Ziegelbrücke – Wie Tessiner Baumeister in der Welt Architekturwerke schufen 

Der Deutschschweizer weiss nur das über das Tessin, was er als Tourist konsumiert. Dabei gibt es einen Aspekt in der Geschichte der italienischen Schweiz, der internationale Ausstrahlung hat. Der Altdorfer Omar Gisler gibt in seinem Buch „Terra d`Artisti Genial Gebaut“ Einblicke in die schöpferische Kraft von Baumeistern aus dem Tessin, die europäische Kunstgeschichte schrieben.

Omar Gisler, wie kommt ein Urner dazu, ein Buch über Tessiner Baumeister aus sechs Jahrhunderten zu schreiben?

Das ist eine lange Geschichte… Kurz zusammengefasst: Ich habe in Basel italienische Literatur und Geschichte studiert, anschliessend lange im Tessin gelebt und dort als Journalist und in der Tourismusbranche gearbeitet. Dazu kommt meine Leidenschaft fürs Reisen. Dabei stiess ich immer wieder auf Spuren der Tessiner Emigration – in Mailand, Rom, Venedig, Neapel, aber auch in Istanbul, Wien, Prag, Bergen-op-Zoom oder Kromeriz. Schritt für Schritt, im wahrsten Sinne des Wortes, eröffnete sich ein faszinierendes Universum, das noch kaum erforscht und auf der Alpennordseite weitestgehend unbekannt ist: die Terra d’artisti. So reifte nach und nach die Idee, dass dies der Stoff für ein Buch ist, das ein breites Publikum interessieren könnte.

Sie beschreiben in Ihrem Buch die Lebenswege und Werke von 20 Tessinern, die Kunstgeschichte schrieben: Welche Biografie hat Sie am meisten beeindruckt? Und warum?

Insgesamt sind über 4000 Tessiner aktenkundig, die im Laufe der Jahrhunderte im Ausland als Architekten, Ingenieure, Baumeister, Stuckateure oder Bildhauer tätig waren. Hinter jedem Namen verbirgt sich ein Schicksal, das uns oft unbekannt ist. Der Not gehorchend, suchten viele ihr Glück in weit entfernten, teils unwirtlichen Gegenden. Domenico Trezzini war einer von ihnen. Er folgte 1703 dem Lockruf von Zar Peter dem Grossen, um im sumpfigen Niemandsland an der Newa-Mündung eine neue Hauptstadt für das Zarenreich aus dem Boden zu stampfen. Kaum ein Architekt prägte St. Petersburg in der Gründerphase mehr als Trezzini, dem insgesamt 65 Bauwerke zugeschrieben werden, unter anderem die Festung, die Kathedrale, das Newski-Kloster und der Sommerpalast des Zaren. Wie er sich an das Umfeld anpasste, russisch lernte und sich für «seine» Arbeiter, oftmals Kriegsgefangene, einsetzte – das ist schon beeindruckend.

Ihr Buch ist ja auch ein Beweis, dass sich Talent immer durchsetzt. Trotzdem wie kam ein Antonio Solari 1490 überhaupt nach Russland an den Hof des Zaren und baute die Mauer und Türme des Kremls?

Iwan der Grosse hat in seiner 43 Jahre währenden Herrschaft das Einflussgebiet des Grossfürstentums Moskau vervierfacht und sich zum ersten „Zar aller Russen“ erhoben. Die Infrastruktur in seinem Reich hinkte der Entwicklung jedoch hinterher. Die Stadtmauern von Moskau bestanden aus einem Flickwerk aus Lehm und Eichenholzpalisaden, und beim Bau der Uspenski-Kathedrale wurde derart gepfuscht, dass das Gebäude 1474 in sich zusammenstürzte. Zwei Jahre zuvor hatte Iwan der Grosse Sofia Palaiologos geheiratet, die Nichte des letzten oströmischen Kaisers. Diese war in Italien aufgewachsen und mit der dortigen Baukunst vertraut. Also schickte Iwan Emissäre nach Italien, mit dem Ziel, Baumeister und Fachkräfte anzuheuern. Antonio Solari war am Bau des Mailänder Doms tätig, als die Gesandten des Zaren in aufsuchten. Über die Beweggründe, dem Lockruf des Zaren zu folgen, kann man nur spekulieren. Vielleicht war es Abenteuerlust oder einfach die Aussicht auf Ehre, Ruhm und Geld, die Solari bewogen, das Amt des „Architectus Generalis Moscovie“ anzutreten. Fakt ist, dass Solari in Moskau den Kreml nach dem Vorbild des Castello Sforzesco in Mailand befestigte. Eine Inschrift am Spasskij-Turm erinnert bis heute daran, wer für den Bau der Türme und Mauern plante: Pietro Antonio Solari aus Carona.

Baumeister sind Männer, die was bewegen können und Mut zur Phantasie haben, wie wir heute bei Mario Botta sehen. Doch bei all Ihren beschriebenen Baumeister fragt man sich schon, ist der Einfluss der Italiener (Michelangelo) auf diese Tessiner nicht offensichtlich, da es ja keine Deutschschweizer geschafft haben, sogar in Aegypten tätig zu sein?

Die Baumeister aus dem Gebiet der oberitalienischen Seen wurden bereits 643 im Kodex des Langobardenkönigs Rothari erwähnt. Als freie Leute durften sie von einer Baustelle zur nächsten ziehen. Ihr Know-how gaben sie während Generationen innerhalb ihrer Familien weiter. So entstanden eigentliche Clans. Anfangs waren diese vorwiegend in Italien tätig, was nicht weiter erstaunlich ist, als dort im Mittelalter die grössten Investitionen in repräsentative Bauten getätigt wurden, sei es vom Klerus, Adel oder dem aufstrebenden Bürgertum. Es ist denn auch kein Zufall, dass der Niedergang der sogenannten Magistri Comacini sich im 19. Jahrhundert akzentuierte, als überall in Europa Hochschulen und Universitäten entstanden, an denen Architektur- und Ingenieurswissenschaften vermittelt wurde. Anstelle von familiären Banden traten zunehmend akademische Seilschaften. Dass im Tessin Ende des 20. Jahrhunderts mit der Accademia dell’architettura eine Ausbildungsstätte für Architekten entstand, ist eine schöne Pointe der Geschichte. Hier wird getreu dem Motto „ohne Herkunft keine Zukunft“ das jahrhundertealte Erbe der Magistri Comacini in die Zukunft überführt.

Bauen ist einer Seite der Tätigkeit, die andere ist die Kommunikation mit den örtlichen Arbeitern und Behörden. Gab es da nie Probleme?

Es ist in der Tat erstaunlich, wie die aus einfachen Verhältnissen stammenden Baumeister Könige und Kaiser, Zaren und Sultane, Päpste und Kardinäle für ihre Pläne und Projekte zu begeistern mussten. Eine wichtige Rolle spielte dabei der Know-how-Transfer innerhalb der Familien. So sind beispielsweise Briefe überliefert, in denen die Ehemänner den im Tessin gebliebenen Frauen genaue Anweisungen gaben, wie sie ihre Kinder zu erziehen hätten. In der Fremde waren die Tessiner sehr anpassungsfähig. Domenico Trezzini, der die Gründung von St. Petersburg massgeblich prägte, kommunizierte auf Russisch. Antonio Adamini schlug sich dort 200 Jahre später am Hof mit Französisch durch. Im Habsburgerreich wiederum war die Kommunikation relativ einfach, avancierte doch Italienisch im Barock-Zeitalter zur Universalsprache, die das heterogene Reich zusammenhielt. Allerdings gab es oftmals Zwiste, die fremdenfeindlichen Charakter hatten. Die „wälschen“ Baumeister wurden von den Einheimischen oft als Konkurrenz betrachtet und entsprechend bekämpft, gerade von den Zünften oder den Dombauhütten.

Die Barockkirche in Solothurn und der Petersdom kennen alle, die anderen Werke der Baumeister sind weit weg oder vergessen. Wollten Sie mit Ihrem Buch auch die Tessiner Behörden auffordern mehr für die Erhaltung dieses Schweizer Erbes zu tun?

Das Erbe der Magistri Comacini im Tessin ist überschaubar. Denn ihre grössten Werke haben sie im Ausland errichtet. Gerade Gemeinden wie Bissone, Melide oder Morcote halten die Erinnerung an ihre berühmtesten Söhne in Ehren, sei es durch Denkmäler, Gedenktafeln oder Themenwege. Der Kanton Tessin wiederum hat das Werk „Terra d’artisti“ sehr grosszügig unterstützt, wofür ich sehr dankbar bin. Ziel des Buches ist es, die Pläne, Projekte und Bauten der Magistri Comacini aus dem Dunkeln der Geschichte herauszuholen und den Lebensweg dieser Baumeister nachzuzeichnen und einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Denn es handelt sich um den wohl grössten Beitrag der Schweiz zur europäischen Kunstgeschichte. Es wäre schön, wenn dies auch auf der Alpennordseite bekannter würde.

Das Buch “ Terra d`Artisti Genial Gebaut “ erschien im As Verlag 

Weitere Informationen zum Buch hier 

Bilder

1 Moskau, Spasskij-Turm, erbaut von Pietro Antonio Solari

2 Omar Gisler

3 Bucovice, Arkadenhof im Schloss mit Bacchus-Brunnen, erbaut von Pietro Maino Maderno

4 Wien, Leopoldinischer Trakt der Hofburg, erbaut von Filiberto Lucchese

5   Bissone, Geburtshaus von Francesco Borromini

 6 Neapel, Kirche Sant’Anna dei Lombardi, Grabmal von Domenico Fontana

7 Petersdom, Hauptfassade, erbaut von Carlo Maderno

Buch – Das Werk des Meisters der Street Art – Banksy

Die Welt wird wegen der Ueberbauung zur Stadt. Grau in Grau und ohne Seele. Dagegen kämpften die New Yorker Graffitikünstler bereits in den 70ier Jahren und seit zwei Jahrzehnten auch der aus Bristol 

stammende Engländer Bansky. Mit seinen Schablonengraffiti ist er ein internationales Phänomen, das niemand gesehen hat. Seine Graffiti tauchen immer nur kurz auf, bevor sie wieder übermalt werden.

„Planet Banksy“ ist ein schmaler Band mit vielen seiner Wandbilder. Es geht der Frage nach, wie er auf andere Street Art Künstler Einfluss hat und was er für die Szene bedeutet. Allerdings ist das Buch wie die Schweizer Ausstellungen in Montreux und Basel von Banksy nicht autorisiert. 

Da der Aktivist mit Farbe bisher in der Schweiz nicht aktiv war, ist das Buch geschrieben von Ket, eine gute Zusammenfassung der Bilder, die sowieso im Internet verfügbar sind. Der Frage, ob Banksy nicht einfach kulturelle Aneignung der von Schwarzen erfundenen Graffitis macht, geht das Buch nicht nach sondern zeigt wie andere Künstler genau das Gleiche machen, aber halt mit weniger Erfolg, weil sie keine Social Media Stars wurden.

Planet Bansky erschien im Midas Verlag.


Weitere Informationen hier 

Bern – Die Ergebnisse der Aufarbeitung des Erbes Gurlitt 


Schwarz auf grünem Untergrund, genauso nüchtern wie das Plakat zu „Gurlitt. Eine Bilanz“ kommt die dritte Ausstellung zum Erbe von Cornelius Gurlitt im Kunsthaus Bern bis zum 15. Januar rüber. Diesmal wird der Fokus auf die Forschung und dem Umgang mit den Ergebnissen gelegt und zeigt wie die sogenannte Provenienzforschung arbeitet. Doch einen Unterhaltungswert hat Forschung selten und damit auch diese Ausstellung nicht.

Eines gleich vorweg. „Gurlitt. Eine Bilanz“, für diese Ausstellung braucht für den Besucher Zeit und es ist keine bei der man sich an vielen Bildern vergnügt, den im Mittelpunkt steht das Wort. Der Ausstellungsparcous mit 13 Etappen belegt welche Fragen und Ergebnisse die schweizweit erste Abteilung für Provenienzforschung seit 2017 erarbeitet hat. 

Grundsätzlich sind Kunstwerke materielle Zeugen, die ihre Einzigartigkeit beziehen aus dem Umstand aus dem sie gemacht wurden. Doch es gibt auch einen Kunstmarkt. Die Spurensuche der Forschung belegt, dass Hildebrand Gurlitt (1895-1956) also der Vater von Cornelius, bei der Anlegung seiner Sammlung seine Verantwortung juristisch wie moralisch nicht wahrgenommen hat sondern zugunsten der Nazis gekauft und von jüdischen Sammlern entwendet hat. Dabei hat er nicht nur Sammlungen zerrissen sondern Bilder im Ausland gegen Devisen verkauft. 

Die grosse Herausforderung der Forschung war nun die Herkunft der Bilder zu erkunden, den viele wurden manipuliert. Wie der Arbeitsprozess an diesen veränderten Bildern vor sich geht, zeigt die Ausstellung, doch manchmal bliebt auch das Fragezeichen bestehen, ist es nun Raubkunst oder nicht. Auch macht ein Gesetz, das der Führer erlassen hat und noch heute in Deutschland gilt, wonach sachgemässe erworbene Kunst von Juden nicht zurückgeben werden muss, die Sache noch schwieriger. 

Krieg verändert die Biografie eines Menschen. So auch die von Gurlitt. Es wäre falsch ihn nur als Kunstsammler für die Nazis zu sehen. Denn er hat viele moderne Gemälde erworben und so von der Zerstörung gerettet, weshalb sein Ruf als Sammler rehabilitiert ist, auch wenn er nach dem Krieg vor den Amerikaner gelogen hat, er sei kein Kunsthändler ab 1941 für Nazis gewesen und habe die nicht getroffen.

Die Ausstellung „Gurlitt. Eine Bilanz“  ist nicht nur ein Einblick in die Arbeit hinter verschlossenen Türen der Provenienzforschung sondern auch wie Kunstpolitik, der Kunstmarkt funktionierte während der Nazis und danach. 

Die Ausstellung schreit fast durch den ganzen Raum des Kunstmuseums Bern, dass das Museum dank Staatsgeldern, privater Unterstützung und dem Verkauf einzelner Werke aus dem Nachlass Gurlitt bis jetzt alles richtig gemacht hat und so andere Schweizer Museen animiert hat, auch ihre Bestände nach Raubkunst zu durchforschen. Noch bleibt die Frage, was mit der Fluchtkunst geschieht? Das sind Werke, die die Juden bei der Flucht in die Schweiz mitgebracht haben und dann von hieraus an die USA oder anderswo verkauft haben. So oder so, die Diskussion um Nazikunst muss weiter gehen.

Weitere Informationen zur Ausstellung hier 

Bilderlegenden: 

1 Max Beckmann Zandvoordt Strandcafé, 1934 Aquarell mit Gouache über Spuren einer Vorzeichnung mit Kohle auf Papier 49,9 x 65 cm Kunstmuseum Bern, Legat Cornelius Gurlitt

2 Chargesheimer Hildebrand Gurlitt, ohne Datum [1955] Fotografie © Koblenz, Bundesarchiv Nachlass Cornelius Gurlitt

3 Wassily Kandinsky Schweres Schweben, 1924 Schwarze und farbige Tusche [Ausziehtusche] und Aquarell auf Karton 48,5 x 33,6 cm Kunstmuseum Bern, Legat Cornelius Gurlitt 2014

4  George Grosz o. T. [Strassenszene], ohne Datum Feder in Schwarz [Tusche], über Aquarell, auf Papier [vergé] 47,9 x 56,6 cm Kunstmuseum Bern, Legat Cornelius Gurlitt 2014

5 Paul Cézanne La Montagne Sainte-Victoire, 1897 Öl auf textilem Träger, doubliert 73 x 91,5 cm Kunstmuseum Bern, Legat Cornelius Gurlitt 2014

Zürich – Susanne Kunz über ihre Rolle in „Oh, läck du mir ! “ und Musicalkritik

Am 22. September beginnt im Theater 11 in Zürich-Oerlikon das Musical „Oh läck du mir“, das die Brüder Alex, Vik und Guido alias Trio Eugster mit 25 Ohrwürmern aus den 70ier/80ier Jahren in einer Geschichte feiert. Mit von der Partie im 30-köpfigen Ensemble ist neben Viola Tami auch Susanne Kunz. Sie nahm sich zwischen den langen Proben Zeit für ein Interview per Mail.

Welche Beziehung hatten Sie als Bielerin zum Trio Eugster und was hat Sie an Ihrer Rolle fasziniert?

Das Trio Eugster hat natürlich auch meine Kindheit geprägt, man hörte sie am Radio beim Autofahren und sah sie in grossen Samstagabendkisten am Fernsehen. Man kam nicht drum herum, diese eingängigen Songs zu kennen. Die unbekannteren, teils wunderschön anrührenden Lieder hört man bei uns im Musical «Oh läck du mir» aber eben auch und erhält einen Einblick in das gesamte Werk der Eugsters.

“0h läck du mir” waren Hits wie heute “Layla” für das Volk. Hatten Sie nie Angst, dass es ein zu seichtes Musical wird?

Ich muss mir keine Sorgen darüber machen, ob das Musical seicht wird, ich hab die Geschichte ja nicht geschrieben. Aber: Warum muss man Theater oder Musical «fürs Volk» immer gleich als seicht verurteilen? Nur weil es Menschen direkt im Herzen berührt und nicht erst unbedingt über den Intellekt geht?

Ich kann nur sagen: Alle bei dieser Produktion sind Vollprofis und wir arbeiten mit Hochdruck daran, dass es eine tolle Show wird. Es ist eine grosse Kiste und ich freue mich sehr darauf.

Anstatt bei den heissen Temperaturen in der Badi zu schwimmen, hatten Sie Proben durch den Sommer. Wie gingen Sie an Ihre Rolle ran und wo gab es Schwierigkeiten?

Ich habe seit einiger Zeit mit einer Gesangslehrerin gearbeitet, um meine Stimme zu trainieren und meine Songs vorzubereiten. Ich habe meine Figur Trudi sehr lieb gewonnen: Sie ist eine starke Frau, die unehelich ein Kind gross zieht und nebenher eine Beiz führt. Die Herausforderung ist es, den Zeitsprung in die 60-er zu machen, in denen das Musical spielt und die Haltungen und Aussagen der Figuren auch in dieser Zeit zu verorten.

Erhoffen Sie sich mit Ihrer ersten Hauptrolle den grossen Durchbruch und ist es der endgültige Abschied als Moderatorin?

Was hiesst denn der grosse Durchbruch? Ich spiele meine erste und hoffentlich nicht letzte Hauptrolle in einem Musical und diese Arbeit macht mich sehr glücklich und ich kann sehr viel lernen. Ich denke nicht darüber nach, was das nun für meine Karriere bedeutet. Dafür ist momentan keine Zeit. Wir proben an 6 Tage die Woche, freuen uns auf die Premiere am 24. September und auf viele ZuschauerInnen, denen wir ein paar Stunden Freude bereiten können.

Die Kritik über das Musical 

Alex, Vic und Guido, das waren ab 1967 die „Guy Dübendorf“ und später Trio Eugster, die mit Schlager und Wortwitz dem kleinen Mann auf der Strasse auf die Finger schauten und ihn unterhielten. Sie feierten wie das Musical „Die Zürischnure“ als einzige Boyband der Schweiz, etwas was später nur Bligg schaffte. So ist der Zürcherdialekt für alle Schauspieler ein Muss, auch für die Bielerin Susanne Kunz, was ihr nur teilweise gelingt. Dies ist aber auch der einzige Kritikpunkt an der soliden Darstellung der Hauptrolle, für die es einen Extraapplaus gab im Gegensatz zu Viola Tamy.  Die wirkte zu Beginn  unsicher und auch später kam sie als Immoblienhai nie an vergangene Rollen heran. 

Viola Tamy hat wie alle weiblichen Rollen das Probleme, dass sie als Figur keine Entwicklung durchmacht. Immer hacken die dominanten Frauen auf den blöden Männer rum. Das ist wie ein Schwank im Bernhard Theater nun im Theater 11 auf grosser Bühne.

Charles Lewinsky, als „Fasch a Familie“ Autor und später Schriftsteller bekannt, verwob gekonnt die Hits des Trios und etwas Handlung, die eigentlich als Kritik am Haifischkapitalismus und der Immobilienbranche durchgeht.

„Oh lack du mir“ ist ein Abend zum Lachen, Klatschen mit der Neuinterpretation der Hits. Alle 5-10 Minuten wechselt in der rasanten Handlung die Kulisse, das kann nerven. 

Ob das Musical allerdings ein Erfolg wird wie „Ewigi Liebi“ muss sich angesichts der Tatsache, dass nur Ue50 plus im Publikum sassen, noch zeigen. 

Weitere Informationen zum Musical hier 

Zürich – Niki de Saint Phalle oder wie Männer ihre Kunst und Leben im Guten wie Schlechten bestimmten


Niki de Saint Phalle war ein Star, der auch 21 Jahre nach ihrem Tod dank der Vermarktung der „Nanas“ bis heute leuchtet. Als Abschiedsausstellung des Direktors des Kunsthauses Zürich Christoph Becker beleuchtet die 100 Werke umfassende Ausstellung bis 8.1.23 die Anfangsjahre und den Aspekt, warum das Leben in der Schweiz und die Beziehung zum Freiburger Jean Tinquely wichtig waren.

Als Freiburger und quasi Nachbar des lebendigsten Künstlerpaares des Kantons in den 70ier/80ier Jahren gab es jeweils die spöttische Frage, die fragte, ob der Kraftmensch und Raser Tinquely wieder eine Buse bekommen oder das Auto zu Schrott gefahren hätte oder die Niki, die ganze Nacht auf ihre „Schiessbilder“ geschossen hätte? 

Das war Tratsch und dem geht Kurator Christoph Becker nicht nach, sondern versucht in seiner Retrospektive dem Schaffen Nikis frühen Assemblagen, Aktionskunst, Grafik, Nanas, Tatortgarten und späten Plastiken mit 100 Werken unter einen Hut zu bringen. Das ist zusammen mit den vielen Zitaten an den Wänden recht viel und eng. 

Bevor Niki de Saint Phalle, geboren am 29. Oktober 1930 im noblen Pariser Vorort Neuilly sur Seine als Tochter einer reichen Familie in der Schweiz Heimat findet, verliert ihr Vater in der Weltwirtschaftskrise sein Vermögen und den Anstand. Er vergeht sich an seiner Tochter und auch die Mutter ist für Niki ein Dorn im Auge. 

Wenn wir heute die Nanas im Espace Tinquely in Freiburg oder den Engel im HB Zürich anschauen, würden wir beim ersten Blick nie darauf kommen, dass Niki eigentlich eine Künstlerin ist, die so verletzt war und zeitlebens als Trost auf den Schmerz die Oeffentlichkeit und deren Zuneigung suchte.

Dies ist ihr als Plastikerin, sie machte eine Lehre als Schweisserin bei Tinquely, besser gelungen als Malerin zu Beginn der Karriere. Wäre sie bei den kleinen Objekten und Collagen geblieben, wäre sie heute vergessen, aber Tinquely hat stets viel für seine Liebe getan und sie zum internationalen Star aufgebaut, indem er ihr viele Ausstellungen verschaffen hat und die Plastiken in Parks geschickt hingestellt hat und mithalf den Tarotgarten in der Toscana einem breiten Publikum zugänglich zu machen.

Auch war es unteranderem Tinquely, der sie ermutigte quasi den Sprung von den kleinen Formaten zum grösseren Objekten zu wagen. Hier kam ihr das Gespür für die Statik zu gute. Was sie aber nie hatte, ist der Sinn für das Kunstgeschäft und Geld. Bis zu ihrem Tod 2002 war sie trotz internationalem Ruhm nie reich geworden und verschenkte viele Werke an Museen statt sie zu Millionenbeträgen auf dem Kunstmarkt zu versteigern. 

Geld hat sie mit der Marke Saint Phalle, den Konsumgütern und den Nanas im Kleinformat verdient. 

Die Ausstellung zeigt, dass das Hauptthema ihres Schaffens ihre Körperlichkeit und der Wunsch nie zu werden wie ihre Mutter ist. Neu im damaligen Kunstbetrieb war die Haltung des ehemaligen Models als Künstlerin, die Kontrolle auf ein Werk abzugeben mit den „Schiessbildern“, wo Fremde auf ein Werk schossen oder Nanas mit offener Scheide, die der Zuschauer begehen muss. 

Niki war eine elegante Person bis zum Schluss, wenn man sie in den Strassencafes Freiburgs traf. Sie war aber auch eine, die vielleicht ohne die Beziehung zu Tinquely nach ihrem Aufenthalt in der psychiatrischen Klinik nie zeitweise von ihren Depressionen aus dem sexuellen Uebergriff ihres Vaters rausgekommen wäre und doch so lebensfrohe, poppige Werke geschaffen hat, die einem bis heute ein Lachen auf die Lippen zaubern. Doch die Ausstellung zeigt auch ihre Auseinandersetzung mit dem Tod, dem Hinterfragen von Institutionen und Rollenbilder.

Da viele Informationen auf engem Raum vorgetragen werden, empfiehlt es sich für den Zuschauer eher die Randstunden des Kunsthauses mit Platz zum Staunen zu besuchen.




Weitere Informationen zur Ausstellung hier