Bern – Queere Expedition in die Vielfalt von Natur und Gesellschaft

„Queer – Vielfalt ist unsere Natur“ so lautet im Naturhistorischen Museum Bern eine einjährige Ausstellung, für all jene, die nicht in Kategorien denken oder es noch lernen wollen. Die Ausstellung zeigt, dass die Natur mit Geschlecht und Sexualität spielt, verwirrt und stellt Bekanntes in Frage.

Vor einer roten Tür warten in einer Schlange Männer und Frauen, alle hetero, bis fünf in den Vorraum der Sonderausstellung dürfen, wo ihnen ein Frau mit Schnauz erklärt, was Kurator Christian Kropf bis zum 10. April 2022 im Naturhistorische Museum auf einem poppigen Parcour auf zwei Etagen zusammengestellt hat, viel Queerness aus dem Tierreich und den Menschen. Die gesellschaftlichen Debatten über was nun ein Mann oder eine Frau ist und wer sie/er liebt, sind im Gang aber eher in der Subkultur, doch nun erkennt die Gesellschaft, was das Tierreich schon lange kennt, die Vielfalt.

Bald einmal merkt der Zuschauer zwischen all den Informationen auf engstem Raum zum Thema Geschlecht und Sexualität, seine Identität wird verunsichert. Den längst ist das soziale und das biologische Geschlecht nicht eindeutig, genau wie im Tierreich. Die Ausstellung zerlegt das Geschlechtskonzept in seine Bestandteile und manch einem wird schnell klar, das biologische Geschlecht ist viel komplexer als vermutet. Ausserdem erklärt die Ausstellung wie Geschlecht entsteht und warum es Geschlecht überhaupt gibt. 
Die gesellschaftlichen Aspekte von Queerness und die kulturellen Auswirkungen auf die Normen und Werte, Sprache, Kultur und die einzelnen Lebensläufe sind weitere Aspekte dieser Ausstellung wie auch der Ausblick in die Zukunft, wo die Jugend zu Wort kommt über das Morgen von Geschlecht und Sexualität. 

Die Ausstellung bietet auch ein vielfältiges Rahmenprogram mit der Führung von queeren Guides, Workshops, einer Drag Late Night Show und Gesprächen an. 

Weitere Informationen zur Ausstellung hier 


Zürich – Kunsthaus zeigt die verlogenen Landschaften des Gerhard Richters


Er sagt selber, seine Landschaften seien verlogen und eine Gradwanderung zwischen Realismus und Abstraktem. Die erste Gerhard Richter Einzelausstellung bis zum 25. Juli zeigt neben 80 Gemälden auch Zeichnungen. Fotocollagen, Druckgrafiken seiner Landschaftsmalerei,  die immer einen gewissen Sog hat, auch gerade weil sie nicht die Wirklichkeit zeigt. 

Die Kuratoren Hubertus Butin und Cathérine Hug haben die Ausstellung des wohl grössten lebenden deutschen Malers Gerhard Richter in 5 Kapitel unterteilt und beginnen mit „Landschaft aus zweiter Hand“. Die Natur einer Region war durch den aufkommenden Tourismus immer wichtiger geworden als Sehnsuchtsort einer noch heilen Welt, den die Zivilisation forderte von Mensch und Natur immer mehr Tribute. Von Anfang an sieht Richter die Landschaft als ein Abmalen seiner eigenen Fotos. Das ergibt eine Aesthetik von Ausschnitt, Bildaufbau und Farbigkeit, die nahe an die Romantik kommt. Der weite Himmel, Wolkenbilder und Regenbögen, Sachen, die das Volk mag und keinem wehtun. 

Doch in „Landschaften in der Abstraktion“ sieht man, das Gerhard Richter in den 60ier, 70ier seine Gebirgs-, Park- und Stadtbilder malerisch noch weiter auslotet. Oft gehen nun die Formen der Landschaft einen eigenen Weg, die Wirklichkeit spielt keine Rolle mehr. Landschaftsmotive werden übermalen, aufgespachtelt, abgeschabt. 
Interessant ist an dieser Ausstellung, dass der Zuschauer die Möglichkeit hat, Fotografie und Bearbeitung nebeneinander zu bestaunen. Und trotz aller Abstraktion ist es eine Ausstellung des Schönen. Gerad Richter blendet alle Verwüstungen der Zivilisation in der Natur aus und bei der Betrachtung stellt sich die Sehnsucht nach einer heilen Welt ein und die Natur ist immer positiv besetzt, weil das Nebulöse, Verschwommene eine glatte Oberfläche erzeugt, doch die tut in diesen tristen Zeiten sehr gut.


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Bilder
1Gerhard Richter, Vierwaldstätter See, 1969 Öl auf Leinwand, 120 × 150 cm Daros Collection, Schweiz; Foto: Robert Bayer

2
Gerhard Richter, Abstraktes Bild, 1987 Öl auf Leinwand, 62 × 72 cm Niedersächsische Sparkassenstiftung im Sprengel Museum Hannover; Foto: bpk/Sprengel Museum Hannover / Aline Herling/Michael Herling/ Benedikt Werner

3Gerhard Richter, 8. Juni 2016 (7), 2016 Öl auf Fotografie, 16,7 × 12,7 cm Privatsammlung

4
Gerhard Richter, Piz Surlej, Piz Corvatsch, 1992 Öl auf Fotografie, 8,9 × 12,6 cm Sammlung Peter und Elisabeth Bloch; Foto: Christoph Schelbert, Olten

Olten – David Lynch zur Eröffnung des Fotomuseums

Gleich mit seiner Eröffnung präsentiert das IPFO Haus der Fotografie in Olten zum ersten Mal in der Schweiz den Meister des Surrealen David Lynch mit 120 Fotos bis zum 27. Juni.

Ein Verein von 6 Leuten zu denen auch der Emmy Award Gewinner Marco Grob aus Olten gehört, hat in diesen schwierigen Zeiten mit eigenem Geld das ehemalige Naturhistorische Museum renoviert, umgestaltet und präsentiert nun 120 Fotos von einem Mann, dessen eigene Sichtweise vielen Angst macht. 

Normalerweise weicht die Sicht auf die Dinge der Welt von der sehr eigenen kindlichen zur allgemeinen, nachdem man die Schulen durchgemacht hat, nicht so bei David Lynch. Bis zu  seinem jetzigen 76. Lebensjahr hat er ein Auge und Talent Surreales einzufangen und besonders seine Filme sind  Meisterwerke davon. Ein Krüppel, für viele weder Mensch noch Tier wird in einen Käfig gesperrt und von den Schaulustigen auf dem Jahrmarkt gequält bis ihm die Flucht gelingt in „Eraserhead“. Oder der Strassenfeger der 80ier „Twin Peaks“ wo einem bereits Lynchs Titelsong in einen Sog zog auf der Suche nach dem Täter von Laura Palmer.

So verwundert es nicht, wenn bereits im Erdgeschoss das Düstere, Mysteriöse in den Fotos einem verunsichert, auch deshalb, weil Lynch lange bevor es alle gemacht hat, mit Fotoshop gearbeitet hat.Nacktes und ungewöhnliche Kompositionen mit dem weiblichen Körper zeigt der erste Stock und jeder fragt sich, war es die Isabelle Rosellini, die Schauspielerin aus „Blue Velvet“, die ihm Muse stand?

Das auch Schneemänner und alte Industriequartiere in den USA, Polen, Deutschland auf ihrem Weg zum Verfall für Lynch ein Schönheit sind und Geschichte erzählen, zeigt der zweite Stock. 
Schade, das David Lynch zur Eröffnung des Hauses der Fotografie nicht anreisen kann, doch „Infinite Deep“ kuratiert von Nathalie Herschdorfer ist auch so eine Reise nach Olten wert. 


Weitere Informationen zum Fotomusem hier 

Die Fotos wurden zur Verfügung gestellt.

Murten – Lichterrundgang gegen dunkle Zeiten

Mit zwei monatiger Verspätung und gegen alle Widerstände leuchtet Murten bis zum 28. März an den zwei Ausstellungsstandorten Museum und Feuerwehrlokal und etlichen Ausseninstallationen in einer abgespeckten Version des jährlichen Lichterfestivals.

Projektleiter Simon Neuhaus ist wie alle Murtner, wer ihre Geschichte kennt, weiss wieso, ein Kämpfer und kann seit heute durchschnaufen. Rechtzeitig zur Museumswiedereröffnung kann auch die coronagerechte Version des Lichterfestivals stattfinden, was heisst, man muss die Eintrittskarten über das Internet kaufen und die Mindfulapp runterladen und sich anmelden. Mit Maske beginnt dann der Lichtrundgang beim Museum. Zwischen Ritterrüstung und alten Gemälden hat es fünf Lichtinstallationen. Diese sind recht klein gehalten und unterscheiden sich nicht von Sachen, die man sonst in regulären Ausstellungen sieht. Regionale Künstler und Berner gelingt es teilweise das Spiel mit dem Licht und menschliche und gesellschaftliche Fragen dazustellen. 

Hier gilt wie auch für den Rest der Innen- und Aussenausstellung, das Auge isst mit und nur schon das Licht als solches nach Wochen des Lockdowns in den eigenen Wänden tut gut.  Doch nach 10 Minuten heisst es auschecken und zum Seebecken runterlaufen, wo Welsche Neoseerosen auf der Wiese beleuchten und nach den steilen Gang ins Stedli zur französischen Kirche hat ein Murtner Künstlerehepaar die Bäume im französischen Kirchenpark farbig verkleidet und es leuchtet wieder.

Doch die Zeit eilt, denn mit dem Kauf einer Internetkarte ist noch ein zweiter Ort mit einer Multimediashow von einem Murtner Filmgrafiker im Alten Feuerwehrlokal nahe der Migros inbegriffen.

Am Boden sind Hölzer, einige Tannen, Baumstrunke und in der Mitte ein Teich. Eine Traumwelt fast wie im Avatarfilm beginnt dann unter dem Titel „Traum am Wasser“ an den Wänden und im Teich während rund zehn Minuten mit Musik sich zum Leben erwecken. Fantasiewesen und Natur ergänzen sich, alles ist farbig und rauscht schnell an einem vorbei wie in einem Film. 

Wieder auf der Strasse geht es vor dem Murtentor auf einem Weg den selbst Einheimische nur selten gehen hinter der reformierten Kirche der Ringmauer entlang. Auch dem Weg durch die Nacht kommt hier der diesjährige Lichtrundgang dem ursprünglichen Lichterfestival nahe und grosse Projektionen an der Mauer wie in den Schrebergärten wechseln sich ab und lassen einem nochmals eintauchen in Lichtmomente.

Für die Kleinstadt Murten, wo es wenige kulturelle Höhepunkte gibt, ist es wichtig, dass die abgespeckte Version des Lichterfestivals als Lichtrundgang stattfindet und so ein wenig Abwechslung in den Lockdown bringt. Allerdings muss ganz klar gesagt werden, für Zuschauer von weit, ist der Lichtrundgang nur mit einem Ausflug an den Murtensee empfehlenswert, da er im Vergleich zu anderen Jahren klein ist. Aber eben klein und fein zwischen 17.30 bis 22 Uhr bis zum 28. März.


Weitere Informationen zum Murten Lichtrundgang hier 

Bern – Fleisch von der Lust und dem Ekel eines Nahrungsmittels

„Man ist, was man isst“.  Die Nahrung ist für manche Religion und ein Lebensmittel hat über die vergangenen 150 Jahre einen Wandel durchgemacht, das Fleisch. Neben dem Genussmittel hat das Fleisch auch eine künstlerische und literarische Tradition. Die Schweizerische Nationalbibliothek hinterfragt in der Ausstellung „Fleisch – eine Ausstellung zum Innenleben“ bis zum 30 . Juni die Rolle des Stoffes zwischen Lebewesen, Ware und Genussmittel.

Ausstellungskurator Dr. Hannes Mangold setzt seine kleine Ausstellung als multimediale Schau aus fünf Bereichen mit Videos, Plakaten, Büchern, Gemäden etc zusammen und beginnt gleich mit dem aktuellen „Verzichten“ am Eingang. Mitte des letzten Jahres steckten sich in einer deutschen Grossschlachterei die ganze Belegschaft mit Corona an weil die Hygienestandart sowohl bei der Verarbeitung des Billigfleisches wie bei der Menschen nicht eingehalten wurden. Das ist nur der jüngste Skandal in einer Reihe von vielen, die natürlich ein gefundenes Fressen für die Vegetarier und Veganer sind, den Fleischkonsum zu verdammen. Doch bereits Anfang letzten Jahrhunderts zeigt Mangold gab es mit dem Verbreiten der Herstellung des Müslis und später mit der Eröffnung der Hiltl-Restaurants Bestrebungen nach Alternativen zum Fleisch. Dieser Trend hat sich über die negativen Auswirkungen der Tierhaltung auf den Klimawandel noch verstärkt.

Hatte früher ein Bauer von der Aufzucht bis zum Töten eines Tieres oder der Jäger nach der Jagd die Kontrolle über die Verarbeitung des Fleisches, so macht das heute fast nicht mehr der Metzger, da dieser Beruf ausstirbt wie ein Videos zeigt sondern die Grossschlachterei. Wie weit von der Realität die Werbung bis Anfang des Jahrhunderts über die Verarbeitung von Fleisch war, zeigen die zahlreichen Plakate. Heute sind diese fast ganze verschwunden. 

Fuhr Friedrich Dürrenmatt von Neuenburg zum Essen in der Berner Altstadt gabs Blutwurst und Sauerkraut. Seine Erzählung „Wurst“ oder Carl Spittelers Gedicht „Salami“ finden sich genauso in der Ausstellung wie der Fleischroman schlechthin vom gelernten Metzger Beat Stechi „Blösch“. Von Dürrenmatt gibt es noch ein Gemälde zum Thema. 

Fleisch – das Alltagsprodukt für Arm und Reich. Geliebt und gehasst und trotz Ersatz wie Würste aus Kichererbsen wird Fleisch nie ganz vom Teller verschwinden, aber die Ausstellung in der Schweizerischen Nationalbibliothek hinterfragt die Essenskunst über die letzten Jahrzehnte und die Bedeutung von Fleisch für seine Konsumenten.

Weitere Informationen zur Ausstellung hier 

Zürich – Lukas Hartmann über die Wege des Malers Louis Soutter


Am 4. Juni jährt sich der 150. Geburtstag des Schweizer Künstlers Louis Soutter, der zeitlebens ein Aussenseiter in der Kunstwelt und in der Gesellschaft war, aufgrund seines exzentrischen Lebensstils in ein Heim im Schweizer Jura eingewiesen wurde. Zunächst hielt noch sein berühmter Cousin Le Corbusier zu ihm. Lukas Hartmann gibt in „Schattentanz – die Wege des Louis Soutter“  Einblicke in die getriebene Seele des über die Schweizer Landesgrenzen hinaus bekannten Soutter

  • Wann ist Ihnen Louis Soutter zum ersten Mal begegnet?
  • Lukas Hartmann: Ich habe, beinahe zufällig, 2002 eine Ausstellung mit seinen Werken im Kunstmuseum Basel besucht. Kaum je war ich vom ersten Moment an so beeindruckt, nein gebannt von einem Künstler wie damals. Seither haben mich vor allem Soutters Fingermalereien nie mehr losgelassen. In ihrer Vieldeutigkeit entdecke ich bei jedem genauen Hinschauen etwas Neues, oft Bestürzendes und tief Menschliches.  
  • Wann wussten Sie, dass Sie über ihn schreiben wollen?  

  • Lukas Hartmann: Das dauerte lange. Ich las, was es über ihn gab, machte mir Notizen zum biographischen Material, das ich zusammentrug, auch dank dem Musée de l’Art Brut in Lausanne, wo Soutter lange einen Platz hatte. 
  • Er war ja zu Lebzeiten am Rande der Gesellschaft, völlig unbekannt in der Kunstwelt.  
    Sein berühmter Cousin, der Architekt Le Corbusier, war einer der wenigen, die sich für ihn eingesetzt haben.
  •  Lukas Hartmann: Es gab noch andere, die ihn zu seinen Lebzeiten anerkannten, René Auberjonois war einer von ihnen. Aber Le Corbusier war unstreitig der Wichtigste. Ich denke, ihn zog genau das an, was er bei sich selbst vermisste: das Imaginitive, das Ungeplante, die Kraft der inneren Bilder. Was sie auseinanderbrachte, war die Politik, die Haltung zum Faschismus. Soutter lehnte Mussolini vehement ab; Le Corbusier war fasziniert von den neuen Möglichkeiten, die sich ihm boten, von der Sprache, den Gebärden der Macht. Außerdem lehnte er Soutters Fingermalerei vehement ab. 

 Heute erzielen Soutters Werke hohe Auktionsergebnisse. War die Welt damals noch nicht reif für dessen Kunst?  


Lukas Hartmann: Ja, Soutter ist den Weg eines singulären Expressionisten gegangen. Er hatte keine Vorbilder, verließ sich allein auf seine innere Welt. Seine Bilder verängstigten das zeitgenössische Publikum – es wollte lange nichts von ihm wissen.

  Ein Paradox: Je kleiner Soutters Lebenskreis, um so radikaler und freier seine Kunst. Was bedeutet Freiheit für einen Künstler?  

Lukas Hartmann:  Sie kann ihn einschränken, durch Uferlosigkeit erschrecken. Bei Soutter hat sie aber den Horizont weit geöffnet, seine Imagination beflügelt – und ihm die Fähigkeit verliehen, im Blick nach außen eine beinahe seherische Gabe zu entwickeln. 

  • Auch Ihr letzter Roman Der Sänger war ein Künstlerroman, ein tragisches Künstlerschicksal. Hängen die beiden Bücher zusammen?  
  • Lukas Hartmann: Ich denke schon. Beim Sänger zwingen die politischen Ereignisse den Sänger Joseph Schmidt zur Emigration – er muss sich der Wirklichkeit stellen, die er lange auszublenden versuchte. Und bei Louis Soutter hilft der radikale Rückzug nicht dagegen, dass ihn die Außenwelt trotzdem bedrängt und er sie in visionären Totentanzmotiven darstellen muss. 

Das Buch Lukas Hartmann Schattentanz. Die Wege des Louis Soutter 

 erschien im Diogenes Verlag. Weitere Informationen hier

Fotos copyright Vanessa Lages Alves wurden zur Verfügung gestellt 

Gryon – „Das Licht in dir ist Dunkelheit – der Waadtländer „Millenium“ Krimi von Marc Voltenauer




Die Welt gerät im abgeschiedenen Bergdorf aus den Fugen als ein Toter grausam zugerichtet wie Jesus am Kreuz in der Kirche gefunden wird und dies der Auftakt ist zu einer blutigen Serie. Kann der Kommissar aus Lausanne dem kaltblütigen Täter, der sich als Instrument Gottes sieht, das Handwerk legen? Endlich erscheint der Bestseller aus der Romandie “ Das Licht in dir ist Dunkelheit“ in der zweiten Muttersprache des Autors Marc Voltenauer auf Deutsch am 18. März.

Warum wählten Sie Gryon oberhalb Aigle, das Sie seit Ihrer Kindheit kennen und nun da leben, als Schauplatz Ihres Krimis? Wie hat die kleine konservative Gemeinde auf einen Mord in der Kirche reagiert?
Eigentlich ist es mein Partner Benjamin, der in Gryon aufgewachsen ist. Ich kenne Gryon seid wir uns kennengelernt haben, vor etwa 15 Jahren. 2011, waren wir auf einer spannenden Weltreise. Ich war schon ein grosser Krimileser, aber während dieser Zeit habe ich umso mehr Bücher gelesen. Ich fand es faszinierend, eine Geschichte von Grund auf zu erfinden und zu erzählen. Spannung erzeugen. Das Interesse des Lesers wach zu halten. Ich dachte dann : «es muss spannend sein ein Krimi zu schreiben». Ich bewunderte all den Autoren, die ich las, aber ich fühlte mich nicht wirklich in der Lage, mich auf ein solches Abenteuer einzulassen.

Einen Kriminalroman zu schreiben, war also nicht ein durchdachtes und ausgereiftes Projekt. Ohne dass ich sie wirklich realisiert habe, hat sich die Idee irgendwie durchgesetzt.

Nach unserer Rückkehr von der Reise blieben wir ein paar Monate in Gryon bei meinen Schwiegereltern. Die Idee kam mir ganz natürlich. Gryon war der perfekte Schauplatz für einen Krimi: die einzigartige Atmosphäre eines kleinen malerischen Dorfes, das Savoir-vivre der Berge, die warme Atmosphäre der Chalets, die verschiedenen öffentlichen Plätze, das Dorfleben, die beeindruckende Aufteilung der umliegenden Massive, die rauen Winter.

Gryon schien mir also das perfekte Setting für einen kaltblütigen Mörder zu sein.


Sie stehen um fünf Uhr morgens auf, schreiben. Ist das Bergdorf so langweilig oder woher kam als ehemaliger Bankler die Faszination für Krimis?

Gryon’s Dorf und das Leben in den Bergen ist überhaupt nicht langweilig. Ich fühle mich dort gut. Mit der Zeit neige ich dazu, aus den Städten zu fliehen. Meine Faszination für Krimis geht auf meine Teenagerzeit zurück, als ich mit Agatha Christie anfing, und dann wandte ich mich sehr schnell den nordischen Thrillern zu, dank meiner Mutter, die eine große Leserin ist. Aber ich mag auch Krimifilme und Serien.

Dass ich morgens um 5 Uhr aufgestanden bin, hing zunächst damit zusammen, dass ich noch in einer Firma arbeitete. Das frühe Aufstehen ermöglichte es mir, 1-2 Stunden vor der Arbeit zu schreiben. Es war eine frustrierende Erfahrung, weil ich Schwierigkeiten hatte, das Schreiben loszulassen… Heute, wenn ich mich zu 100 Prozent dem Schreiben widmen kann, stehe ich immer noch gegen 5 Uhr morgens auf, weil das meine liebste Tageszeit zum Schreiben ist.



 “Das Licht im dir ist Dunkelheit” ist nicht nur Krimi auch Thriller nämlich wie die “Millenium” Bücher. War Stieg Larsson ein Vorbild oder eher das alte Testament als studierter Theologe?
 Ich habe natürlich Millenium gelesen, aber meine Vorbilder sind eher Mankell und Camilla Läckberg. Ich bin süchtig nach nordischen Krimis, besonders nach schwedischen, da ich halb Schwede bin und schwedisch meine Muttersprache ist. Was ich an einem Krimi mag, ist natürlich die Handlung, aber es ist auch die Atmosphäre und das Setting, in dem die Geschichte angesiedelt ist.

Die kleine Stadt Ystad an der Ostsee mit ihrer hanseatischen Vergangenheit, den Fachwerkhäusern und der hügeligen Landschaft (Henning Mankell). Das kleine Fischerdorf Fjällbacka mit seinem Schärengarten aus vielen kleinen Inseln (Camilla Läckberg). Daher kam auch meine Inspiration : genau wie Ystad oder Fjällbacka, hatte Gryon die gleichen Eigenheiten.

Der Kriminalroman, oft mit der urbanen Welt assoziiert, wird aufs Land exportiert. Schüsse werden selten. Manchmal tragen sogar die Inspektoren keine Waffen. Das ungezügelte Vorgehen der amerikanischen Polizei weicht einer gewissen Langsamkeit. Ein falscher Rhythmus, der dem Leser Zeit gibt, sich die Szenerie vorzustellen, die Figuren kennen zu lernen. Aber es ist tatsächlich ein falscher Rhythmus, denn die Handlungen führen uns in eine intensive psychologische Spannung, die durch die Atmosphäre des Sets verstärkt wird.

Jenseits der Action und der Handlung steht der Alltag im Mittelpunkt der Erzählung. So folgen wir den Figuren in einer scheinbar tödlichen Langeweile, aber wir lernen sie und die existenziellen Fragen, die sie beschäftigen, kennen. Um in die Tiefe zu gehen. Um die Atmosphäre aufzusaugen.

Die Theologie ist auch einen wesentlichen Bestandteil meiner Romane. Meine Berufung als Pfarrer war mit einem Interesse am Menschen als Ganzem verbunden: die psychologische Ebene, seine spirituelle Dimension, seine existenziellen Fragen… Dieses Interesse begleitet mich, wenn ich schreibe. In meinen ersten Krimi, ist steht die Theologie auch im Mittelpunkt der Intrige : eine der Hauptfiguren ist eine Pfarrerin, die Kirche von Gryon ist ein Mordplatz, der Mörder, oder besser gesagt – der Mann, der kein Mörder war – findet seine Inspiration in der Bibel und hinterlässt biblischen Versen auf dem Tatort.

In meinen Krimis ist alles weit entfernt von einer manichäischen Vision in Schwarz oder Weiß, sondern spielt sich in Grautönen ab. Das ist es, was mich interessiert! Die Integration von Nuancen – oder sogar Widersprüchen – in das Herz eines jeden Charakters hilft, nicht ins Moralisieren zu verfallen. So wird der Leser im Laufe der Geschichte entdecken, dass jeder Charakter sowohl helle als auch dunkle Seiten hat. Und dass man, auch wenn man die schrecklichen Taten des „Mannes, der kein Mörder war“, nur verurteilen kann, nicht umhin kommt, sich in diese Figur einzufühlen.

Das Buch ist ja schon vor einiger Zeit in Frankreich, Westschweiz erschienen und war extrem erfolgreich. Nun fallen bei der deutschen Veröffentlichung wegen Corona die Lesungen weg, wo der Marc Voltenauer Deutschschweizer in den Bann ziehen kann. Planen Sie Internetaktivitäten oder wie wollen Sie den Röstigraben überwinden?

Ich bin sehr gespannt, wie die deutschsprachigen Leser mein Buch aufnehmen werden und freue mich auf die Begegnung mit den Lesern. Ich hoffe, dass sich die Situation bessert und dass vielleicht im Frühjahr einige Veranstaltungen möglich sind. In der Zwischenzeit werden wir virtuelle Treffen organisierten. Wie auch immer, sobald es möglich ist, werde ich Lesungen machen.
Sie arbeiteten in der Pharmaindustrie, leben heute mit Ihrem Partner in Gryon. Moral, Bibelzitate ist ein Merkmal des Krimis. Bleiben die Alpen und ihre Menschen als ehemaliger Genfer für Sie weiterhin die Figuren,  über die Sie schreiben oder ist das urbane Wirtschaftsumfeld mit seinen Abgründen auch ein Platz für Ihre Fantasie?

Im Moment ist Gryon noch das Herzstück meiner Geschichten, aber nicht das einzige. Teile meiner Bücher spielen auch in Städten. Mein dritter Roman, immer mit demselben Kriminalkommissar, spielt übrigens auf einer Insel in Schweden. Und mit dem 4., der gerade auf Französisch erschienen ist, bin ich wieder in der Region und da ist die Salzgrube der Herzstück der Geschichte.

 Und wie immer zum Schluss die persönliche Frage. Was macht der Marc Voltenauer in seiner Freizeit? Ich gehe sehr gerne in den Bergen Wandern. Und Reisen tuen wir auch sehr gerne. Vor 3 Jahren, haben wir ein Wohnmobil gekauft und wir versuchen so oft wie möglich unterwegs zu sein.  

Der Krimi Das Licht in dir ist Dunkelheit erschien im Emonsverlag. Weitere Informationen hier

Zermatt – Dan Daniell über die neue CD und Abba Frida


Wenn zwei Originale wie der Baselbieter Baschi und der Zermatter Dan Daniell zusammen arbeiten, kommt Popschlager mit Herz und Tiefgang dabei raus. „Made in Zermatt“ widerspiegelt, was der Beizer und Sänger in den letzten Jahren im Alpendorf erlebt hat und hält als elften Track eine Ueberraschung mit einem Weltstar bereit. 

Dan Daniell, angenommen Sie würden in Brig oder Oerlikon wohnen, würde dann der Titel der CD auch heissen „Made in….“?Nein, ich bin geboren in Zermatt und da stellt sich gar nie die Frage, ob ich an einem anderen Ort leben möchte. Kürzlich sagte ich zu jemandem, sollte es die Wiedergeburt geben, ich möchte wieder in Zermatt geboren werden. Zu Baschi meinem Produzenten kam ich über meinen Koch, der ihn kennt. Ich habe ihn dann hierher eingeladen und war zum Einsingen eine Woche in seinem Studio.

Zwischen der letzten und der jetzigen CD ist Ihr Vater gestorben, hat dieser Verlust das Texten beeinflusst?Ich hatte für die Cd noch mehr traurige Songs, weil mich der Tod des Vaters sehr mitgenommen hat. Ich konnte mir die Seele vom Leib beim Texten schreiben und lernte loslassen. Ich liebe auch die Geschichte von Zermatt, wie die Leute hier gelebt haben, was sie bewegt hat. Ich konnte gut mit dem Vater über die Geschichte des Ortes reden. Er war ja Schafhirte und mein Bruder hat die Schafe übernommen, gerade gestern habe ich sie wieder mal besucht.

Die Cd entstand im Lockdown. Da ja immer noch Krise herrscht, ist auch Ihr Gasthof zu. Brauchen Sie Krisen, um kreativ zu sein?

Nein, mein Geist ist jeden Tag kreativ. Gerade war ich mit dem Hund spazieren und erschuf wieder neue Rezepte. Ich bin ein unruhiger Typ, mit mir kann man nicht zusammenwohnen, ich bin immer was am machen und tun.

Abba Frida ist eine gute Freundin von Ihnen. Warum haben Sie „I have a dream“ gecovert und keinen neuen gemeinsamen Song geschrieben?
Ich telefoniere mit Frida fast jeden Tag, auch heute Abend wieder. Wir sprechen Hochdeutsch und Englisch. Sie wohnt ja nicht mehr in Zermatt sondern im Kanton Waadt und bald kommen ja neue Songs der Abbas raus. Ich wollte keinen neuen Songs mit Frida aufnehmen.


Herausragend auf dem Album sind „Lach die Sonne“ und „ein Lied“. Können Sie was über die Entstehung dieser tiefgründigen Songs sagen?

Lach die Sonne ist ein Song, den ich auch im Restaurant singen kann, er ist positiv. Er hat eine Botschaft, die sagt, dass man nicht immer das Negative denken soll sondern das Schöne, Gute sehen und zurück zur Natur gehen, zu den vielen kleinen Dingen.

Ein Lied ist so ein Song, den Mütter ihren Kinder vorsingen können und den dann die Kinder ein ganzes Leben im Ohr haben und sich an einen schönen Moment erinnern.

Was macht Dan Daniell in seiner Freizeit?

Etwas, was man noch nicht von mir weis, ist das ich Kräuter sammle. Skifahren war nach dem Oberschenkelbruch lange nicht mehr möglich, aber wandern ging nach der Operation noch. Also suchte ich auf  dem Riffelberg oder anderswo Heilkräuter. Meine Grossmutter hat mir ein Heilkräuterbuch gegeben, den ich glaube, dass gegen jede Krankheit ein Kraut gewachsen ist. Und der Alpenroseblütentee schmeckt so herrlich. 

Weitere Informationen zu Dan Daniell und der CD Made in Zermatt hier

Zürich – Wie Bundesrat Alain Berset die Krise erlebt

Dem Publizisten und Ex-Chefredaktor der NZZ Felix E. Müller aus Zürich war wie Bundesrat Alain Berset sofort klar, die Corona-Krise hat eine historische Bedeutung, den nichts seit dem zweiten Weltkrieg hat bis heute und noch lange Auswirkungen auf das persönliche Leben. Im Sommer trafen sich die beiden zum Interview, das nun als Buch unter dem Titel „Wie ich die Krise erlebe“ erschien.

Wie gingen Sie als Person der Risikogruppen mit den Anfängen der Krise um und welche Absicht hat das Buch?

 Ich bin kein Corona-Leugner, aber auch kein Alarmist. Das Buch entstand aus einem simplen journalistischen Reflex: Wann handelte man in Bern wie und warum? Und da Alain Berset die Schlüsselfigur der Krise ist, war er der logische Gesprächspartner. Deswegen auch der gewählte formale Ansatz: ein Interview in Buchform. Berset sollte sich selbst erklären und seine Handlungsweise selbst begründen. Und natürlich war ich daran interessiert, einen Blick hinter die Kulissen werfen zu können: Wie funktionierte der Bundesrat, wie verliefen die Debatten im Gremium, wie kamen die wichtigsten Entscheidungen zustande, gab es Fraktionen innerhalb der Landesregierung

Bundesrat Alain Berset wohnt zwar nur vier Kilometer von mir, man sah ihn wenig übers Jahr, nur seine Kinder und Frau in Belfaux. War es schwierig ihn für das Projekt zu gewinnen oder war er auch dankbar einmal mit jemandem zu reden ohne Druck seines Amtes?

Ich hatte den Eindruck, dass ihn das Projekt interessierte. Mehrfach sagte er, dass ihm dieses die Gelegenheit biete, von Zeit zu Zeit von der Tageshektik Abstand zu nehmen und grundsätzlicher über die Krise und deren Folgen für Staat und Gesellschaft nachzudenken. Das tägliche Krisenmanagement empfand er primär in einer Hinsicht als belastend: Nicht das Entscheiden an sich mache ihm Mühe. Belastend sei die reine Menge von Entscheidungen gewesen. Zusätzlich kamen über das reine Corona-Krisenmanagement noch die Ansprüche des Parlaments und der Medien dazu. Eindrücklich war für mich in diesem Zusammenhang zwei Zahlen: ein Parlamentarier rückte an eine Kommissionssitzung mit einem Ordner voller Fragen an, die er beantwortet haben wollte. Und Journalisten haben über hundert Gesuchen für die Offenlegung von internen Akten  gestellt, die alle bearbeitet werden mussten.

Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern, das wissen Sie als Ex-Chefredaktor. Wird das Büchlein laufend ergänzt oder gibt es einen Nachfolger?

Ich habe im Moment keine Fortsetzung geplant. Es gelang noch, im letzten Moment mit einem Kraftakt die zweite Welle aufzugreifen. Vielleicht könnte es aber sinnvoll sein, gegen Ende der Krise das Buch in einer zweiten Auflage zu ergänzen. Da würde mich etwa interessieren, ob Berset den Föderalismus immer noch so positiv beurteilen würde, wie er das im Buch tut.

So ein Krisenmanagment kostet viel Kraft, Berset wirkt auf mich müde. Denken Sie er wird am Ende der Krise aus dem Bundesrat austreten, den der Aufbau der Wirtschaft wird ja noch lange dauern?

Alain Berset wird am Ende dieser Legislaturperiode 2022 bereits zehn Jahre als Bundesrat tätig gewesen sein. Wie alle SP-Bundesräte, die jung ins Amt kommen, ist der Ausstieg schwierig, weil die beruflichen Optionen für einen linken Ex-Bundesrat beschränkt sind. Moritz Leuenberger machte ja zeitweilig den Comedy-Clown im Zürcher Bernhard-Theater, was das Problem illustriert. So könnte ich mir vorstellen, dass Berset 2022 weitermachen wird, aber in einem anderen Departement.

Nun haben die Impfungen begonnen und Sie kommen auch bald dran. Aendert sich nun der Alltag eines Felix Müller?

Im Kanton Zürich herrscht ein derartiges Impfchaos, dass ich im Moment schlecht abschätzen kann, ob ich in drei Monaten oder in drei Jahren geimpft werde. Also sitze ich weiterhin im Homeoffice und sehne mich nach dem Frühling.

PS: Bilder vom Gespräch von Alain Berset und Felix Müller existieren nicht. Sie sassen jeweils am grossen Konferenztisch im EDI sehr weit auseinander.

Das Buch „Wie ich die Krise erlebe“ von Felix E. Müller erschien als Buch und E-Book bei NZZ Libero

Weitere Informationen hier 

Freiburg – Internationaler Soundtüftler Feldermelder zeigt sein Studio und sein Leben in der Stadt

Als Kind vom Land hörte er Pink Floyd und brasilianische Musik, heute experimentiert er jeden Tag an Sounds auf dem ehemaligen Cardinalareal. Zeit für frische Luft und einen Rundgang durch Freiburg, das er als internationaler Musiker mit Konzerten zwischen New York und Peking in der Krise neu entdeckt hat. 

Wir sind vor der Uni Freiburg, wo Sie Philosophie und Geschichte studierten, aber viel lieber im Park davor waren. Wenn Leute sagen, dass was Sie machen, sei Lärmantworten Sie ihnen„last Christmas“ sei Schrott oder wie halten Sie den Pop aus?

Als ich das Programm des Kulturlokals Fri-Son machte, hatte ich noch mit Pop zu tun. Heute höre ich kein Radio, wenig TV. Die Hitparade ist mir egal. Online bestimme ich, was ich höre und da verfolge ich schon den US-Pop und Rapsachen. Beyoncé ist ein Original und das ist interessant wie bei anderen Stilen nicht die Nachahmer.


Hier hinter dem College St. Michel hat es einen Park, den Sie gerne besuchen. Sie wuchsen in Heitenried, einem
 kleinen Dorf im Sensebezirk auf. Welche Freude war grösser, einen Walkman mit Kassette oder Platz für Soundexperimente zu haben?

Ich hatte einen Walkman, den ich immer umgebaut habe, der am Schluss ein Tapedelay war mit vielen Funktionen. Ein Platz für Musik zu machen, hatte ich lange Zeit nicht, ich wurde von allen Orten, wo ich wohnte, rausgeworfen, weil es wohl zu komisch aus der Wohnung tönte. Heute ist natürlich das Studio mein ein und alles.

Die steile Stufentreppe zur Altstadt zu Ihrer ehemaligen Wohnung über einer Auberge sind wir gegangen. „For future Holographic Suns“ Ihre aktuelle Produktion erscheint nur auf Kassette obwohl alle heute digital Musik kaufen. Haben Sie im Lotto gewonnen oder war von Anfang Ihrer mittlerweile zwanzigjährigen Musikerkarriere klar, ich mache nur, was mir gefällt?

Im Lotto habe ich nicht gewonnen, lebe aber gut, wo meiner Musik. Mittlerweile kann man diese Produktion für ein Berliner Label auch digital kaufen. Eigentlich gefällt mir der Gedanke, dass das Tape nicht alle haben. Ich mag obskure Sachen. Ich bin noch gerne exklusiv, wie Sie sagen. Exklusiv ist ein nettes Wort für meine Arbeit, die wenig Leute hören oder halt nicht die breite Masse. (wir lachen). In den letzten Jahren hatte ich Spass an der Musik, die ich an Konzerten machte, einmal und dann war sie wieder weg. Viele Fans schätzen das an meinen Konzerten. Ich produziere auch für andere Musiker, habe einiges veröffentlicht, aber so an ein Festival zu gehen und zu spielen vor 1000 Leuten ist schon geil.

An der Saane hat es Sitzgelegenheiten und sie lieben dies sehr. Färbt die Virussituation auf  Ihre Musik ab?

Eine gute Frage. Bei mir bin ich nicht sicher. Für die Kassettenproduktion verwendete ich nur Instrumente, die ich immer alle selber spiele, die zwischen jetzt und den 70ier Jahren entstanden sind, um es komplett zeitlos zu machen. Beim Label, dass ich mache, merke ich, die Leute schicken ruhigere  Musik. Es gibt keinen Sinn momentan Dancetracks zu machen, weil alles zu ist. Seit ich 15 Jahre alt war, war ich nie mehr soviel im Studio wie jetzt, wo ich Zeit habe.

Auch auf dem Cardinalgelände gibt es eine Lagerhalle Kulturfactory smem mit tausenden Synthesier, alten Kassettengeräten, Computern, die Jugendliche aus ärmeren Quartieren wie Schönberg ausleihen oder ihr Laptop im Raum nebenan anschliessen und expterimentieren können. Hier züchten Sie quasi Ihren Nachwuchs ran. Sie sind 41 Jahre alt, können durch die Strassen Freiburgs gehen ohne erkannt zu werden als Manuel Oberholzer. Vermissen Sie nie den Kontakt zu Fans als introvertierter Musiker ?

Also so unerkannt kann ich nicht durch die Strassen gehen, schliesslich kennen mich auch noch Leute ausserhalb der Musikszene. Ich habe auch in der jetzigen Krise Kontakt zu Fans via mail aus der ganzen Welt. Ich schätze es sehr auf der ganzen Welt gehört zu werden. Freiburg ist ja ein Dorf, ist Heitenried mit einer grösseren Bushaltestelle. (wir lachen).

Im Studio Blue Factory haben Sie sich eingerichtet und siehe da, neben der Elektronik hat es auch eine Zitter oder afrikanische Instrumente. Kennt der Soundtüftler Manuel Oberholzer Freizeit?

Ich kenne Freizeit nicht wirklich. Ich unterscheide auch nicht zwischen Arbeit und Freizeit. In den Ferien nehme ich dort wo ich bin Sounds auf. Ich arbeite jeden Tag 10 bis 14 Stunden. Ich liebe meine Arbeit. Ab und zu gehe ich an einen HC Gottéron Hockeymatch oder schaue Konzerte an. Ich gehe nie in Bars, höchstens etwas essen, sonst mache ich immer Musik.

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