Zürich – Arno Camenisch über seinen neuen Roman “ die Welt“ 

Der Vielschreiber hat einen neuen Roman am Start, in dem es um den Neubeginn, das Unbekannte und Neue, welchem er immer mit viel Interesse und einer Aufgeregtheit begegnete, geht. Im Interview gibt er Einblicke in das Schreiben von „die Welt“.

  1. Gab es einen konkreten Auslöser für diesen Roman? Eine Art Fernweh oder Rückblende in Corona-Zeiten?

Arno Camenisch: Nachdem wir während zwei Jahren eingeschränkt waren, kommt alles wieder in Bewegung, es ist die Zeit des Aufbruchs und fürs Neue, alles fühlt sich anders an, und das erinnert mich an die Zeit, als ich in meinen Zwanzigern war, aus allem ausbrach und über die Kontinente zog. Für viele Leute ist diese Zeit, wenn sie in ihren Zwanzigern sind, eine sehr prägende und lebendige Zeit im Leben. Man hat zwar nicht viel, ist aber hungrig. Im Roman Die Welt bespiele ich diese Zeit, und dabei interessiert mich stets der große Bogen, deshalb setze ich meine Erfahrungen in Kontext zu den großen Entwicklungen jener Zeit. Die Nullerjahre, in denen der Roman spielt, waren geprägt von Veränderungen.

  1. Würden Sie sagen, es ist nun Ihr persönlichstes Buch? Und hatten Sie beim Schreiben Erkenntnisse im Nachhinein über sich oder für Ihre Zukunft?

Arno Camenisch: Ja, sicher, es ist ein sehr persönliches Buch, und wenn ich an die Zeit denke, als ich in meinen Zwanzigern war, war das eine sehr aufregende Zeit! Das Ausbrechen und Losziehen war essenziell, und das entsprach auch meinem Naturell. Diese Zeit in den Zwanzigern war eine unerschrockene und unbeschwerte Zeit, später vielleicht wird man überlegter, vielleicht auch besonnener, aber in jenen Jahren ging es immer auf tutti. Und ich habe mich nie davor gefürchtet, neue Wege zu gehen. Das habe ich aus jener Zeit in die jetzige rübergerettet (lacht).

  1. Wie unterscheidet sich das Reisen heute von Ihrem Unterwegssein damals in Ihren 20ern?

Arno Camenisch: Es ist weniger das Reisen an sich, das mich interessiert, sondern vielmehr das Neue, das mich hellhörig macht. In Die Welt geht es um den Neubeginn, und der Gedanke an das Unbekannte und Neue war für mich immer das Aufregendste. Und das ist auch heute noch so. Und natürlich, ist man unterwegs, trifft man viele Leute, sieht neue Orte, hört neue Sprachen. Ich liebe es nach wie vor, einfach loszuziehen, so wie eines Morgens in Brüssel, wo ich mal einen Monat verbrachte, und ich zum Bäcker wollte und in Paris landete.

  1. Hilft das Reisen auch, den Blick stets offen zu halten, Erlebnisse als Stoff für Bücher zu sammeln?

Arno Camenisch: Das Leben, die Liebe und der Tod, die Veränderung und der Wandel, das sind zentrale Themen in meinem Schaffen. Ich bin sehr affin für die steten Veränderungen, im Kleinen wie im Großen, ich nehme sie wahr. Und im Zentrum meines Schreibens steht immer der Mensch mit seinen Freuden und Sorgen, seinen Wünschen und Ängsten und mit seinen Sehnsüchten und Hoffnungen. Es sind stets diese zeitlosen Fragen, die mich interessieren.

  1. Sind Sie jetzt gesettelt in der Schweiz angekommen, das größte Fernweh ist gestillt auch durch die ganzen Lesereisen, oder reizt es Sie nach wie vor, neue Welten für längere Zeit auszuprobieren?

Arno Camenisch: Diese Lust auf das Leben und das Neue, die versiegt hoffentlich nie! Im Leben geht es darum, vorwärts zu gehen. Das ist das Leben – die Veränderung. Nichts Schlimmeres, als wenn alles gleich bleibt, oder wie es Grönemeyer so schön singt, Stillstand ist der Tod.

  1. Sind Sie ein Optimist, der daran glaubt, dass es immer gut kommt, der der inneren Stimme jeweils genau zuhört?

Arno Camenisch: Ob ich ein Optimist bin, weiß ich nicht so genau, ich bin jedenfalls ein positiver Mensch. Und ich vertraue auf die innere Stimme. Daran glaube ich. Natürlich gibt es die Momente des Zweifels und der Unsicherheit, aber auf die innere Stimme, auf die gebe ich viel.

  1. Was würden Sie Menschen raten, die schon lang von einer Auszeit oder einer Veränderung träumen, sich aber nicht recht trauen? Möchten Sie Ihren Leser:innen mit Die Welt auch Mut machen, stets im Leben einen Neubeginn zu wagen?

Arno Camenisch: Einfach machen, nicht zu viel überlegen. Was soll denn schon schiefgehen? Eigentlich ist es doch ganz einfach, es ist immer die Angst, die uns bremst, die Angst davor, was sein könnte. Die hindert uns daran, neue Wege zu gehen. Ich bin da pragmatisch. Natürlich, es gibt auch die Leute, die zufrieden sind, wenn sie das gleiche Leben wie ihre Eltern führen, auch das ist legitim. Für mich wäre das aber nichts. Seinen eigenen Weg gehen, das braucht ein bisschen Mut, aber den bereut man nie.

„Die Welt“ von Arno Camensich erschien im Diogenes Verlag. Weitere Informationen hier 

Luzern – Die Regenbogensichtweisen des David Hockneys 


Wer täglich eine Strasse hinuntergeht, sieht sie je nach Laune und Standort verschieden, doch erzählen tun wir immer nur eine Sichtweise. Diese malte der Engländer David Hockney nicht sondern die der Launen und Gefühle, darum ist seine Perspektive bis heute so vielfältig. Diese zeigt das Kunstmuseum Luzern in der ersten Retrospektive der Schweiz bis zum 30. Oktober.

Zum Glück hat der Vater des 1937 geborenen David Hockney ihm nicht das vererbt bekommen,  dem dieser sein Geld verdiente als Buchhalter sondern, dass was er in seiner Freizeit als Erfinder erfand, die Lust am experimentieren. 

Nach dem Gymnasium besuchte David die Royal Academy of Arts in London, welche bis zur Abschlussarbeit ein Riesenspass war. Eigentlich hätte er für das Diplom auch nackte Frauen malen sollen, doch er weigerte sich, malte stattdessen Männer, den er fühlte sich als Homosexueller. Die Akademie drückte ein Auge zu, weil sie wohl erkannte, dass Talent und das Zeug zum Star wichtiger sind als Regeln. 

Die über mehrere Räume grosse Retrospektive des Malers, Grafikers, Fotografen und Bühnenbildners David Hockneys geht in einem Raum auf die Homosexualität ein. Der Künstler hatte gerade die Gedichte Konstantinos Kavafis gelesen und war von der eher platonischen Liebesbeschreibung des Dichters angetan, da reiste er nach Beirut und fand dort Szenen und Männer, die gleich empfanden.

Auch um 1964 machte er eher düstere Bilder aus der Gayszene Londons.

Das Farbige, Mutige, Experimentelle kommt erst mit einem Umzug nach Los Angeles. Zwar wird er bis heute als ein Teil der Popartszene Englands angesehen, aber den Durchbruch gelang ihm in den USA mit einem Bild, wo zwei Männer in einem Pool nackt rumplantschen. 

Die 120 Arbeiten von 1954 bis heute zeigen den nun in der Normandie lebenden Maler als einen, der etwas nicht machte, Wiederholungen. Meistens hat ein Künstler ein Sujet oder Thema und malte dies in seiner Karriere in verschiedenen Variationen. Nicht so David Hockney. Fast jedes Jahrzehntes seines bis heute andauernden Lebens hat er seine Sichtweise und den Stil geändert. Darum trägt die Ausstellung auch den Titel „Moving Focus“. Von seinen Anfängen als Kunststudent in London bis hin zu seinen neusten i-Pad-Zeichnungen, der Mann hatte Lust am künstlerischen Experiment und war fasziniert an der Perspektive. Fast könnte man meinen, er wolle alles Gelernte an der Akademie über Bord werfen und gleichzeitig Fluchtpunkte avisieren und die Zentralperspektive verwerfen.

Der inhaltlichen Vielfalt steht aber im Laufe seines Lebens das malerische Können gegenüber. Seine Arbeiten über das letzte Jahrzehnt kommen nicht über das Niveau eines Maturanten hinaus.

Wer gerne bunte Popart, einige erotische und abstrakte, von Picasso angehauchten Bilder mag, offen ist für i-Pad-Collagen ist sicher mit der ersten Gesamtschau David Hockneys in Luzern gut bedient.


Weitere Informationen zur Ausstellung hier 

Basel – Tattoo feiert Jubiläum und überrascht 


Nach drei Jahren Pause und trotz des Ukrainekrieges findet bis zum 23. Juli die 15. Ausgabe des Basel Tattoos 2022 unter der Regie von Erik Julliard mit Militärmusikformationen aus vier Kontinenten und anderen Darbietungen vor grossem Publikumsinteresse statt.

Schon Napoleon setzte die kaiserliche Garde nicht nur den persönlichen Schutz sein sondern auch für repräsentative Aufgaben. Nachdem die bulgarischen „The Guardsmen Representative Brass Wind Band of the Bulgaria Army“ am 12.Juli den offiziellen Tag der Nationalgrade im eigenen Land feierten, standen sie bereits Tage später in der Alten Kaserne auf der Bühne. Mit einer Feder am Hut und konventionellen Marschklängen gelang ihnen von Anfang an das Publikum an der prallen Sonne in Bann zu ziehen und unterstützt von Folktänzen in den typischen Landesgewänden war die Premiere Bulgariens in Basel gelungen. 

Eine willkommene Abwechslung zu den Dudelsäcken und Blasmusiken der Militärs kam aus dem Greyerz. Bevor die geschmückten Kühe auf den Platz geführt wurden, ertönte ein Lied, das jeder Freiburger und jeder Gotteronfan kennt. „Ranz des Vaches“ sangen die Sennen aus dem Greyerz bereits im Mittelalter und so taten es die Armaillis auch in Basel während sie den  Alpaufzug dargestellten. Das Lied oder zumindest der Refrain (Lyoba) wird heute nach jedem Gotteronsieg in der Poyahalle gesungen. 

Auch wenn die Veranstaltung drei Jahre pausieren musste, die Zuschauer und dieses Mal viele Welsche kamen weil der Anlass auch Gäste mehrmals einlädt. Um Stimmung, ja fast eine Party zu machen wurden die „The Red Hot Chilli Pipers“ aus Grossbritannien eingeladen. Den sie verbinden Tanz, Dudelsäcke, Rockgitarren und den Gesang von Christopher Judge zu einer sehr modernen Interpretation von schottischem Liedergut. 

Nachdem bereits die „The United Stades Air Force Honor Guard Drill Team“ aus den USA gezeigt hatten was Mann mit Drill alles manchen kann, kam ein Land, das selbst dem Vertreter des VBS ein ranghoher Militär in Erstaunen versetzte. Gerade ein Jahr sind die jungen Norweger als Rekruten bei der „His Majesty The Kings Gurad Band and Drill Team“  und dann das. Wie bereits bei der Tattoo Premiere 2006 überraschte die 50-köpfige Blasmusikformation und das 32-köpfige Drill Team aus Norwegen über vier Minuten mit einer Präzision und Ideenreichtum, dass das Publikum restlos begeistert war, vielleicht auch weil es knallte und geschossen wurde. 

Die Jubiläumshow von Basel Tattoo ist eine rasante Inszenierung von Dudelsackspielern und Trommlern von Indien bis Schottland. Die Schweiz wird auch mit Bauerntradition dargestellt und Tanz und Gesang fehlen auch nicht. Also viel Abwechslung in zwei Stunden.

Weitere Informationen zum Basel Tattoo hier 

Thun – Was ist gut, was nicht am Musical Io senza te auf der Seebühne?


Mehr Witz, aktuellere Dialoge, besseres Bühnenbild sind die Besonderheiten der Wiederaufnahme des Musicals von 2015 in der diesjährigen Produktion der Thuner Seespiele nach zwei Jahren Pause. Regisseur Stefan Huber inszenierte zum zweiten Mal und hat mit Richi einen Berner Oberländer, der alles gibt. Doch warum sind die Frauenrollen so einseitig?

Auf dem Weg zum Nachhausebus waren sich alle einig, dass das Musical einen beschwingten Abend trotz engen Sitzen mit vielen Lachern einem beschert, Melodien aus dem letzten Jahrhundert wachruft und dann wurde etwas immer wieder erwähnt, was sonst meist ausser Acht gelassen wird, das Bühnenbild. Selten hat eine Konstruktion die Schauspieler allen voran Anja Häsli als Ky und Andreas Ritschard (Richi) als Gio so gut und vorallem besser als 2015 im Theater 11 Zürich in Szene gesetzt wie hier.  

Zwar ist ein Musical Tanz, Lied, Text, doch die Autoren Domenico Blass und Stefan Huber gaben den letzten zwei viel Platz, ersteres kommt wenig vor und wenn, dann ist es gleich der Höhepunkt des Abends wie bei „Charlie Chaplin“.

Für das ältere Publikum aus vielen Berner ist nach „Gotthelf“ und vor nächstem Jahr „Dällebach Kari“, das vor zwölf Jahren in Angriff genommene Musical von Peter Reber ein Garant für volle Kassen wie die 120 000 Besucher im Theater 11 und ein Stück Heimatgeschichte.

Auch sind etliche der Schauspieler von 2015 wieder dabei, allen voran Richi, der Sänger der aufgelösten Plüsch und nie richtig erfolgreicher Solosänger aus Interlaken. Sichtlich gealtert aber immer noch mit grosser Stimme gesegnet verkörpert er mit vollem Einsatz, viel Text, etwas Schauspielkunst leicht und wie aus dem Aermel geschüttelt den Barkeeper Gio, der auch mal nackt unter der Dusche sich zeigt und den Heimvorteil als Oberländer geniessen kann. 

Immer wenn ein Lied aus der dem Liedergut von Peter, Sue und Marc von vor 40 Jahren gesungen wird, dreht der Tontechniker auf lauter gegenüber den Dialogen, das wirkt komisch. 

Eigentlich ist es ja die traurige Tatsache Lilly und Jean Rémy nach 25 Ehejahren auseinandergelebt haben,  die das Musical als einen Strang neben der Gründung der Coverband Dieter, Kay and Gio zusammenhält. Doch wenn fast 2.5 Stunden Gags, Ironie und Blödeleien die Handlung bestimmen, gehen diese Eheprobleme unter. Auch unter gehen die Szenen, die auf dem Thunersee spielen, die sehen viele Zuschauerreihen schlecht.

Wie Doctor Rock sagt, sei das Musical ein Generikum des Originals, den die Coverband kommt auch stimmlich nicht an die drei Berner, die Schweizer Musikgeschichte geschrieben hat, heran. 

Am Schluss sind es die Witze, die dem Pop den Schmalz, den „Cindy, Birds of Paradis, like a Seagull“ innehaben, nehmen.

Die Neufassung hat viele Vorteile gebracht wie erwähnt, aber nicht unbedingt für die Frauenrollen. Die Schweizerin Anja Haeseli als Ky, die in Wien lebt und dort als Vocalcoach neben der Bühne arbeitet, macht ihre Sache gut, kommt aber als Person nicht über die Scheue aus den Bahamas hinaus. Auch die anderen Frauenfiguren sind arg klischiert und machen keine Entwicklung durch. 

Wer diesen Sommer die Traurigkeit der Nachrichten für Stunden vergessen will, auf einer Bühne, die der Abendsonne abgewandt ist, Melodien aus dem letzten Jahrhundert mit frechen witzigen Dialogen, einigen Tanzeinlagen zeigt, ist mit der Familienunterhaltung des Musicals „Io senza te“ bestens bedient. 


Die Vorstellungen dauern noch bis 27. August 
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Murten – Zian, der Stimmmagier der Stunde am Stars of Sounds 

Oft spricht man in der Musikbranche von Pandemieopfer, aber es gibt auch Sieger wie der Basler Zian, der sich während der letzten zwei Jahre vom Glasapparatebauer Tizian Hugenschmidt zum Neuling mit einer grossen Stimme und dem Zeug zum Star wandelte wie er in Murten zeigte.

Mit drei Abenden zu verschiedenen Musikstilen waren die Murtner froh nach zwei Jahren Pause wieder Töne von Stress, Inner Circle, Claptone, Hecht zu hören, den es war wieder mal mit Stars of Sounds was los im Städtchen am Murtensee. 

Dieser färbte sich grün und eine Bisse verlangte einen Pullover an diesem Freitagnachmittag, doch das Quartett um Zian plagte noch eine Stunde vor Konzert eine andere Frage. Kommt überhaupt jemand?

Erleichtert über die halbvolle Pantschau sang der 27-jährige Basler anfangs noch hinter dem Vorhang und trat dann als der Neuling in der Szene mit der meisten Medienpräsenz in den letzten Monaten etwas schüchtern ans Mikrofon. Dabei war die Stimme nicht das mit dem er in der Musik angefangen hat sondern als Trommler an der Basler Fasnacht, später kamen Klavier und die Gitarre der Mutter hinzu. 

Als Knäckeboul beim Auftritt ausgefallen war, sprang Tizian Hugenschmidt kurzfristig ein und sein heutiger Manager gefiel, was er hörte, eine raue Stimme mit Facetten. Die hat der heutige Zian, wie er sich nennt, nie ausgebildet und sie trägt ihn auch live gut, ausser wenn er geht verliert er sie manchmal.

Mit seinem Aussehen, die Schweizer Antwort auf  „Thor“ Chris Hemsworth und einem Team im Rücken, das ihm Rockpopmelodien schreibt und er die recht traurigen Texte scheint die Rechnung auch in der Hitparade aufzugehen und dieses Jahr gab es sogar einem Swiss Music Award.

In Murten zog er alle Register seines Können und das Publikum macht trotz seines abgehackten Baslerdeutsch jeden Tanz, jede Mitklatschaufforderung

 mit und war vom Höhepunkt des Auftritts am Piano, der Ballade „Hold again“ wo sich von zwei Liebenden einer umbringt, sichtlich gerührt wie auch vom Rest des stündigen Auftritts. 

Wenn Zian die Qualität seiner aktuellen CD „Burden“ und seiner Auftritte halten kann, ist klar, er ist das nächste grosse Ding im Poprock.

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Zürich – Wie sich Film und Zeichnung im Fellinis Werk ergänzen 

Bis zum 4. September zeigt das Kunsthaus Zürich mit 500 Exponaten, dass der Filmemacher zuerst oft die Zeichnung statt das Drehbuchschreiben wählt für seine legendäre Filme wie „Dolce vita“. Die Zeichnungen, aber auch Filmausschnitte, Kostüme, Requisiten waren seit 40 Jahren nicht mehr in der Schweiz zu sehen.

Der in Rimini geborene Federico Fellini kam über eine eher unangenehme Situation zum Zeichnen. In einer Lebenskrise besuchte er einen Psychologen und der forderte ihn auf, seine Träume fortan zu malen. Nun liegen die dicken Bücher in Kunsthaus auf und oft sind darin übrige Frauen oder humoristische Szenen zu sehen, keine Dramen.

Anders als Kollegen malte Fellini nicht mit Bleistift oder Acryl sondern durchwegs mit Flitzstift. Zuerst sind es nur kleine Figuren, doch sobald er seine Filmkarriere begann, kann anhand der Filme und der Filmfotos im Raum vergleichen und stellt fest, der Regisseur hat die Skizze ausgeweitet zu einer Art visuellem Drehbuch. Vieles gleich sich zwischen Film und Zeichnung. Auch wurden immer wieder die Zeichnungen für die Plakate der Filme verwendet.

Auch kommen mit den Jahren ganze Dialoge auf die Skizze. Da sich Skizze und Film so gleichen, kann davon ausgegangen werden, dass Fellini bis ins letzte Detail alles plante und nichts dem Zufall überliess. Darum haben seine Filme auch eine eigene Handschrift.

Die Ausstellung „Federico Fellini – von der Zeichnung zum Film“  belegt wie der Regisseur in Bilder dachte. Sie ist allerdings nicht so gross wie es mit den 500 Gegenstände der Anschein machen könnte, da viele Zeichnungen Kleinformate sind. 

Weitere Informationen zur Ausstellung hier

Zürich – Kiss sagen goodbye und das Hallenstation brannte 

Mit immer wieder Feuer, Blitz und Donner verabschiedete sich die 1973 gegründete Band The Kiss mit einer Show, wie sie nur Amerikaner auf die Beine stellen können. Der Bombast mochte aber nicht alle Schwächen, die selbst einem ausverkauften Hallenstation auffielen, zu übertönen.

Es war der Abend der in Würde gealterten Herren des Stationrocks, der mit Marc Storace als Vorband anfing. Immer noch bei guter Stimme, aber erst beim Krokusklassiker „Woodoo woman“ kam bei ihm zum Schluss seines Sets Stimmung auf. 

Dann dauert es lange bis zwei Minuten vor 21 Uhr der Vorhang fiel und die Bühne in Flammen stand. Es krachte von der Decke, die Hölle öffnete ihre Tore und der Dämon Gene Simmons hypnotisierte mit seinem bösen Blick das fast ausverkaufte Hallenstation und die Leute stampften und klatschen von der ersten Minute an. Wie hat der ehemalige Grundschullehrer das mit den grössten Teil Männer mittleren Alters Typ Fernfahrer mit Bart gemacht?

Auf hohen Plateauschuhen und ebensolcher hohen Stimme sang sich Starchild Paul Stanley durch die Anfänge in New York als Glam Rock noch Trend war und die Grossbildschirme zeigten die fahle Haut ab dem geschminkten Kopf. 

Mit Feuerspucken, Sprüche klopfen, Raketenschüssen und einem „Wie geits“(Paul) überhörte das Publikum lange, wie eigentlich immer der gleiche Song mit wenigen Varianten gespielt wurde. Doch nach den vielen Gitarrensolos auch von Spaceman Tommy Thayer immer in einer extremen Lautstärke wurden einigen klar war fehlt, die Melodien. Etliche Fans gingen raus in den Gang was essen bis der Höhepunkt des Abends „Lick it up“ kam und leider danach wieder die gleiche Songstruktur, dass man sich schon fragt wie Kiss 100 Million Platten verkaufen konnte?

Gut, es gab ja noch den Partykracher “ I was made for loving you“, neben den vielen Hochs und Tiefs die Kiss im Laufe ihrer Laufbahn durchgemacht haben. Das Ausbleiben von Inspiration neben dem Alter sind wohl alles Gründe, warum sich die Band entschlossen hat, sich aufzulösen. 

„The end of the road“ so der Titel der Tournee, die sie in drei Wochen auch ans Paleo-festival nach Nyon führt, war dank den Showelementen, wie sie das Hallenstation schon lange nicht mehr gesehen hat, Bombast und ein würdiger Abschluss von Kiss. 

Film – Viel oder zuviel Vorschusslorbeeren für „Drii Winter“?

Im Film „Drii Winter“ von Regisseur Michael Koch, der am 1. September in die Kinos kommt, wird die Liebe von der Einheimischen Anna und dem ins Alpendorf Gezogene Marco von Anbeginn auf die Probe gestellt. Der deutsch-schweizerische Film wurde bei der Premiere an der Berlinale von der Kritik hochgelobt. Zurecht?

Eines sollte man als Zuschauer von „Drii Winter“ nicht erwarten, Action im herkömmlichen Sinn. 

Bereits der Beginn mit einem Findling und weiter unten eine Alpstrasse dauert und dauert bis der Nebel beides verhüllt hat. Sitzleder brauchen auch die folgenden 137 Minuten dieser „Romeo und Julia auf dem Dorfe“ Studie auf der Alp vom wortkargen Marco aus Willisau und der Kellerin und Pöstlerin Anna mit einem Kind aus einer früheren Beziehung. 

Die vielen langatmigen Szenen zeigen wie dieser zugezogene Fremde den Alltag als Bauer im abgelegenen Alpendorf meistert. Die vielen Laienschauspieler machen ihre Sache gut, man bekommt einen Einblick in ein Leben, das so wenig mit dem übrigen der Zivilisation in der Schweiz zu tun hat. 

Als Marco an der Hochzeit mit Anna hinter dem Restaurant, wo „What is love“ von Haddayway läuft, kotzen muss, wird dem Zuschauer klar, wieviel Leid dieser Bär von einem Mann in sich hineingefressen hat und das Unheil nimmt seinen Lauf.

Nach 40 Minuten wird Marco, gespielt vom unbekannten Simon Wisler, schwer verletzt und spätestens wenn der Chor mit seinem Gesang wieder auftritt, wird klar Regisseur und Drehbuchautor Michael Koch aus Luzern legt diesen Film wie eine griechische Tragödie an. 

Anna, gespielt von Michéle Brand und ihre Tochter haben fortan ihren Mann und Vater, der am Kopf bleibende Schäden hat fast für sich, den die Dorfgemeinde grenzt ihn aus. Wird das die Liebe überstehen?

Regisseur Michael Koch hat mit „Drii Winter“ einen Film gedreht, der sich total vom Mainstream abhebt. Er versucht durch die vielen langsamen Szenen zum einen dem Leben auf der Alp gerecht zu werden und zum anderen den Schauspielern Raum und Zeit zu geben, sich zu entfalten. Doch ist der heutige Zuschauer, der innerlich immer gestresst ist, noch gewillt soviel Langatmigkeit durchzustehen? Wenn ja, dann werden das eher Frauen als Männer sein.

 „Drii Winter“  ist eine Seelenstudie erster Güte von einem gefallenen Mann, den eine Frau mit ihrer Liebe auffängt.  Aber wie gesagt, es braucht Musse sich auf diesen Film einzulassen. 

„Drii Winter“ von Michael Koch kommt am 1.9.22 in die Kinos.