der logische Gesprächspartner. Deswegen auch der gewählte formale Ansatz: ein Interview in Buchform. Berset sollte sich selbst erklären und seine Handlungsweise selbst begründen. Und natürlich war ich daran interessiert, einen Blick hinter die Kulissen werfen zu können: Wie funktionierte der Bundesrat, wie verliefen die Debatten im Gremium, wie kamen die wichtigsten Entscheidungen zustande, gab es Fraktionen innerhalb der Landesregierung

Bundesrat Alain Berset wohnt zwar nur vier Kilometer von mir, man sah ihn wenig übers Jahr, nur seine Kinder und Frau in Belfaux. War es schwierig ihn für das Projekt zu gewinnen oder war er auch dankbar einmal mit jemandem zu reden ohne Druck seines Amtes?

Ich hatte den Eindruck, dass ihn das Projekt interessierte. Mehrfach sagte er, dass ihm dieses die Gelegenheit biete, von Zeit zu Zeit von der Tageshektik Abstand zu nehmen und grundsätzlicher über die Krise und deren Folgen für Staat und Gesellschaft nachzudenken. Das tägliche Krisenmanagement empfand er primär in einer Hinsicht als belastend: Nicht das Entscheiden an sich mache ihm Mühe. Belastend sei die reine Menge von Entscheidungen gewesen. Zusätzlich kamen über das reine Corona-Krisenmanagement noch die Ansprüche des Parlaments und der Medien dazu. Eindrücklich war für mich in diesem Zusammenhang zwei Zahlen: ein Parlamentarier rückte an eine Kommissionssitzung mit einem Ordner voller Fragen an, die er beantwortet haben wollte. Und Journalisten haben über hundert Gesuchen für die Offenlegung von internen Akten  gestellt, die alle bearbeitet werden mussten.

Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern, das wissen Sie als Ex-Chefredaktor. Wird das Büchlein laufend ergänzt oder gibt es einen Nachfolger?

Ich habe im Moment keine Fortsetzung geplant. Es gelang noch, im letzten Moment mit einem Kraftakt die zweite Welle aufzugreifen. Vielleicht könnte es aber sinnvoll sein, gegen Ende der Krise das Buch in einer zweiten Auflage zu ergänzen. Da würde mich etwa interessieren, ob Berset den Föderalismus immer noch so positiv beurteilen würde, wie er das im Buch tut.

So ein Krisenmanagment kostet viel Kraft, Berset wirkt auf mich müde. Denken Sie er wird am Ende der Krise aus dem Bundesrat austreten, den der Aufbau der Wirtschaft wird ja noch lange dauern?

Alain Berset wird am Ende dieser Legislaturperiode 2022 bereits zehn Jahre als Bundesrat tätig gewesen sein. Wie alle SP-Bundesräte, die jung ins Amt kommen, ist der Ausstieg schwierig, weil die beruflichen Optionen für einen linken Ex-Bundesrat beschränkt sind. Moritz Leuenberger machte ja zeitweilig den Comedy-Clown im Zürcher Bernhard-Theater, was das Problem illustriert. So könnte ich mir vorstellen, dass Berset 2022 weitermachen wird, aber in einem anderen Departement.

Nun haben die Impfungen begonnen und Sie kommen auch bald dran. Aendert sich nun der Alltag eines Felix Müller?

Im Kanton Zürich herrscht ein derartiges Impfchaos, dass ich im Moment schlecht abschätzen kann, ob ich in drei Monaten oder in drei Jahren geimpft werde. Also sitze ich weiterhin im Homeoffice und sehne mich nach dem Frühling.

PS: Bilder vom Gespräch von Alain Berset und Felix Müller existieren nicht. Sie sassen jeweils am grossen Konferenztisch im EDI sehr weit auseinander.

Das Buch „Wie ich die Krise erlebe“ von Felix E. Müller erschien als Buch und E-Book bei NZZ Libero

Weitere Informationen hier 

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