Bern – Das vielfältige Leben der Meret Oppenheim in Bern und Solothurn

Die bedeutendste Schweizer Künstlerin des 20. Jahrhundert wird diesen Herbst mit Schlüsselwerken aus fünf Jahrzehnten in Bern und mit Arbeiten auf Papier in Solothurn geehrt.  Die Retrospektive Meret Oppenheim. Mon exposition belegt, dass die Künstlerin mehr war als nur eine Vertreterin des Surrealismus. 

Ein Jahr vor ihrem Tod 1985 gab es in Bern bereits eine Ausstellung von Meret Oppenheim unter dem Titel „M.O. mon exposition“ und heute erinnert der Brunnen unweit des Kunstmuseums jeden Tag an die grosse Ausstrahlungskraft der Wahlbernerin und geborenen Berlinerin. Die 200 Werke in der jetzigen Retrospektive in Zusammenarbeit mit der Menil Collection Huston und Museum Modern Art New York sind chronologisch auf zwei Etagen ausgestellt und bereits im Alter von 17 Jahren war für die Tochter eines Arztes klar, ich werde nicht, ich bin Künstlerin. Die Ausstellung startet in den 30ier Jahren, wo Meret mit bescheidenen Mitteln auf Kleinformaten anfing, ihre weibliche und männliche Sicht auf die Welt, das Androgyne war ihr ganzes Leben wichtig, dazustellen, mit einer Mutter, die ihrem Kind, den Kopf wegdreht. Merets Kommentar zum Bild: „Ich will keine Kinder, ich bin auch so Frau.“.

Anders als bei Künstler fragt man bei weiblichen Malerinnen immer nach ihren Beziehungen zu Männern und welchen Einfluss sie im Werk hinterlassen haben. Meret hatte zahlreiche Beziehungen zu Männern, doch wie bei der ersten zu Max Ernst, musste sie sich davon immer nach kurzer Zeit lösen, um frei zu sein für die Inspiration und Entfaltung. Die fünf Jahrzehnte mit Werken aus Papier, Objekten, Skulpturen und Gemälden zeigen ein radikales offenes Kunstkonzept und ihre Verbundenheit mit den Schaffensorten Paris, Basel, Bern aber auch das Aufsaugen der jeweiligen Kunsttrends wie Pop Art, Nouveau Realisme und monochromer Malerei. 

Filz als Material war ihr Lieblingsmaterial und mit dem Aufkommen des Fernsehens, der tägliche Blick ins Weltgeschehen. So war die Mondlandung 1969 ein Ereignis, dass sie intensiv am Bildschirm verfolgte und auf  Leinwand verarbeitete. Ihre Werke haben stets einen Witz und obwohl die Kriegsjahre, in denen sie in Basel lebte, besonders schlimm waren, weil sie nicht gross ausstellen konnte, machte sie das Beste daraus, besuchte Kurse und war nachher stark verbunden mit der Basler Fasnacht. Sie gestaltete Larven und zog damit durch die Gassen. 

Meret Oppenheim kämpfte stets für einen Raum für Künstlerinnen. Die Geschlechterfrage spielt eine ebenso grosse Rolle in ihren Werk wie die Materialästhetik bis zu ihrem Tod. Gerne gestaltete sie als Besitzerin einer Brockenstube in Bern Altes, Gefundenes in ihre Malerei und sowohl die Ausstellung Bern wie Solothurn zeigen, was fernab der Schublade Surrealismus noch vieles mögliche gewesen ist, von dieser Künstlerin mit einer eigenständigen, kraftvollen Stimme. 


Weitere Informationen zur Ausstellung Bern bis 13.2.22 hier 


Weitere Informationen zur Ausstellung in Solothurn bis 27.2.22 hier 

Bildlegenden:

1

Meret Oppenheim Eine entfernte Verwandte, 1966 Plastische Masse (Rugosit) in bronziertem Eisenrahmen 27 x 33 x 16 cm Sammlung Klewan Foto: Peter Frese © 2021, ProLitteris, Zurich

2

 Margrit Baumann Meret Oppenheim in ihrem Atelier, 1982 Fotografie, Barytabzug, selengetont 18,4 x 27,7 cm Kunstmuseum Bern, Bernische Stiftung für Foto, Film und Video © Margrit Baumann

3

Meret Oppenheim Husch-husch, der schönste Vokal entleert sich, M.E. par M.O., 1934 Öl auf Leinwand 45,5 x 65 cm Sammlung Bürgi, Bern Foto: Roland Aellig, Bern © 2021, ProLitteris, Zurich

4

Meret Oppenheim Pelzhandschuhe, 1936/1984 Pelz, Holz und Nagellack 5 x 21 x 10 cm Ursula Hauser Collection, Schweiz Foto: Stefan Altenburger Photography Zürich © 2021, ProLitteris, Zurich

5

Meret Oppenheim Roter Kopf, blauer Körper, 1936 Öl auf Leinwand 80,2 x 80,3 cm The Museum of Modern Art, New York, Meret Oppenheim Bequest Foto: Jonathan Muzikar © 2021, ProLitteris, Zurich

Zürich – Fest im Sattel, die Mountainbike-Abenteuer des Gerhard Czerner

Also ein bisschen Verrücktheit gehört dazu, wenn der Deutsche Gerhard Czerner mit dem Mountainbike auf den Kilimandscharo in Tansania fährt oder vom hohen Atlas runter und das schon seit zwanzig Jahren. Das gibt eine Menge zu erzählen ab dem 14. November beim Explora-Diavortrag durch acht Schweizer Städte unter dem Titel „Sattelfest – Mountainbike Abenteuer“.

Gerhard Czerner, hier in der blauen Weste. Ab dem 14.11. heisst es für Sie als Deutscher, der in Oesterreich wohnt, unter dem Titel “Stattelfest” absteigen vom Mountainbike auf die Bühne der Exploratournee. Was kann der Zuschauer erwarten? 

Ich nehme die Zuschauer mit auf einige außergewöhnliche Mountainbikereisen rund um den Globus. Dabei geht es oft hoch hinaus, bis auf die höchsten Gipfel, zu fremden Kulturen und eindrucksvollen Landschaften. Ich nehme sie mit zum „Platz der Gehängten“ und in den Hohen Atlas in Marokko. Mt. Kenia und Kilimandscharo sind die beiden höchsten Erhebungen in Afrika, welche ich in einer großartigen Reise mit Danny MacAskill und Hans Rey befahren durfte, die aber beinahe einen tragischen Ausgang genommen hätte. In einer der trockensten Gegenden der Erde geht es zu einem heiligen, fast 7000m hohen Vulkan. Im Norden Pakistans erleben sie mit mir die majestätische Bergwelt des Karakorums, und erfahren unter anderem, warum Pakistaner manchmal die Socken über die Schuhe anziehen. Durch meine Zusammenarbeit mit renommierten Fotografen und Filmern, kann ich diese Erlebnisse mit einmaligen Bildern präsentieren.

Ihr Liebe zum Mountainbike ist gross. Ist das eine späte Rebellion, weil Sie als Kind mit den Eltern sonntags wandern mussten oder der Wunsch auf dem Kilimandscharo zu sagen, hier spüre ich das Leben nicht im Kaufhaus? 

Ich würde im Bezug auf mein Mountainbike, oder den Sport, nicht von Liebe, sondern von Begeisterung sprechen. Und tatsächlich kann ich mich auch für das Wandern begeistern. Das ist auch gut so, denn oft trage ich mein Rad auf dem Rücken, manchmal sogar länger als ich darauf sitze. Der Aufstieg auf einen hohen Berg dauert oft Tage, die Abfahrt ist in wenigen Stunden vorbei. Bis zum Gipfel bin ich daher oft Wanderer mit Rad im Gepäck. Oben erst werde ich dann zum Biker. Das Fahrrad hat mir schon als Kind die Möglichkeiten gegeben, meinen Erlebnisradius zu vergrößern. Ich habe Gegenden und Ecken meiner Umgebung entdeckt, welche ich zu Fuß nicht erreicht hätte. Das ist ein Teil, welcher bis heute geblieben ist: die Möglichkeit mit dem Rad Regionen zu entdecken, Erfahrungen zu sammeln. Lediglich der Radius hat sich etwas vergrößert: von den Wäldern, Dörfern in der Nachbarschaft hin zu verschiedenen Ländern und Kontinenten. Und nein, die Dinge, die ich sammle, gibt es nicht im Kaufhaus: Momente, Erlebnisse, Eindrücke.

Neben einem Gen für männliche Action, müssen Sie auch den Kopf einschalten und sich vorbereiten für die Berge in Pakistan oder Chile. Was und wie lange dauern die Vorbereitungen?

Es gibt ein „Gen für männliche Action“? Spannend! Wenn es dieses gibt, dann glaube ich, ist dieses bei mir nicht so stark ausgeprägt, wie es wohl den Anschein erweckt. Ich fahre ja nicht für ein bisschen „Action“ quer durch die Atacama Wüste in Chile. Das kann ich im Bikepark daheim haben. Aber das ist ein anderes Thema. Zur Frage:  Die Vorbereitungszeit ist der umfangsreichste, die Reise an sich, der kleineste Teil. Manchmal vergehen Jahre von der ersten Idee, bis zur Durchführung. Ich verbringe viel Zeit mit Recherche der Möglichkeiten vor Ort. Gibt es fahrbares Gelände? Darf ich dort überhaupt mit dem Rad unterwegs sein? Reisezeit, Ausrüstung, Dauer, Reisebegleitung, Fotograf, Filmer, Sponsoren, Logistik, Permits, physische Vorbereitung….die Liste ist lang. Da ich oft in größeren Höhen unterwegs bin, spielt die Akklimatisation eine wichtige Rolle. Wenn diese vor Ort nicht möglich ist, dann muss ich mich schon zuhause vorakklimatisieren, um den Körper an den geringeren Sauerstoffgehalt in der Höhe zu gewöhnen. Manchmal schlafe ich dafür schon wochenlang in meiner Wohnung in einem speziellen Zelt, in welches sauerstoffentsättigte Luft geblasen wird, um die Höhe zu simulieren.

Nachdem Rausch vom Berg runter, kommt die Begegnung mit anderen Zivilisationen und politischen Situationen. Gab es da Momente, die Ihnen in Erinnerung geblieben sind?

Die Begegnungen mit den Begebenheiten vor Ort passieren das erste Mal bereits bevor wir den Berg, oder die gewünschte Region überhaupt erreicht haben. Manchmal habe ich sogar das Gefühl, die An- und Abreise ist der gefährlichste Teil der Tour. Und man erlebt jede Menge skurrile Dinge dabei! Eine Anekdote aus Pakistan: Am Ende unserer Radrunde im Karakorum wurden wir von einem Jeep in Askole abgeholt. Auf der Fahrt durch die Bergwelt haben die Bremsen versagt. Für den Fahrer jedoch kein Grund zur Sorge. Nur mit Motorbremse und lautem Hupen haben wir ein kleines Restaurant erreicht. Während wir gegessen haben, hat unser Fahrer den Verlust der Bremsflüssigkeit wieder ausgeglichen. Zu unserem Erstaunen aber nicht mit der dafür vorgesehen speziellen Flüssigkeit, sondern mit Milch! Die Bremsen haben tatsächlich wieder funktioniert, leider ist uns aber wenige Kilometer weiter der Diesel ausgegangen. Doch auch das konnte uns nicht lange aufhalten. Der nächste, vorbeifahrende Wagen wurde aufgehalten, mit einem Schlauch Diesel aus dem Tank gezapft, ein Händedruck ausgetauscht und weiter ging es.

Auf dem Berg über die Steine zählt Ihr Können und das Rad. Doch ich denke, Sie reisen im Team, die die Fotos machen und Sie bei Pannen und Sorgen unterstützen oder?

Selbstverständlich sind alle Reisen von den ich erzähle, Teamleistungen. Ich bin kein Alleinreisender. Dabei stellt sich so eine Reisegruppe unterschiedlich zusammen: Meist ist ein zweiter Biker dabei, manchmal auch mehrere, und ein Fotograf. Je nach Tour sind noch Filmer, Tontechniker oder auch ein weiterer Fotograf dabei. Es gibt Regionen, da sind wir im Team auf uns gestellt, wie zum Beispiel am dritthöchsten Vulkan der Erde, dem Lllullaillaco in Chile, oder in Marokko. Bei anderen Zielen werden wir von einem Guide und einer Begleitmannschaft unterstützt. Das ist oft auch gar nicht ohne diese möglich. Am Kilimandscharo zum Beispiel, darf man ohne einheimischen Guide und Träger gar nicht zum Gipfel starten. Auch in Pakistan, auf unserem Weg zum K2, hätten wir ohne die Zusammenarbeit mit einer Agentur wohl kein Permit erhalten.

Der Exploravortrag zeigt Sie als mutiger Held. Was haben Sie nach zwanzig Jahren auf dem Mountainbike für sich gelernt und wie leben Sie fernab der Berge?

 Ich sehe mich weder als Helden noch als sonderlich mutig an. Denn was ich neben vielen Dingen auch gelernt habe auf meinen Reisen ist: Demut. Beim Anblick der endlosen Weite in der Atacama Wüste oder den mächtigen Berggestalten im Karakorum kann man sich nur winzig vorkommen. Welche Schönheit die Natur auf so unterschiedliche Art und Weise hervorgebracht hat, begeistert mich immer wieder. Auch ist mir klar geworden, wie wenig wir von der Welt wissen, oder gar verstehen, auf der wir leben. Es gibt wesentlich mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als wir uns vorstellen können. Die Erfahrung, dass die meisten unserer Selbstverständlichkeiten wie fließendes Wasser, ein Dach über dem Kopf, soziale Absicherung, unsere Reisemöglichkeiten und vieles mehr eben nicht selbstverständlich, sondern ein großartiges Privileg sind, finde ich auch wertvoll für mein Leben daheim. Was ich auch immer wieder feststellen durfte: wir können viel mehr, als wir uns selbst zutrauen. Daher fürchten wir uns oft vor Situationen, die wir nicht kennen. Wenn wir aber erstmal drinstecken, dann sind sie oft halb so schlimm. Ein Beispiel hierzu aus meinen Erzählungen: Auf unserer Tour in Pakistan waren wir am Tag über den Gondogoro La 22 Stunden am Stück unterwegs! Ehrlich, wenn uns das vorher jemand erzählt hätte, dann hätten wir das höchstwahrscheinlich für unmöglich gehalten und wären gar nicht erst aufgebrochen – und hätten viel verpasst.

Weitere Informationen und Karten für den Exploravortrag   hier

Zürich – Pegasus ohne Stecker im Hallenstation



Im Hallenstation gehen wieder die Lichter an und die Bieler Band Pegasus musste beweisen, dass ihr Nr.1 unplugged Album auch in der grössten Halle des Landes funktioniert.

Nach 18 Monaten Pause schienen am 1.Oktober um 20.15 Uhr wieder die Lichter auf die Bühne diesmal in der Mitte des Hallenstation, wo Noah Veraguth als Kind und jeunes homme auf alten Videos in der Bielerstrasse spielte und Minuten später mit Gabriel Spahi, Stefan Brohner und Simon Spahr das zwanzigste Bandjubiläum einläutete. Doch sie waren nicht alleine. Zehn mehrheitlich aus der Klassik kommende Musiker griffen in den nächsten 75 Minuten den Poprocker unter die Arme, damit die Hits in einem anderen Gewand daherkamen als gewohnt.

Beibehalten haben die Bieler die Dauer. 3 Minuten Poprock ohne Verlängerung ergeben am Schluss nach allen Hits und einem Gastauftritt von Stress halt nur knappe 80 Minuten Spieldauer, zu wenig fanden einige Zuschauer. Auch war der Beginn etwas gar harzig, bis Noah Veraguth vom Stuhl aufstand und mit dem Publikum in breitem Berndeutsch sprach und Anekdoten aus dem Bandleben erzählte.
Zu den Höhepunkten des Abends gehörte das Medley der Anfänge in den Bielerbeizen mitten im Publikum, der Song „streets of my hometown“ als Hymne an Biel und die Neuinterpretationen der Hits.
Zu den negativen Aspekten des Abends gehörte die Bühne in der Mitte des Saals, die für die Plätze zum Eingang hin nur die Hinterseite des Musiker zeigte und die zu dunkle Lichtshow über weite Strecken des Sets. 
Trotz allem, Pegasus haben, was sie bereits auf dem letzten Album einleiteten mit dem unplugged Abend weitergeführt, weg von den massentauglichen Radiohits hin zum ausgefeilten Songwriting. Das Publikum bedankte den ersten Abends nach der Pause im Hallenstation mit standing ovation für Pegasus.

Basel – Wie hat Corona die Art Basel verändert?

Nach zweijähriger Pause ist Schluss mit online Bilderschauen, an der Art Basel kann der Zuschauer wieder in der Kunst baden bis die Sinne schwinden.Wie hat sich die Qualität der Werke während Corona verändert?

Zuerst ins Zertifikatszelt ein Bändli holen,dann lange anstehen,der Einlass dauert, aber das Publikum strömt trotz Maskenpflicht zur Messe.Was bei den nicht mehr sovielen aber immerhin 272 Ausstellern besonders aus Italien,aber auch aus Uebersee auffällt,ist die Tatsache,dass Corona Spuren in ihrer Art zu verkaufen und bei den Werke hinterlassen hat.

Es hat mehr kleine Werke,die viel weniger grelle Farben verwenden,sogar Zeichnungen sind da. Die Bilder enthalten feinere Pinselstriche als auch schon.Das Grossspurige,der Groessenwahn scheint vorüber,die Sexualität ist nicht sadistisch dargestellt. Vielmehr scheinen die Künstler über die letzten 15 Monate mehr Innerlichkeit abzubilden wollen. Das Suchen,fragen ist abstrakt.

Die Töne sind dezent,es hat sehr wenige Skulturen und nichts ist überdimensional. Was aber fehlt ist die Darstellung der Angst der letzten Zeit.Und obwohl die Gallerien wieder wie früher verkaufen,den Kunden aber im Gegensatz zu früher auch vermehrt online beraten und betreuen, wird wohl dieser Jahrgang der Kunst nichts Grosses hervorbringen.Dazu fehlt der Bisse und das Neue.

Die Nase vorn in der Art Basel hat dieses Jahr die Halle Unlimited Edition.2500 Brote duften am Eingang vom Brothaus des Zürchers Urs Fischer. Weitere geheime Räume gibts in der Halle und endlich zeigt sich die Spielfreude und die Farben in den grossflächigen Instalationen. 

Der Zuschauer hat hier mehr Raum sich auf das Werk einzulassen.  So oder so, die Art Basel spendet fürs Volk wieder Trotz und wird wohl noch lange überleben, auch wenn der Gang der Gallerien ins Netz weitergeht.

Weitere Informationen zur Art Basel hier

Bern – Valsecchi & Nater über ihr neues Bühnenprogramm und Männerfreundschaft

Das Musikkabarettistenduo Valsecchi & Nater ist schon zehn Jahren auf den Kleinbühnen des Landes unterwegs, doch es scheint, als würde erst der Neustart nach der Zwangspause mit dem neuen Programm „Rosenhochzeit“ und andere Vorkommnisse ihnen den Grosserfolg bringen.

Nach einer Zwangspause hatte vor wenigen Tagen Euer neues Programm “Rosenhochzeit” in Bern Premiere, nun gehts auf Schweizertournee. Was kann der Zuschauer Neues erwarten?Wir spielen unsere besten Mundart-Kabarettlieder. Wir haben nochmals an ihnen gefeilt und sind so scharf, präzis und musikalisch wie noch nie. Dazu erzählen wir aus zehn Jahren Bühnentätigkeit auf Schweizer Kleinbühnen landauf, landab. Es ist ein sehr abwechslungsreiches und emotionales Programm geworden. Das Publikum an der Premiere hatte grossen Spass!

Ihr wurdet mit dem Pro Argovia Artists 2022 der Aargauer Kulturstiftung ausgezeichnet, spielt man da plötzlich in einer anderen Liga oder wird im Kulturkuchen anderes gesehen?Wir freuen uns sehr über diese Anerkennung! Tatsächlich spielen Auszeichnungen eine grosse Rolle. Sie werden durchaus wahrgenommen in der Szene. Natürlich spielt es aber eine ebenso grosse Rolle, dass wir uns in den vergangenen zehn Jahren ein treues Publikum erspielt haben und langjährige Partnerschaften mit tollen Veranstaltungsorten in der ganzen Deutschschweiz haben aufbauen können. Um im Kuchen nachhaltig wahrgenommen zu werden, braucht es jahrelange, beständige und gute Arbeit und ein Alleinstellungsmerkmal: Bei uns sind das unsere sprachlich präzisen und musikalisch wohlklingenden Mundartlieder.    

Dieses Jahr seit Ihr zehn Jahre als Mundartkabarettisten zusammen, andere lassen sich da scheiden. Wie pflegt Ihr Eure Freundschaft, kracht es zwischendurch, was hat der eine vom Anderen gelernt? Wir tragen unsere Konflikte einfach auf der Bühne aus. Das macht viel mehr Spass, sichert uns und dem Publikum lustige Momente auf der Bühne und erhält den Hausfrieden im Duo. Privat sind wir nämlich beide sehr harmoniebedürftig. Nater hat von Valsecchi in den letzten zehn Jahren gelernt, auch mal vorne auf der Bühnenrampe einen Applaus entgegenzunehmen. Valsecchi hat von Nater mittlerweile einige Kapitel musikalische Harmonielehre abbekommen und kann schon drei Akkorde auf dem Klavier spielen.  

Wie habt Ihr die Viruspause erlebt und überlebt, gab es eine Lohn- und Sinnkrise?Zum Glück waren und sind wir als Künstler*innen in der Schweiz während dieser Krise vergleichsweise gut abgesichert. Das Ausfüllen der Formulare macht natürlich weitaus weniger Spass als auf der Bühne aufzutreten. Aber Theater ist halt nun mal auch ein Beruf und da gehört es dazu, sich auch Gedanken über die finanzielle Sicherheit, über Buchhaltung, Pensionskassen und Ertragsausfälle zu machen. Wir haben beide unsere Tätigkeit etwas verlegt und zum Beispiel Podcastprojekte oder Kulturvermittlungsprojekte begonnen. Das war auch sehr sinnstiftend.

Habt Ihr auf dem Nachtischchen einen Notizblock, da bekanntlich die besten Einfälle kurz nach dem Aufwachen kommen oder ist der Zug, das Migros, die Badi etc. der beste Ideengeber für komische Ideen?
Der beste Ideengeber ist tatsächlich, das Leben in vollen Zügen zu geniessen, am gemeinschaftlichen Leben teilzunehmen und so zu spüren, was einem selbst und was die Menschen umtreibt. Wir sind beide sehr politische Menschen. Also sind Erfahrungen in politischen Kommissionen, die mediale Berichterstattung und das Dorf- und Stadtleben eine grosse Inspiration für Liedtexte und Conférencen.


 Privat weiss man nichts von Euch. Wie lebt Ihr und was habt Ihr für Hobbies?
Na ja, man weiss schon das eine oder andere über uns. Diego ist mit der Schauspielerin Milva Stark verheiratet. Während der Pandemie haben die beiden den Podcast „Neulich bei Schauspielers…“ gemacht, hier kann man einiges über die Beiden erfahren. Pascal ist verheiratet mit einer Psychiaterin und lebt in Suhr bei Aarau. Diego kann richtig gut sticken, Pascal bäckt weitherum das beste Vollkornbrot.

Gibt es ein geheimes Ritual bevor Ihr mit Rosenhochzeit auf die Bühne geht?

Weil es ja ein Jubiläumsprogramm ist, gratulieren wir uns bereits vor dem Auftritt zum Jubilum und heben ein Glas Prosecco.

Weitere Informationen zur Valsecchi & Nater hier  

Ligerz – Durch Wald und Rebberge mit Friedrich Dürrenmatt


Weil der Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt diesen Monat seinen 100. Geburtstag hätte feiern können, gibt es nun an seinem ehemaligen Wohnort Ligerz , wo er „der Richter und sein Henker“ schrieb einen 5km langen Themenweg mit 13 interaktiven Posten. Ein Erlebnisbericht.

Zwar hat er den Nobelpreis für Literatur nie bekommen, aber auch Jahre nach seinem Tod ist der Emmentaler noch immer als Schullektüre jedem bekannt. In Konolfingen widmet sich der Rundweg seiner Kindheit und Jugend, in Ligerz seinem Werk und Erwachsenenleben.

Bereits die Zugsfahrt von Neuenburg, wo Dürrenmatt starb und es das Museum gibt, an den Bielersee ist eine Reise wert. Dann nur wenige Schritte vom Bahnhof Ligerz zur dahinterliegenden Standseilbahn, wo ein Fahrer im Vinifuni die Gäste zum Lachen bringt und durch die Reben nach Preles auf die Jurakette fährt und der Rundweg beginnt.

Hinter dem Bahnhof liegt das Schulhaus und ein erster Kakadu, Dürrenmatts Haustier und Maskottchen des Rundweges, das auf den ersten Posten zeigt. Neben kurzen zweisprachigen Informationen zum Schriftsteller leuchtet ein QR-Code am unteren Postenrand. Den gilt es jetzt und bei den nächsten 12 Tafeln über die 5 km mit dem Smartphone zu scannen. Sofort zeigt das Internet zu einem Stichwort wie Theater, Malerei, Beziehungen, Veröffentlichungen usw. Fakten und Anekdoten aus dem Leben des wichtigsten Literaten des Landes an. Die Mischung aus Grundinformation gespickt mit eher Unbekanntem ist schnell gelesen und bringt Neues an den Tag. Oder wussten Sie, dass der Friedrich zweimal von der Schule flog, das Studium abbrach und seine beiden Söhne, obwohl er zeitlebens der Religion entsagte, Pfarrer wurden wie ihr Grossvater?

Der erste Teil geht etwa zehn Minuten der Strasse in Perles entlang, dann über Feld durch den Wald bevor dann das letzte Drittel eine der schönsten Ecken des Landes zeigt, den Bielersee mit der St. Petersinsel und die Kirche Ligerz, wo viele heiraten, weil es hier so schön ist. Momentan sind auch die Reben voller Trauben und zusammen mit den Fakten, dass einige Stücke wie „Der Besuch der alten Dame“ im Seeland spielt und „der Richter und sein Henker“ in der Kommune oberhalb Ligerz, wo Dürrenmatt mit seiner ersten Frau lebte und drei Kinder zeugte, machen den steilen Abstieg erträglich. 

Der neue Friedrich Dürrenmatt Themenweg ist eine zeitgemässe Literatur-Handy-Wanderung, die den Dramatiker, sein Werk und die Gegend gekonnt verbindet und mit guten Schuhe in zwei Stunden bergab durchwandert werden kann. 

Riehen – Wie Frida Kahlo und ihre Schwestern den Menschen sehen

Close-up ist bis zum 2. Januar 2022 eine Ausstellung in der Fondation Beyeler, in welcher neun Künstlerinnen und deren Schaffen innerhalb der Moderne bis heute den Menschen in Porträts Selbstporträts von 1870 bis heute darstellen.

Von den rund 100 Leihgaben ist nicht nur der Aspekt die Sichtweise auf den Menschen von Malerinnen wichtig sondern die Tatsache, dass es wohl die ersten Werke zwischen Amerika, Mexiko und Europa sind, wo Frauen überhaupt selbstständig malen konnten und ab 1870 zunehmend wahrgenommen wurden. 

Das Porträt ist für die neun Künstlerinnen der Ausstellung eine Art dem Mitmenschen zu begegnen und gleich auch noch etwas über sich selber zu erfahren. Die Ausstellung zeigt wie sich das Porträt vom reinen Abbilden im Laufe der Zeit zu einer selbstständigen Form der Wahrnehmung wandelte und es nicht mehr darauf ankam, die dargestellte Person exakt wieder zugeben sondern wie sie auf die Künstlerin wirkt.

Den grössten Star der Ausstellung ist sicher die Mexikanerin Frida Kahlo und ihre komplexe Form des Porträts. Ihre Selbstporträts sind keine Darstellung seiner selbst sondern erzählen mehr über die Hintergründe, die Krankheit der Person. Nicht abstrakt sondern exakte Pinselstriche von einem Model finden wir bei der Amerikanerin Lotte Lasterstein. Sie wahrte stets eine grosse Distanz zu ihren Models.

Malene Dumas, Cindy Sherman, Elizabeth Peyton zeigen zeitgenössische Porträts, indem sie die Wahrnehmung und das Erleben der Realität der Model mit einfliessen lassen. 

Als Begleitprojekt zur Ausstellung laden kurze Filmporträts, interpretiert von neun internationalen Schauspielerinnen, dazu ein, die vielfältigen Persönlichkeiten der Künstlerinnen aus einer anderen Perspektive kennenzulernen.


Weitere Informationen zur Ausstellung hier 

Bildlegende

FRIDA KAHLO, AUTORRETRATO CON TRAJE DE TERCIOPELO / SELF-PORTRAIT IN A VELVET DRESS, 1926

Öl auf Leinwand
79.7 x 60 cm
Privatsammlung © Banco de México
Diego Rivera & Frida Kahlo Museums Trust, México D.F. / 2021, ProLitteris, Zürich

2

PAULA MODERSOHN-BECKER, SELBSTBILDNIS ALS HALBAKT MIT BERNSTEINKETTE II, SOMMER 1906

Öltempera auf Leinwand
61 x 50 cm
Kunstmuseum Basel, mit einem Sonderkredit der Basler Regierung erworben 1939
Foto: Martin P. Bühler

ALICE NEEL, HAROLD CRUSE, UM 1950

Öl auf Leinwand
78,7 x 55,9 cm
Privatsammlung
© The Estate of Alice Neel Courtesy The Estate of Alice Neel and David Zwirner

4

ELIZABETH PEYTON, GRETA, 2019

Öl auf Holz
43,2 x 35,6 x 2,9 cm
Peter Morton, Los Angeles
© Elizabeth Peyton, Courtesy the artist and Gladstone Gallery, New York and Brussels

Spiez – Reggaeparty mit Gentlemen am Seasidefestival

Nach Autokino- und Strandkorbkonzerten freute sich Gentlemen auf sein erstes Openair wie ein kleines Kind und überzeugte das Publikum in der Spiezerbucht solange er nicht deutsch sang.

Man muss wohl der Sohn eines Pastors sein, um mit 18 Jahren eine Vision über seinen Lebensinhalt zu erhalten, die heisst, ich werde der grösste weisse Reggaesänger der Welt aus Osnabrück. Jedenfalls hat sich über die letzten zwanzig Jahre die jährliche Reise nach Jamaika gelohnt, den solange singt Gentlemen ohne Rastalocken und Joint mit internationalem Erfolg auf den Spuren von Bob Marley.

Nach einem langen Intro stand er in Jeans und Hoodie vor ausverkauftem Festival da und bedanke sich schon nach dem ersten Song bei „everbody grooving and moving people“ fürs Kommen, den die Berner Oberländer tanzten sofort mit bei einem Set, das zu Beginn nicht frei von Fehler der siebenköpfigen Band war, aber Gentlemen war das egal. Er wollte nach zwei Jahren wieder wie die Festivalbesucher das Gefühl vom Bad in der Masse geniessen und war sichtlich gerührt, dass ihm das so schnell gelang.
Seine Stimme ist ja für einen Reggaesänger etwas hoch und leider machte der 1974 geborene Deutsche bald einen Fehler. Nach einer langen Erfolgstrecke veröffentlichte er 2020 das Album „Die blaue Stunde“ mit deutschen Texten und Reggae. Der Hitpardenerfolg blieb aus, trotzdem sang er gleich vier Lieder daraus, zu Themen wie „mein Garten, Stausauger etc“. Das wirkte wie aus Platte komisch und das Publikum tanzte plötzlich nicht mehr, die ausgelassene Sommerstimmung vom Anfang verflog. Auch wirkten die Moderationen zwischendurch etwas gar wirr.

Erst als Gentlemen in seinem 75 minütigen Konzert wieder ins Englische wechselte und die Songs mit internationalen Stars wie Sean Paul oder einer der Bob Marley Söhne ertönten, tanzte das Volk wieder und als er für seine drei Zugaben ins Publikum stieg, gab es für Jung und Alt kein Halten mehr und alle jammten zum Reggae, der irgendwie den Sommer verabschiedete.


Weitere Informationen zum Seasidefestival hier 

Schwarzsee – Gion’s Tears live am Festival lac noir

Vom 19. bis 21. August fand zum ersten Mal am Schwarzsee, Kanton Freiburg, ein Festival mit lokalen und nationalen Künstlern wie Young Gods, Patent Ochsner etc. statt. Nach seinem dritten Platz am Eurovision Song Contest gab Gion`s Tears mit seiner Band The Weeping Willows das erste und einzige Konzert diesen Sommer.

-Gion`s Tears nach dem Eurovision Song Contest und einer Nummer 1 In der Hitparade wurde es ruhig um ihre Person. Was haben sie in den letzten drei Monaten gemacht?
Ich würde nicht sagen, dass die letzten 3 Monate ruhig waren weil ich hatte eine Menge Promotermine im Radio in Frankreich, besonders mit RTL und dem albanischen Fernsehen, aber auch in Spanien und Frankreich war ich zu sehen. Nachdem ESC hatte ich sehr wenig Zeit für mich.

-Das Schwarzseefestival wird ihr einziger Liveauftritt sein diesen Sommer, was kann das Publikum erwarten, da sie ja noch keine Platte veröffentlicht haben?
Ja, wegen Covis 19 und meinem engen Zeitplan wird das Schwarzseefestival mein einziger Schweizer Auftritt diesen Sommer. Das Publikum kann eine Konzert voller Energie erwarten und meine Band und ich freuen uns nahe meiner Heimat vor unseren Freunden und Familie auftreten zu dürfen.

The Young Gods oder Gustav kommen aus dem Kanton Freiburg und spielen auf dem Festival. Haben sie eine Beziehung zur lokalen Musikszene als einer aus Broc oder ist ihr Focus mehr nach Frankreich gerichtet?Ich pflege einen guten Kontakt zur lokalen Szene, weil ich gerne hier auftrete, wenn ich kann. Aber am meisten liebe ich bei diesen Momenten, dass ich meine Erfahrung mit dem Publikum am Radio, Tv oder eben live teilen kann. Da spielt es keine Rolle, ob es im Kanton Freiburg oder Frankreich ist. Wichtig ist mir das Teilen der Erfahrung mit dem Publikum in der grössten möglichen Art und Weise.

– Was sind ihre Pläne für den Rest des Jahres?Für den Rest des Jahres werde ich an meinem Album arbeiten. Ich schaue weiter nach einem Produzenten und ich werde weiter mit anderen Künstlern zusammenarbeiten. Ich werde auch nach Frankreich gehen und weiter Werbung machen. Ausserdem werde ich Teil der Sendung The Voice all Stars sein, ihr werdet mich schon bald am Fernsehen sehen.

Das Konzert

Gleich mit dem ersten Song war es da, das Markenzeichen von Gjon Muharremaj, der zu seinem Künstlernamen Gion`s Tears durch einen Elvissong kam, das Singen in hohen Stimmlagen. Und als dann der vierte Song bereits „Tout l`univers“ war und alles wie auf Platte klang, war auch dem letzten der aus Welschen und Sensler Zuschauer klar, an diesem 90 minütigen Konzert geht es um Kunst und nicht Show. Hinter einem Synthie und mit Notenblätter versteckt, sang sich der aus Broc stammende Freiburger durch Songs, die niemand kannte, den 90% der Zuschauer kannten den ehemaligen Schüler von Gustavs Talentschmiede auch erst seit drei Monaten. Seine vier Mitmusiker kamen erst im letzten Drittel zum Zug und da wurde es auch mal rockiger, vorher war es Nachmusik, die perfekt zur Kulisse des Schwarzsees passte, sphärisch. Gion’s Tears hat die Fähigkeit alleine mit seiner Stimme einen Raum zu füllen und den grössten Teil der sehr jungen Zuschauer in Bann zu ziehen, weniger als Songwriter. Für ein Openair waren die 4 Minuten Lieder zu wenig poppig und mit einer Melodie versehen, die einem nicht aus dem Ohr will. Hier muss nicht nur der noch nicht gefundene Produzent sondern auch die Band nachbessern sonst ergeht es Gion` Tears wie all den anderen Eurovisions Teilnehmer, in einem Jahr sind sie vergessen. So war es dank Wetterglück ein fehlerfreies Konzert einer grossen Stimme, die nun die richtigen Leute finden muss, damit aus dem Freiburger in der Schweiz, Albanien und Frankreich ein bleibender Star wird.

Weitere Informationen zum Lac noir Festival hier 

Gstaad – Ist Nigel Kennedy immer noch ein enfant terrible der Klassik?

Nach einem Jahr Festivalpause und unter dem diesjährigen Motto London zog der Geiger Nigel Kennedy alle Register seines Könnens und begeisterte das jüngere Publikum nicht nur mit Musik sondern auch mit Witz.

Gstaad Menuhin Festival ist, wenn man nachmittags per Zufall auf dem Weg von Schönried mit dem Star des Abends wandert und lacht. Als Schüler der Menuhinschule in London hat der in Brighton Geborene wohl eines gelernt, sich nicht verbiegen lassen im Geschäft und trotz dem Titel des Abends „when i am sixty-four“ in der gleichen Hose, Turnschuhe und Fussballert-shirt  wie nachmittags die Bühne mit einer Tasse Tee zu betreten und gleich, wenn auch etwas unbeholfen, mehrsprachig Witziges von sich zu geben. Danach spielte er Bach, den Komponisten, den er mit drei Jahren kennenlernte und dem ihm bei der Vergabe eines Stipendiums mit sieben half. 

Das zwei Stundenkonzert lebte aber nicht nur vom Können, das zweifelsfrei auch im Alter von 64 Jahren noch da ist, sondern auch vom Witz mit der vierköpfigen Band und dem Publikum. So beschrieb er den Gitarristen als einer, der von hinten wie seine Frau aussehe und von vorne wie Rolf, der ihn bei Laune halten müsse, da seine Polin nicht da sei. Das erste Arrangement und zweite Stücke des Abends galt dem polnischen Filmkomponisten Komeda, er Zufall für den in Gstaad lebenden Regisseur Roman Polanski arbeitete. Hier zeigte sich, was den auch die Spezialität dieses „enfants terrible der Klassik“ ausmacht. Er nimmt Teile des Originals und baut drumherum seine Idee und Inspirationen ein zu energiegeladenen Arrangements, die aber nie sperrig sondern bisweilen poppig daherkommen. So geschehen beim Beatlesklassiker „and I love her“ wie auch bei Gershwin, wo er am Piano sass.

Und dann wechselte er das T-Shirt, die Licht wurden greller und wilder, auf seinem Rücken lachte Jimmy Hendrik und der Rock mit der E-Violine riss auch die jüngeren Zuschauer von den Stühlen. Mit stets geschlossenen Augen holte er alles aus seiner Geige raus  und das Zelt hat wohl selten so eine Wucht an Energie und Fingerfertigkeit kleiner Hände gesehen. Klar, wollte ihn da das Publikum nicht gehen lassen und mit drei Zugaben würdigte Nigel Kennedy das besondere Klangerlebnis an diesem Festivalabend nochmals.

Weitere Informationen zum Festival hier